Es ist eine Welt, die viele schon unwissentlich betreten und genutzt haben, aber fast niemand kennt: Bibliotheksverbünde. Im Zuge eines großen Systemwechsels steigen alle deutschen Verbünde demnächst auf Next-Generation-Systeme um. Die Frage lautet nur: Open Source oder proprietäre Cloud.

Ich schreibe eher selten über meine Arbeit oder Bereiche im Umfeld meiner Arbeit. Nachdem ich hier nun kürzlich eine Ausnahme gemacht habe, möchte ich über einen weiteren Aspekt schreiben, weil es hier durchaus interessante Schnittstellen zu anderen hier diskutierten Themen gibt.

Es ist eine Welt hinter der Welt und die meisten kennen sie, ohne es zu wissen. Jeder, der in Deutschland studiert hat, hatte schon mal Berührung mit einem der Bibliotheksverbünde – meistens ohne es zu wissen. Denn nahezu jede deutsche Universitäts- und Hochschulbibliothek ist Mitglied in einem Verbund. Möglichkeiten zur Medienrecherche, Fernleihe, Lizenzierung von E-Ressourcen usw. usf. Hinter vielen dieser Dienstleistungen stecken Verbünde. Ähnlich wie die Leistungsportfolios der Bibliotheken stetig zunehmen, übernehmen die Verbünde auch immer mehr wichtige Leistungen: Langzeitarchivierung, Forschungsdaten, Digitalisierung und vieles mehr.

Alte Systeme – komplexe Strukturen

Auf IT-Seite arbeiteten bis vor Kurzem alle Verbünde für die Kerndienstleistungen mit „gut abgehangenen“ Systemen. Eine Einführung in die Details aus Zentral- und Lokalsystem, Katalogisierung, Ausleihe usw. erspare ich euch hier. Je nach Verbund/Bundesland ist dies in der Regel OCLC Pica, oder ALPEH und viele verschiedene Lokalsysteme.

Die Systeme erfüllen aktuelle Anforderungen (mehr schlecht als recht würden manche sagen) aber alle Verbünde stehen nun vor der Herausforderung, auf sogenannte Next-Generation-Systeme zu wechseln. Um einen Eindruck der Herausforderungen zu vermitteln, die sich mit den bisherigen Systemen schlecht abdecken lassen, ein paar Schlagworte: Veränderte Publikations- und Leseverhalten erfordern gemeinsame Workflows für gedruckte, elektronische, lizenzierte Medien. Nutzer erwarten mehr als einen klassischen OPAC, sondern wollen moderne Discovery-Systeme. Immer mehr Bereiche und Dienste sollen mittels Schnittstellen angebunden werden. Vieles davon wurde auch schon mit heißer Nadel an die alten Systeme angenäht.

Dabei müssen zugleich viele alte Strukturen weiterlaufen. Nur um einen Eindruck zu vermitteln, was das sein könnte: Die Recherche nach Literatur basiert auf einer Katalogisierung. Diese geschieht für Außenstehende wie von Geisterhand, aber dahinter steckt viel Arbeit im Rahmen der gemeinsamen Katalogisierung der Bibliotheken in den Verbünden mit einem umfassenden Import und Abgleich von Fremddaten, sowie der Verknüpfung mit Normdaten wie z.B. der GND.

Die Zukunft ist jetzt – Nur welche?

Die Frage, vor der alle Verbünde stehen, ist die gleiche, vor der viele andere Bereiche stehen: Anbieter-Cloud oder Eigenentwicklung.

Wie in vielen anderen Bereichen gibt es infolge einer umfassenden Marktkonzentration nur wenige Anbieter für Next-Generation-Systeme. ALMA von ExLibris (gehört zu ProQuest bzw. nun auch zu Clarivate) oder WMS von OCLC.

