Das Thema verfolgt uns schon lange und wird sicher auch noch viele Jahre aktuell bleiben. Unwissenheit, Vorurteile und Ignoranz bestimmen die Debatte. In diesem Artikel möchte ich mal eine kleine Sammlung an Problemstellungen eingehen, damit die Leser dieses Blogs nicht auf jedes Kommentar reinfallen.

Der Staat und Open Source – Problemstellungen

Es gibt keine „grüne Wiese“

In der Debatte um die Digitalisierung werden immer gerne die Bilder von Faxgeräten in Behörden genutzt. Das erzeugt das vollkommen falsche Bild einer „grünen Wiese“, wo man einen grundlegenden Aufbau der IT-Strukturen vornehmen könnte.

Der öffentliche Sektor ist schon ein hochgradig digitalisierter Bereich. Es gibt zahllose Programme, Schnittstellen, Datenaustauschformate und Geschäftsgänge, die von bisherigen proprietären Lösungen in freie Lösungen migriert werden müssen. Ein Parallelbetrieb neuer und alter Strukturen müsste dabei über viele Jahre gewährleistet bleiben, da ein Gleichschritt in der Migration unmöglich ist.

„Der“ Staat existiert nicht

Es gibt nicht „den“ Staat, so wie es nicht „die Wirtschaft“ gibt. Deutschland besteht nicht nur aus dem Bund, 16 Bundesländern und über 10.000 Gemeinden. Es gibt zig Ministerien, nachgeordnete Behörden, die Universitäten mit ihren Strukturen, Schulen und zahllose andere Einrichtungen der öffentlichen Hand.

Diese Einrichtungen haben ihre eigenen Finanzmittel und diese sind zudem meist nicht mal ein Globalhaushalt. Das bedeutet, dass eine einzelne Einrichtung für eine Neuausrichtung in der IT-Struktur nur sehr begrenzte Mittel zur Verfügung hat. Mittel, die teilweise auch zweckgebunden sind. Beispielsweise können kurzfristige Projektmittel, die für Lizenz- und Hardwarekäufe vorgesehen sind, nicht einfach in Personalmittel umgewidmet werden.

Open Source ist noch nicht gleichwertig

„Der Staat“ setzt schon lange Open Source-Lösungen ein. Linux-Server sind weit verbreitet, freie Software in Form zahlloser Programme ebenso. Angebotene Cloud-Dienste basieren oft auf freien Lösungen.

Dort, wo aber keine quelloffenen Lösungen zum Einsatz kommen, sind diese meist auch noch nicht gleichwertig oder schlicht gar nicht vorhanden. Wir reden hier immerhin von hoch spezialisierten Lösungen in gänzlich unterschiedlichen Bereichen. Diese Lösungen reichen von „kleinen“ Access-Programmen bis hin zu diffizilen integrierten Systemen mit Millionen Datensätzen und einer komplexen verteilten Infrastruktur. Teilweise sind das Strukturen, die seit Anfang der 1990er gewachsen sind und seitdem gepflegt und weiterentwickelt werden.

In diesen Bereichen kann man nicht einfach den Schalter umlegen. Hier müssten umfangreiche Entwicklungsarbeiten erfolgen, um Funktionsparität zu bestehenden Lösungen herzustellen. Geschweige denn eine sinnvolle Weiterentwicklung.

Hier helfen auch keine Vergleiche der Art „Ich bin selbst erfolgreich auf Linux gewechselt“ oder Vorurteile wie „Die Beamten wollen einfach nicht“. Damit macht ihr euch lächerlich!

Der Staat befolgt Regeln bei der Bezahlung

„Der Staat“ hält sich an seine eigenen Gesetze. Exzessive Ausnutzung von Vertrauensarbeitszeit, Recht auf Teilzeit, Recht auf Erziehungszeiten, das Recht auf geregelte Arbeitszeiten und Tarifverträge treten öffentliche Einrichtungen nicht wie große Teile der freien Wirtschaft mit schöner Regelmäßigkeit mit Füßen.

