Alle paar Wochen oder Monate kommt das Thema wieder auf. Der Staat solle doch nur Open Source nutzen und bitte schnell weg von Windows. Die Debatte kommt nicht vom Fleck, weil letztlich alle nur Bullshit Bingo in ihrer Filterblase spielen. Dieselben Schlagworte, alle paar Jahre bringen eben keinen Fortschritt.

Der jüngste Anlass ist die Empfehlung des Datenschutzbeauftragten von Mecklenburg-Vorpommern, Windows baldmöglichst den Rücken zu kehren. Nach dieser Einschätzung konnte man wieder das eingeübte Tänzchen der Linux- und Datenschutz-Filterblase beobachten, der im obligatorischen und leider nahezu inhaltsleeren Kommentar auf heise open gipfelte.

Natürlich ist es richtig, eine Abkehr von proprietären Softwareprodukten im Staatseinsatz zu fordern und die nachhaltige Entwicklung von quelloffenen Alternativen voranzutreiben. Zukünftige Entwicklungen sollten gleich unter diesen Vorzeichen erfolgen, damit man nicht wieder in die alten Abhängigkeiten gerät. Die Argumente liegen seit Langem alle auf dem Tisch.

Die Debatte kommt aber nicht vom Fleck, wenn ehedem seriöse Nachrichtenseiten nur noch schnell ein paar Wörter ohne Recherche zusammenschreiben und allen Ernstes behaupten, LiMux wäre nur am Geld gescheitert. Das mag Heise ein paar Klicks und Werbeeinnahmen bringen, aber die Sache gewinnt dadurch überhaupt nichts. Hauptsache eilig ein paar Euro verdient, egal wie viele Änderungen man dann nachträglich reinschieben muss. Eine kleine Blase von Linux, Datenschutz und Open Source-Interessierten pusht das dann noch auf Twitter und anderen Sozialen Netzen und glaubt, es gäbe nun eine Debatte.

Einen wirklichen Mehrwert würde die Diskussion gewinnen, wenn stattdessen folgende Punkte umgesetzt werden würden:

  • Neutrale Analyse des Scheiterns von LiMux (habe ich hier schon mal was zu geschrieben)
  • Ende der Geringschätzung für den Öffentlichen Dienst und seine Anforderung
  • Entwicklung eines Plans für die Zukunft jenseits von Zombiedebatten wie der Abkehr von Windows

So lange das nicht erfolgt, ist die Debatte nichts als eine Binnendiskussion in einer kleinen Blase ohne Auswirkungen. Zumal sie schon fast einer rituellen Aufführung gleich. Datenschützer fordert, Presse greift auf, Kommentatoren echauffieren sich, Staat und Verwaltung wird für unfähig und/oder korrupt deklariert. Niemand profitiert, außer dass so manches Medium ein paar schnelle Werbeeuro verdient, manche NGO ein bisschen Spenden sammelt und mancher Datenschutzbeauftragter ein bisschen Presse bekommt.

Ich habe in meinem Berufsleben bisher nur in zwei vollkommen unterschiedlichen Bereichen des ÖD gearbeitet (und leider damit vermutlich 100% mehr Ahnung als die meisten Autoren von Artikeln zu diesem Thema) und kenne damit nur eine winzigen Ausschnitt des öffentlichen Dienstes.

In beiden Bereichen gibt es bereits viel quelloffene Software im Einsatz. In beiden Bereichen wäre aber die vollständige Abkehr von proprietärer Software eine unglaubliche Herkulesaufgabe, die eine vollständige Änderung der bisherigen Strukturen, viele zusätzliche Stellen, sehr viel zusätzliche Projektmittel und Kooperation zwischen den einzelnen Stellen über föderale Strukturen hinweg erfordern würde.

Auf der grünen Wiese mag sich das toll anhören, aber der mittelfristige Gewinn einer solchen Nabelschau für die angebotenen Dienstleistungen der öffentlichen Hand wären leider sehr überschaubar. Wichtige Zukunftsthemen würden nahezu zwangsläufig währenddessen liegen bleiben, weil man den Fokus nicht auf zig verschiedene Projekte richten kann.

Damit könnte man sich mal beschäftigen. Oder man spielt weiter Bullshit Bingo und freut sich, alle paar Monate ein paar alte Textbausteine für einen neuen Artikel zusammen zu stellen, damit das eigene Gehalt durch neue Werbeeinnahmen eingespielt wird.

Das ist schade, weil damit ein wichtiges Thema zerredet wird und inhaltlich nicht vom Fleck kommt. Proprietäre Software findet dadurch auch in neuen Angeboten und gänzlich neuen Diensten immer einen Platz im Staatseinsatz.