Bindet man sich an diese Anbieter, speisen die Verbünde bzw. die beteiligten Bibliotheken ihre Daten in die Cloud der jeweiligen Anbieter ein – mit allen Vor- und Nachteilen. Dies kann man stark verkürzt so zusammenfassen: Man wird den Betrieb der Systeme los und kauft diese als Dienstleistung ein, aber man macht sich nahezu vollständig von einem Anbieter abhängig, der zukünftig ggf. viel schlechtere Bedingungen bietet. Umstiege sind zwar theoretisch auch in Zukunft möglich, aber gangbare Exit-Strategien unklar und die Kosten vermutlich hoch. Es handelt sich also um die klassischen Lock-in-Effekte.

Neben diesen beiden proprietären Playern gibt es im wesentlichen noch FOLIO als Open Source-Alternative. FOLIO ist ein Community-Projekt, das sich als Gegengewicht bzw. Alternative zu ALMA und WMS begreift und als wesentliche Stütze auf die Unterstützung von EBSCO zurückgreifen kann.

Der richtige Weg ist durchaus umstritten und die deutschen Verbünde nehmen unterschiedliche Wege. Manche Verbünde haben auch noch überhaupt keine Entscheidung getroffen. Der NRW-Verbund hbz ist auf ALMA gewechselt, ebenso die Berliner Universitätsbibliotheken des kobv.

Wie das für den Anwender aussieht, kann jeder beispielsweise bei einer Recherche im Katalog der HU Berlin anschauen. Das Discovery System ist das Primus-System auf Basis von ExLibris-Primo. Startet man eine Suche, bleibt man zwar optisch im Corporate Design der HU, aber die Adresszeile verrät bereits, dass man in die Cloud von ExLibris gewechselt ist.

Andere Verbünde bewerten die drohende Abhängigkeit anders als hbz und kobv – allerdings mit unterschiedlichen Konsequenzen. Der bayrische Verbund streitet noch über den Weg. Der hessische Verbund hebis evaluiert zur Zeit seine Optionen unter ausdrücklicher Einbeziehung von FOLIO.

Warum ist das interessant?

Hinter dieser Entwicklung stehen dieselben großen Fragen wie bei vielen anderen Debatten über den Einsatz von Open Source im öffentlicher Bereich. Was möchte oder muss man auslagern? Wie steht es um den Datenschutz, wenn man alle Recherchierenden in die Anbieter-Clouds schickt? Ist es sinnvoller, Dienstleistungen bei einem Anbieter einzukaufen oder selbst Expertise zu entwickeln oder aufrecht zu erhalten? Können staatliche Einrichtungen im selben Maße langfristig nicht nur den Betrieb sicherstellen, sondern auch innovative Entwicklung gewährleisten.

Letztlich ist das auch eine Frage der digitalen Souveränität, denn die Wissenschaftlichen Bibliotheken sind ein wichtiger Bestandteil der wissenschaftlichen Infrastruktur in Deutschland mit essenziellen Dienstleistungen für Forschung und Lehre. In einem Land, das keine großen natürlichen Ressourcen als Basis seines wirtschaftlichen Wohlstands hat und daher auf die Innovationskraft seiner Gesellschaft angewiesen ist, keine unwesentliche Sache. Hier muss man sich fragen, wie abhängig diese wissenschaftliche Infrastruktur von einzelnen Firmen gemacht werden darf. Eine Frage, die im Zuge der zunehmenden Konzentration im Bereich der Verlage und Firmen im Umfeld der Wissenschaften weit über die Bibliotheksverbünde hinaus weist.

Hinter diesen Einrichtungen und Firmen stehen große Player und Institutionen mit großen Budgets. Die Auswirkungen dieser Entscheidung auf das Leben der deutschen Bürger ist viel größer (statistisch studieren ja circa 50% eines Jahrgangs) als der Umstieg von Dortmund auf Open Source. Weil das Thema sich aber nicht unterkomplex auf die Schlagworte wie z. B. Windows vs. Linux runtergebrochen werden kann, findet es wenig Beachtung in den entsprechenden Medien.

Ich hoffe dennoch, dass dieser kleine Ausflug in eine andere (und für viele vermutlich fremde) Welt Interesse geweckt hat.

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

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