Zu diesen Regeln gehört das Besoldungssystem des öffentlichen Dienstes. Gehälter werden nicht frei verhandelt (dadurch gibt es übrigens kein Blender-Bonus und kein Gender-Pay-Gap), sondern nach Eingruppierung der Stelle und Qualifikation des Stelleninhabers bezahlt. Angestellte des öffentlichen Dienstes werden nach TVöD, TV-L und einigen Sondertarifverträgen bezahlt. Manche Einrichtungen haben beispielsweise noch ihre eigenen Verträge, die meist in Anlehnung an die großen Tarifverträge ausgestaltet sind.

Es gelten die Entgelttabellen der Tarifverträge. Ein Informatiker mit einem Master-Abschluss wird in der Regel in Gruppe E13 eingestuft. Das monatliche Grundgehalt auf Bundesebene beträgt momentan 4.384,61 €. FH-Absolventen und solche mit einer Ausbildung werden sogar noch tiefer eingestuft, in E11 respektive E9. Es gibt in gewissem Maße Zulagen und einen Aufstieg nach Dienstalter aber der Arbeitgeber kann diese Gehälter nicht beliebig anpassen. Man könnte natürlich den kompletten höheren Dienst besser bezahlen, aber das bezöge sich dann eben nur nicht auf IT-Personal, sondern alle entsprechend eingruppierten Stellen. Man braucht nicht viel Fantasie um sich die entsprechende Schlagzeile in der Presse vorzustellen.

Getroffene Personalentscheidungen sind zudem für die Ewigkeit. Unbefristete Verträge können nahezu nicht gekündigt werden. Das gilt auch für Angestellte des öffentlichen Dienstes und nicht nur für Beamte. Personalführung und die Aufrechterhaltung eines hohen Qualifikationsniveaus sind gerade im IT-Bereich eine riesige Herausforderung. Gleichzeitig können bei Projektfinanzierungen nur befristete Verträge abgeschlossen werden, was gerade bei Migrationsprojekten die Personalgewinnung noch schwieriger macht.

Es sollte dem letzten Naivling klar sein, wie schwer es ist, mit diesen Gehältern ausreichend qualifiziertes Personal auf einem schwierigen Arbeitsmarkt zu gewinnen. Man kann das mit Outsourcing der Dienstleistung umgehen, aber dieselben Kommentatoren, die immer Open Source im Staatseinsatz fordern, meckern dann über Beraterverträge im öffentlichen Dienst. Außerdem würde Outsourcing neue Formen der Abhängigkeiten erzeugen.

Es ist somit unter den gegebenen Bedingungen nahezu unmöglich, dass der Staat seine Programme in großem Stil selbst entwickelt.

Der Staat befolgt Regeln bei der Ausschreibung

Staatliche Stellen können nicht einfach den Dienstleister um die Ecke beauftragen, weil der dem IT-Leiter gut bekannt ist oder man den Internetauftritt so schön findet. Staatliche Aufträge müssen ausgeschrieben werden. Es gibt immer umfassende Evaluationen der möglichen Lösungen. Diese Ausschreibungen sind komplizierte Verfahren und noch komplizierter wird es, wenn man etwas ausschreibt, das es eigentlich schon in proprietärer Form gibt, man aber trotzdem eine Neuentwicklung möchte. Wegen der prekären Situation vieler Open Source-Projekte und dazugehöriger Firmen, erfüllen diese oft nicht die Kriterien staatlicher Ausschreibungen.

Nur Verschwörungsideologen glauben hier an die dicken Geldbeutel der Microsoft-Verteter. Wenn proprietäre Software zum Zuge kommt, gibt es dafür immer eine umfassende Begründung. Open Source Software wird nie von vornherein ausgeschlossen.

