Irgendwie hat das Thema nun zu Jahresende Konjunktur. Vermutlich weil man sich langsam über die guten Neujahrsvorsätze Gedanken machen kann. Der Staat will mal wieder auf Open Source umsteigen. Anstelle digitaler Zukunftsthemen reden wir aber über LibreOffice.

Ich möchte das gleich vorweg schreiben, weil das in den bisherigen Blogbeiträgen zu dem Thema vielleicht nicht so deutlich wurde:

Natürlich bin ich für den Einsatz von Open Source im Staatseinsatz. Mir fällt auch gar kein Grund ein, warum man dagegen sein sollte. Ich finde es auch gut, wenn der Staat hier die Initiative ergreift, langfristige Konzepte entwirft, daraus Strategie entwickelt und dem auch Taten folgen lässt. Der Trend zu Open Source-Lösungen ist ungebrochen und ich kann keine Organisation verstehen, die sich im Jahr 2021 sehenden Auges bei gleichwertigen Open Source-Alternativen auf proprietäre Software einlässt. Allerdings sehe ich auch nicht, dass dies blindlings irgendwo passieren würde.

Das ist auch für das Kernthema dieses Blogs – Datenschutz und digitale Privatsphäre – ein sehr relevantes Thema, weil jedwede Absicherung im privaten Umfeld wenig Sinn macht, wenn die staatlicherseits erhobenen Daten völlig unzureichend gesichert z. B. in die AWS-Cloud übertragen werden.

Was ich nicht leiden kann – und deshalb schreibe ich diese Blogartikel – sind weltfremde Debatten von IT-Redakteuren, die keine Ahnung vom Staatsbetrieb haben, auf jede PR-Meldung unhinterfragt aufspringen und keine Mühe auf Recherche verwenden. Flankiert von Kommentatoren, bei denen man sich bei der einen Hälfte wirklich fragen muss, ob sie überhaupt schon mal in einem ernst zu nehmenden Großunternehmen (denn nichts anderes ist der Staat) tätig waren und bei der anderen ob ihr Renteneintritt schon vor dem Jahr 2000 war. Das ganze Thema dann noch befeuert, von einer Open Source-Community, die in substanziellen Teilen im Gestern lebt und die Zukunft geflissentlich ignoriert.

Denn genau das konnte man diese Woche wieder mal beobachten. Schleswig-Holstein hat als einziges Bundesland eine ernst zu nehmende Open Source-Strategie. Die Absichtserklärung kann man hier nachlesen. Diese Erklärung ist durchaus interessant zu lesen, es werden Verweise auf die Bedeutung von Daten im 21. Jahrhundert und eine zunehmende Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung geschrieben. Es geht um Webauftritte, Intranet-Services, Kollaborationsplattformen usw. usf.

Dabei ist es nicht so, dass sich die Projekte Schleswig-Holsteins in dieser Absichtserklärung erschöpfen würde – so wie das bei vielen anderen Ländern und dem Bund gegenwärtig der Fall ist. Einen ausführlicheren neueren Bericht mit verlinkten Videos kann man hier lesen. Da geht es dann um Projekte wie die dPhoenixSuite oder Nextcloud in der Verwaltung. Das sind meiner Meinung nach die wirklich interessanten Open Source-Projekte für den öffentlichen Dienst. Denn hier geht es auch um die Frage, welche Dienstleister man betraut und was man durch Firmen der öffentlichen Hand abdecken möchte. Das sind keineswegs triviale Fragen, weil ein Dienstleister nicht automatisch vertrauenswürdig wird, nur weil er aus Deutschland kommt. Der Bund muss das gerade schmerzlich erfahren, denn der Chef des Dienstleisters für die Absicherung der Kommunikation steht im Verdacht Verbindung zum flüchtigen Jan Marsalek gehabt zu haben (s. schriftliche Anfrage der Linkspartei und Bericht des SPIEGEL).

Und worüber berichtet die „Presse“: Die geplante Migration auf LibreOffice und die lose anvisierte Umstellung auf Linux in ferner Zukunft. Echt jetzt? Zumal bei LibreOffice bzw. The Document Foundation nicht mal klar ist, ob es ein offizielles Supportvertragsverhältnis gibt.

Ich bin mir nicht sicher, ob diese Berichte mehr über die Community oder das Staatsbild der Berichterstatter aussagt. Hängt die Open Source-Community wirklich noch so am Desktop und irgendwelchen an Anciennität kaum zu überbietenden Softwarelösungen wie LibreOffice, dass man unfähig ist, die Gegenwart, geschweige denn die Zukunft zu sehen? Oder glaubt man wirklich, der Staat wäre so wenig digitalisiert, dass es ein bisschen Desktop und eine Office-Suite schon tut? Oder schreibt man einfach nur Pressemitteilungen der TDF ab, weil die auch dringend mal wieder positive Neuigkeiten brauchen? Immerhin taumelt das LibreOffice-Projekt in der jüngeren Vergangenheit eher als eine zielgerichtete Projektentwicklung zu kommunizieren.