Gerrit
Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

10 Ergänzungen

  1. Welch wahre Worte. Öffentliche Verwaltung ist eben nicht nur Briefe schreiben, sondern ein kompliziert gestricktes Netz von Fachanwendungen, Datenübermittlungen und Speicherlösungen. Alle müssen miteinander kommunizieren.
    Eine sachgerechte Auswertung der Ergebnisse und Fehlschläge von/mit LiMux hatte ich heute andernorts ebenfalls angeregt.
    Das Alleinwurschteln der Länder ist auch nicht zielführend.

    • Ich habe da sicherlich auch keine Lösung für, schlicht weil das Thema zu komplex ist.

      Ärgerlich ist wenn NGOs und Medien mit Eigeninteresse das Problem unzulässig vereinfachen und auf den üblichen Vorbehalten gegenüber der Verwaltung aufbauen. Am Ende gewinnen dann nur die Medien und NGOs, wo Leute ein Gehalt für etwas bekommen, was niemand braucht, weil sie keinen Mehrwert schaffen. Genau jene Vorbehalte, die man immer den ach so unfähigen Staatsdienern entgegen bringt.

      • Das Thema sollte eigentlich nicht komplex sein. Der Finanzbeamte in der Außenprüfung darf keine Kaffee annehmen und danach evtl. wohlwollend über die eine oder andere Quittung hinwegsehen. Warum darf der Staat das und winkt gleichzeitg mit Steuervergünstigungen? Die einzige Lösung um unabhängig zu sein ist OpenSource. Alles andere ist… na ja… irgendwie „gekauft“.

  2. Das Problem ist, das die ganze Komplexität das dieses Thema nun mal mitbringt, viel zu groß und komplex für so eine kleine News ist. Außerdem ist es kontraproduktiv, den es würde bestimmten Randgruppen in der IT, ihren Schaum vor dem Mund nehmen. Nicht umsonst hat heise.de 3 Tage lang etwas zu dem Thema nachgelegt ^^

    • Das ist halt inzwischen peinlich. Heise war mal „das“ IT-Medium, die c’t „die“ Zeitschrift. Heute ist es Clickbait, schnelle Copywriting-News und eine Trollhölle. Leider immer noch mit zu viel Reichweite um es zu ignorieren.

  3. Meines Erachtens bewegt sich in „Behörden“ mehr als in der „freien Wirtschaft“.
    Ich bin bei einem IT Dienstleister und habe sowohl mit diversen Landesbehörden/Executive als auch mit Firmen primär im DACH Bereich zu tun: Firmen bewegen sich aktuell viel in Richtung MS Cloud/Azure (und hier gibt es oft lange Gesichter, wenn der Kunde eigentlich einen hybriden Ansatz plante, im Projekt aber feststellen muss, dass MS dies by-design eher topediert).

    Bei vielen Behörden wird Open Source zumindest evaluiert und bevorzugt. Datenschutz/GDPR und Informationssicherheit sind wichtige Aspekte im Lösungsdesign (Wirtschaft priorisiert hier meist Kosten/Usability und akzeptiert/ignoriert Risiken lieber). Ich bin vom Reifegrad der IT Prozesse im öD eher angenehm überrascht (meine Sicht ist allerdings recht begrenzt: <20 'Behörden').
    Sowohl Wirtschaft wie auch öD kaufen keine Software/Produkte sondern Lösungen. OSS bietet Chancen, kann aber kein Selbstzweck sein. OSS die meine Kunden betrachten sind ausnahmslos Produkte, die zum Projekt Phoenix von Dataport gehören: primär Matrix und Open-Xchange.
    Aus 'Bürgersicht' bin ich Dataport äußerst dankbar handfeste Lösungsansätze zu liefern (dito Gaia-X) – aber auch der FSFE für launige, leicht verständliche Videos, die es mir ermöglichen in meinem Bereich Chancen und Risiken aufzuzeigen – zu einem Bruchteil des Marketingbudgets der proprietären Lösungsanbieter.
    Beruflich habe ich rein mit properitären Produkten zu tun und mein monatliches Einkommen verdiene ich mit Services (und Lizenverkäufen) dieser. Es liegt also an mir meinem Arbeitgeber aufzuzeigen, wie man mit Services freier Software Geld verdienen kann.

  4. > 100% mehr Ahnung als die meisten Autoren von Artikeln zu diesem Thema

    **100%** …. sieht aber auch ein „bisschen“ nach Filterblase aus 🙂

    • Nein wieso? Ich habe ja extra geschrieben, dass ich nur zwei Bereiche wirklich kenne. Viele der Kommentatoren kennen aber ganz offenkundig keinen Bereich (ansonsten würden sie nicht so einen Müll schreiben), da hat man leicht mal 100% mehr Ahnung.

      • haha, die diversen Kommentare möchte ich gar nicht bewerten. Verstehe was gemeint ist, aber 100% mehr ist halt Gottgleich 😉 Gebe zu: Wortklauberei…

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