Eben wegen der prekären Situation vieler Open Source-Projekte kommen bei Ausschreibungen auch nicht automatisch die Lieblinge der IT-Szene zum Zuge. Selbst wenn Open Source ein festgelegtes Kriterium ist. Jüngste Beispiele sind die Corona Tracing App, wo dann gleich wieder die Kosten moniert wurden und irgendwelche „Experten“ meinten, Firma XYZ wäre sicher billiger gewesen. Auch beim digitalen Impfpass ist mit IBM eine der großen IT-Firmen zum Zuge gekommen.

Manche Bewohner der Privatsphäre-/Datenschutz-Bubble mögen es nicht glauben, aber es ist durchaus umstritten, ob Microsoft-Produkte überhaupt gegen entsprechende Datenschutz-Gesetze und Verordnungen verstoßen. Sie wären also nicht automatisch bei Ausschreibungen ausgeschlossen.

IT ist kein Selbstzweck, Open Source kein Fördergrund

Die Motive hinter der ständig wiederkehrenden Forderung nach dem Einsatz von quelloffenen Programmen durch den Staat sind oft zweifelhaft. Wie bereits geschrieben ist die Bewertung bestehender proprietärer Lösungen hinsichtlich des Datenschutzes nicht eindeutig, digitale Souveränität ist auch bei Open Source nicht immer einfach und die Förderung von Open Source ist kein Selbstzweck.

Der Staat nutzt IT, um seine Aufgaben zu erledigen und die geforderten Dienstleistungen für die Bürger zu erbringen. Seine Aufgabe besteht nicht darin, chronisch unterfinanzierte Open Source-Projekte zu fördern oder die Community zu unterstützen.

Gerade wenn die Forderung nach mehr Open Source im Staatseinsatz aus der Community kommt, sollte man nach den dahinter stehenden Motiven fragen. Viele hoffen nämlich implizit auf einen Trickle down-Effekt. Das ist aber nicht die Aufgabe des Staates.

Abschließende Bemerkungen

Diese Liste ließe sich beliebig fortführen und zu allen Punkten noch viel mehr schreiben. Diese Punkte sind Fakten und diese Fakten sollten den Rahmen für eine Diskussion bieten. Behaltet sie bitte im Hinterkopf, wenn das nächste Mal ein großes deutsches IT-Medium Bullshit Bingo spielt oder eine NGO was von Open Source und internationaler Kooperation zusammen fabuliert. Meistens geht es dann eher um Einnahmen für diese Firmen und Organisationen, als um einen Fortschritt in der Sache.

Open Source im öffentlichen Dienst ist das Bohren ganz dicker Bretter und ein Marathonlauf über viele Jahrzehnte. Es ist ein wichtiges Thema und sollte nachhaltig und seriös betrieben werden. Wie so oft ist es ein Thema, wo entscheidende Initiativen vor allem aus den Einrichtungen selbst kommen müssen. Es ist also nichts für die Aktivisten, die heute hier engagiert sind und morgen als „Campaigner“ ganz woanders.

Alles andere sind schöne Gedanken und sie können sich direkt einreihen hinter Weltfrieden, dem 1,5 Grad-Ziel, einer Welt ohne Atomwaffen, einer Welt ohne Hunger und all diesen anderen hehren Zielen.

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

23 Ergänzungen

    • Ja, ich gebe offen zu, dass mir das Thema langsam an die Nieren geht. Es geht hier einfach zu viel schief.

      1. Warum glauben alle mitreden zu können, aber internen Experten wird dann in Diskussionen kein Sachverstand zugestanden? Würden sich diese Leute auch – sagen wir mal – bei Betriebssystemen in Logistikfirmen einmischen?

      2. Die Kampagnen sind so offenkundig aussichtslos, dass sie mutmaßlich wirklich nur die Existenz der entsprechenden Organisation rechtfertigen sollen.

      3. Die deutschsprachige IT-Presse ist in einem krassen Verfall hinsichtlich Niveau und Qualität der Berichte. Natürlich kann man als Journalist nicht in jedem Gebiet Expertenwissen haben, aber der Artikel sollte schon das Gefühl vermitteln, dass Zeit und Mühe in Recherche gesteckt wurde.