Ganz nebenbei kann man das Projekte auch mal einordnen. Das ist bisher auch vollständig ausgeblieben. Schleswig-Holstein ist ein Bundesland, das hört sich natürlich erst mal groß an. Deshalb ist eine Zahl sehr interessant, die nur in einem einzigen Artikel – nämlich bei Golem – erwähnt wurde: 25.000. Das sind alle Arbeitsplätze, um die es geht. Das beinhaltet alle Landesbeamten und -angestellten inklusive der Lehrkräfte. Jeder kann diese Zahl wohl einordnen. Das Projekt ist nicht klein, klein wären die Vorhaben von z. B. Dortmund, aber groß ist auch was anderes. Nur mal so zum Vergleich, die Stadt München – um mal an ein früheres Projekt zu erinnern – hat ausweislich offizieller Informationen fast 40.000 Mitarbeiter. Viele Firmen oder auch nur Universitäten mit angeschlossenen Unikliniken kommen auf Mitarbeiter- bzw. Arbeitsplatzzahlen, die von den Zahlen in Schleswig-Holstein nicht so weit entfernt sind. Es ist eben auch „nur“ Schleswig-Holstein – nicht gerade das flächen- oder bevölkerungsmäßig größte deutsche Bundesland. Die Reichweite solcher Maßnahmen ist deshalb auch begrenzt. Ein umtriebiger, öffentlichkeitswirksamer und in der Community gut gelittener Digitalminister kann das auch nur begrenzt ausgleichen.

Das führt zu einem weiteren Punkt. Es gibt zig interessante Projekte im Staatsumfeld, wo Open Source evaluiert oder die Migration bereits angestoßen ist. Das sind teilweise riesige Unterfangen mit großen Budgets, vielen betroffenen Mitarbeitern und noch mehr betroffenen Bürgern. Ich hatte da mal für einen Spezialfall berichtet. Diese Projekte werden selten thematisiert, weil sie ganz offenkundig den Horizont der Journalisten der großen IT-Medien und der Community übersteigen. Die kennen nur „Linux“ und „LibreOffice“. Und damit will man die Zukunft repräsentieren?

Trotzdem wäre es natürlich schön, wenn Schleswig-Holstein Erfolg haben sollte und 2026 wirklich Microsoft Office ablöst und anschließend die Linux-Migration auf dem Desktop startet. Mal sehen, ob es 2030-2035 noch Desktopsysteme nach heutigem Vorbild gibt. Denn das sind die Zeiträume, von denen wir hier reden.

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

3 Ergänzungen

  1. Danke, hatte mich schon gefragt, wie lange es dauert, bis dein Kommentar dazu kommt. Wie immer die Situation treffend zusammengefasst. Bleibt auch hierbei wie bislang bei jedem anderen öffentlichen Projekt: Schau’n wir mal, wie’s sich entwickelt.

    • Ich stimme deiner Einschätzung der Berichtslage grundsätzlich zu, sehe das Beispiel SH aber etwas positiver, weil ich aus dem beruflichen Kontext weiß, dass sowohl Linux als auch Libre Office dort schon sehr viel weiter sind als die üblichen Ankündigungen. Beides sind Projekte, die von fähigen und engagierten Menschen seit Jahren nah an der Praxis der Verwaltung erprobt werden und das Commitment der Entscheiderinnen zu diesen Projekten wurde mit der Zeit ausgebaut statt zurückgefahren. Natürlich wandelt sich auch die Verwaltung, doch Office und OS (im Moment alles Windows-spezifisch beschafft) sind dort trotzdem noch die größten Abhängigkeiten. Egal ob noch Desktop- oder schon Web-basiert, ich sehe in meinem Bereich des ÖD fast nur noch Verfahren, die sich hin zu offenen Schnittstellen und OS-agnostisch entwickeln, so dass eine Migration auch bei Fachanwendungen mir tatsächlich in nicht allzu ferner Zukunft möglich erscheint. Nichts für ungut, wollte nur ein bisschen positive Energie loswerden.

      • ich finde es durchaus berechtigt, das die Presse über die geplante umstellung auf LibreOffice berichtet.

        Zum eine kennt anders als Nextcloud, Openxchange oder Datenbanken ein Office Paket wirklich jeder, zu andern werden auch die praktische Auswirkungen viel größer sein.

        Von der Umstellung der Datenbanken sind in jeder Behörde nur eine Handvoll Mitarbeiter betroffen, die die Systeme migrieren müssen, MS Office wird auf faste jedem Arbeitsplatz und auch für den Datenaustausch mit quasi allen andere Stellen (Bürger, Firmen, andere Behörden) genutzt.
        Der Migrationsaufwand wird riesig sein, denkt man nur an die vielen zigtausend Dokumentvorlagen, Präsentationen und Excel „Anwednungen“ die alle migriert werden müssen. Das mag nicht das innovativste Projekt sein, aber sicher das mit den größten Auswirkungen (und ich fürchte vor allen negativen).

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