  1. Da kann ich nur voll und ganz zustimmen.

    Ich Glaube, oder habe einfach nur die Hoffnung, das die öffentlichen Institutionen trotzdem irgendwann Erkennen, dass es ein feine Sache ist nich Lizenzgebühren sonder Features zu bezhalen. Oder gleich eigene Entwickler einzustellen. Und wenn ein paar sich dann auch um Basics wie Gnome oder den Kernel kümmern, wäre das schon eine feine Sache.
    Dann könnten wir in 20 Jahren tatsächlich mehr Open-Source sehen.

    Man darf ja träumen …

    • Gerrit hat oben geschrieben, dass ein Informatiker mit Diplom (nicht FH-Diplom) oder Master in E13 eingruppiert wird. Ohne wissenschaftliches Hochschulstudium ist es meist E11 und nach einer abgeschlossen Berufsausbildung fängt man meist in E9 an.

      Was man in den jeweiligen Endgeldgruppen verdient kann jeder im Internet recherchieren.

      Was glaubst Du, wie groß die Chancen des ÖD sind, bei der aktuellen Situation auf dem Arbeitsmarkt, qualifiziertes Personal zufinden?

      Jetzt ist Geld nicht alles. Doch wünscht man sich von SysAdmins trotzdem, dass sie Wartungsarbeiten doch bitte dann durchführen, wenn sonst niemand arbeitet.

      • Das einstellen von Entwicklern ist ja nur ein Teil. Im wesentlichen ging es mir darum, dass nicht für Lizenzen sondern für Features gezahlt wird.

        Und wie es aussieht, tut sich was in Dortmund [1]. Aus dem velinkten Artikel

        > […]
        > Daraus ergibt sich, dass die Verwaltung künftig für jeden proprietären
        > Softwareeinsatz begründen muss, warum keine Open-Source-Software
        > eingesetzt werden kann.
        > […]

        Wenn Dortmund sich daran wirklich hält, fangen sie zumindest an darüber nachzudenken an welchen Stellen Lizenz-Modelle aussortiert werden können.

        [1] https://linuxnews.de/2021/03/dortmund-bekennt-sich-zu-freier-software/

        • Sorry aber ich sehe da überhaupt nichts Neues. Viele in der Linux-Blase feiern ja immer wenn sich die Verwaltung vermeintlich Open Source zuwendet (wie jetzt in Dortmund) aber das ist nichts Neues. Open Source gibt es schon massig in der Verwaltung.

          Und die Begründung gegen Open Source zeugt nur davon, dass niemand von den Autoren in der Verwaltung gearbeitet hat. Begründungen sind das täglich Brot, da schreibt man viel und nimmt Textbausteine. Eine Begründung, weil man etwas proprietäres einsetzt wird niemanden abhalten.

          • Das Neue war halt das öffentliche Bekenntnis der Stadt Dortmund zu Open-Source. Und das ist im Grundsatz ja nichts schlechts.
            Durch verwandschaftliche Beziehungen ( 😉 ) habe ich ein bisschen Einblick in die Verwaltung der Stadt Dortmund. Und so wie ich das sehe fahren die da einen ganz pragmatischen Ansatz.
            Und der bedeutet nicht alles direkt auf Linux umzustellen. Sondern erst mal die verwendetet Software auf Open-Source Lösungen anzupassen. Halt damit man Einfluss auf die Entwicklung hat. So arbeiten Mitarbeiter der Stadt Dortmund an QGis [1] mit, um ihre properitäre Lösung nach und nach abzulösen. Aus meiner Sicht der richtige Weg.

            Diese News sind halt Marketing und keine Revolution. Aber sie Motovieren auch die Community. Also kann das aus meiner Sicht nix schlechtes sein.

            [1] https://www.qgis.org/en/site/

  2. Vielen Dank für diese gute und treffende Zusammenfassung! Als Mitarbeiter eines Landesministeriums kenne ich das leider alles aus der Praxis.

    Bei Ausschreibungen kommt OSS leider oft nicht zum Zug, weil es keine große Firma gibt, die das unterstützt. Kleine Firmen können den aufwändigen Ausschreibungsprozess oft nicht stemmen oder kommen gar nicht zum Zug, weil es eine geforderte Mindestanzahl von Mitarbeiter*innen gibt.

    Es gibt auch noch eine psychologische Komponente, die ich zumindest auf kommunaler Ebene schon gehört habe: Ich lasse doch nichts als Open Source entwickeln, dann kann mein Nachbarbürgermeister das das kostenlos verwenden!

    • So unterschiedlich können die Erfahrungen sein. In meinem Bereich würde man durchaus kooperieren (macht man gerade bei einem Pilot-Projekt auch). Allerdings habe ich den Eindruck, dass alle beteiligten Landesorganisationen fürchten, dass die anderen „ausscheren“ könnten und sich doch an einen der zwei großen Konzerne binden.

    • > Ich lasse doch nichts als Open Source entwickeln, dann kann mein Nachbarbürgermeister das das kostenlos verwenden!

      Welche furchtbare, von Missgunst und Egoismus geprägte Einstellung. Bei einem geainnorientiert arbeitenden Unternehmen durchaus nachvollziehbar. Aber dem Diener einer Stadt bzw. Kommune steht das nicht gut zu Gesicht.

  3. Vielen Dank für diesen Artikel! Ich lesen auf den Deutschen IT News Portalen oder auch in den normalen Medien immer häufiger die Forderung, dass der öffentliche Sektor mehr in OpenSource investieren soll um von den IT Riesen weg zu kommen. Einen Artikel der nach Problemen sucht warum OpenSourceSoftware(OSS) nur wenig anzutreffen ist habe ich bis jetzt noch nicht gelesen.
    Ich arbeite in einer Kommune mit ca. 40.000 Einwohnern und habe dort vor fast 10 Jahren auch meine IT Ausbildung gemacht. In vielen Bereichen würde ich behaupten, dass es zur Zeit nicht möglich ist OSS einzusetzen, weil es für die Anwendungsfälle in einer Kommune zu viele Nischenanwendungen gibt.

    Die Dezentralisierung ist hier ein großer Faktor. Es gibt in jeder Kommune zu jedem Themenbereich verschiedene Regeln. Wenn eine Kommune nun eine Software zur Abfallabrechnung schreibt wird diese wahrscheinlich schon in der Nachbarkommune nicht mehr zu den dortigen Gegebenheiten passen.

    Ein weitere Punkt ist die Bezahlung. Im Artikel wird nur die Bezahlung mit einem Studium erwähnt. Bei IT Fachkräften ohne ein Studium sieht es da noch deutlich schlechter aus. Hier ist häufig schon bei Endgeldgruppe 9 Schluss (3074.70€/Brutto).

  4. Man könnte schon, wenn man wollte! Die Initiative muss aber vom Bund ausgehen, damit die Kommunen mitziehen können. Es gibt nur sehr wenige Anbieter für Fachanwendungen, manchmal sogar nur einen, ich denke schon, wenn der Bund die Richtung vorgibt, könnten die Entwicklungen auch Richtung Linux gehen.

    Nur liegt die Vermutung nahe, dass man das gar nicht möchte. Zum einen sind da die inneren Widerstände innerhalb von Behörden, zum anderen sind die Lizenzkosten bei Office und BS gegenüber seinem aktuellen Mehrwert recht gering. Ein komplettes Officepaket aus einer Volumenlizenz pro Arbeitsplatz kostet beispielsweise 8€.

    Es ist es richtig beschrieben, dass Microsoft im öffentlichen Bereich sehr verwachsen ist, hier sind in vielen öffentlichen Einrichtungen oder auch Unternehmen geschäftliche und technische Landschaften mit komplexen Geschäftsproblemen durch Jahrzehnte teilweise sinnloser Komplexitätszunahmen und kumulierter Vernachlässigungen ein schwerwiegendes Geflecht entstanden. In der Vergangenheit wurden damit Inseln von Technologien geschaffen, welche wiederum zueinander inkompatibel sind, und zusätzlich technische Lösungen geschaffen werden mussten, um eine Kompatibilität der Geräte untereinander zu erreichen. Auch wenn sie jahrzehntelang gute Dienste geleistet haben, hat sich die IT-Industrie weiterentwickelt, sodass sich auch viele Einrichtungen und Unternehmen immer weiter vom aktuellen Stand der Technik entfernt haben und man nicht mehr in der Lage ist, von aktuellen Weiterentwicklungen zu profitieren.

    Bei derart verwachsenen und festen Strukturen gibt es halt keine Motivation / keinen Überblick mehr um eine neue technischen Ausrichtung anzustreben. Es kann aber funktionieren, wie wenige Beispiele zeigen.

    Beim BSI ist es z.B. möglich, als Mitarbeiter vorab sich seine Arbeitsoberfläche auszuwählen, hier zwischen Windows oder Linux. Auch gibt es noch andere wenige Beispiele, wo in den Verwaltungen der Sacharbeiter bereits mit einem Linuxdesktop arbeitet. Auch München hat bewiesen, dass es funktionieren kann, aber es braucht eben den großen Willen vieler Beteiligter. Ein kleines gallisches Dorf funktioniert im Comic ganz gut, aber nicht in der realen Welt. Daran ist eben letztendlich auch München oder das Auswärtige Amt gescheitert, – persönliche Meinung -.

    Würde man jedoch endlich mal anfangen, eine digitale europäische Strategie zu entwickeln, kann dass auch in der digitalen „Europäischen-Welt“ eigene Innovationen anstoßen und vielleicht auch hierzulande ein neues innovatives Unternehmertum mit einer eigenen Industrie hervorbringen. Was wiederum die finanziellen Ausgaben des öffentlichen Dienstes dem eigenen lokalen Kreislauf wieder zurückfließen ließe. Vielleicht würden sich dann auch bessere IT-Gehälter bezahlen lassen. Schließlich sind die TVöD Gehälter an den lokalen Unternehmen ausgerichtet.

    Man sollte endlich anfangen. Eine Migration kann bis zu 15 Jahre dauern. Und vielleicht hätten wir ja dann, irgendwann in der IT-Landschaft so etwas wie blühende Landschaften 😉

    • Zuerst einmal halte ich die Verengung auf Microsoft vs. Linux für einen Fehler und habe das im Artikel deshalb auch abstrakter formuliert. Es geht ja bei Weitem nicht nur um Microsoft-Produkte, wenn wir um proprietäre Software im öffentlichen Sektor reden.

      Ich fürchte auch, dass du die Macht des Bundes hier überschätzt. Das Subsidiaritätsprinzip ist in Deutschland sehr wichtig. Es gibt also viele Softwareprodukte in Bereichen, in denen der Bund gar nicht engagiert ist. Selbst wenn der Bund also hier die Marschrichtung (z.B. mit Fördergeldern oder Vorgaben) vorgeben möchte, müsste die Regierung sehr viel politisches Kapital gegenüber den Ländern, Kommunen, Universitäten, Unikliniken, nachgeordneten Instituten und Behörden (ja, der Bereich ist riesig) einsetzen. Politisches Kapital hat man nicht unbegrenzt, es würden also andere Projekte auf der Strecke bleiben. Ich kann daher jede Regierung verstehen, die sich lieber anderen Projekten widmet. Immerhin interessiert es nur eine kleine Minderheit und die bisherigen Praktiken sind nicht illegal. Es besteht also kein direkter Handlungsdruck.

      • Deine Aussage impliziert, dass alles so bleiben kann wie es ist! Ich denke wir brauchen auch im digitalen Sektor, Projekte für Innovationen. Denn sicher wird die Zukunft digitaler und die Abhängigkeiten damit größer. Die logischen Folgen, welche daraus entstehen können wir ja nun fast täglich in den Nachrichten mit verfolgen. Und je größer die Bereiche, desto wichtiger ist es hier für Unabhängigkeit und Diversität zu sorgen.
        Daher nochmals, eine erkennbare digitale europäische Strategie wäre wünschenswert.

        • Nein, es kann absolut nicht bleiben wie es ist und ich hatte das hoffentlich in den abschließenden Bemerkungen auch herausgestrichen.

          Wenn man eine Diskussion aber nicht auf Grundlage der Fakten führt, kann man sie sich gleich sparen. Viele Debatten zu mehr OSS im Staatseinsatz drehen sich im luftleeren Raum, weil sie so realitätsfern sind, dass „Entscheider“ (oh ich hasse dieses Wort) in den entsprechenden Bereichen das gleich als absurd abqualifizieren.

          Langfristige Projekte wie z.B. in SH mögen nicht so medienwirksam sein, aber haben deutlich mehr Chancen etwas zu bewegen.

  5. Ich habe mit mir gerungen, ob ich hier überhaupt kommentieren sollte. Zum einen sehe ich zwar, dass du dir Mühe mit dem Artikel gegeben hast, aber gleichzeitig merke ich auch, dass es hier reichlich emotional zugeht und das ist bei solchen Debatten zwar verständlich, aber eben auch hinderlich für einen Diskurs.

    Auch ich arbeite seit 7 Jahren in der Kommunalen Verwaltung einer großen Stadt und betreue dort Anwendungen und Dienste für das Katasteramt. In diesem Umfeld haben sich schon immer freie Lösungen (QGIS, mapserver, GDAL, …) mit kommerziellen Platzhirschen (ESRI, ….) den Markt geteilt. Und man merkt dort natürlich sehr gut, wie unterschiedlich die Sorgen mit Anwendungen sind:

    Kommerziell only:
    – support muss eingekauft werden und zwingt einen immer die neueste Version einzusetzen
    – Registrierung und Lizenzierung bremsen einen zusätzlich aus
    – Nieschenanwendungen sind verhältnismäßig teuer bezogen auf ihre Komplexität
    – Nieschenanwendungen (auch „Marktführer“) werden oft nur von kleinen Firmen gestemmt, die oft über Jahrzehnte technische Schulden aufhäufen (OLE, Delphi, kein Client/Server, kein Webfrontend, kein einhalten von Standards, …)
    – Anpassbarkeit der Anwendungen ist sehr eingeschränkt, oft werden auch weniger Formate und Schnittstellen unterstützt

    Open Source:
    – fortführung des Projektes steht oft in den Sternen
    – Einflüsse von einzelnen Partnern sind oft unklar
    – Community driven support bietet oft Lösungen für bekannte Probleme
    – UX und Refactoring wird manchmal von „alten Hasen“ blockiert

    Für mich selber bietet FLOSS einfach mehr Möglichkeiten um mit Daten und Arbeitsabläufen so anzupassen, wie wir sie brauchen. Aber klar, dazu ist sicherlich auch nicht jeder in der Lage und sieht es desewegen nicht unbedingt als Vorteil.

    Schaue ich mich in der Stadtverwaltung um, sehe ich so viele Altlasten, die durch Vendor-Lockins mitgeschleppt werden (RDP auf Arbeitsrechner da keine Webanwendungen und zentrales Intranet-Portal, Novell / Microfocus, lokale Admins, IPv4, ….). Klar sind das fundamentale Umstellungen und „dicke Bretter“. Aber der zusätzliche Aufwand sollte ins Verhältnis zu den aktuellen Einschränkungen (und Risiken) gesetzt werden. Wenn ich 1/3 meiner Zeit für Arbeiten verbrauche, weil ich manuelle Schritte nicht automatisieren kann, lohnt es sich oft die Ärmel hoch zu krempeln und Dinge neu zu denken 🙂

    • Und was bedeutet das konkret? Ich konnte dazu jetzt nichts finden. Ein Bekenntnis zu Open Source ist ja schön und gut, aber die praktische Umsetzung hängt dann oft.

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