Heise berichtet mal wieder tatkräftig über die Bemühungen des deutschen Staates und seiner Gliederungen in Richtung Open Source zu wechseln. So manche Schlussfolgerung folgt dabei wohl dem Wunsch des Autors und den entsprechenden Schlagworten für die Suchmaschine.

Ich hatte heute Morgen erst die Hoffnung, einem Aprilscherz zu erliegen, aber nachdem ich den dortigen Links gefolgt bin, verfestigt sich der Eindruck, dass es keiner ist.

Heise beginnt seinen Artikel mit dem Aufhänger:

Microsoft dürfte es in Dortmund künftig deutlich schwerer fallen, in der Verwaltung zu fensterln.

heise – Raus aus dem „proprietären Zeitalter“: Dortmund setzt weitgehend auf Open Source

Mal abgesehen vom Preis für das älteste Wortspiel überhaupt: Ich kann im Protokoll gar nichts von Windows lesen und Linux kommt auch nicht vor. Das gilt ebenso für die Anhänge zur Digitalisierung.

Die Stadt Dortmund trifft im Rahmen einer umfassenden Digitalisierungsstrategie den sinnvollen Beschluss, wo immer möglich auf Open Source zu setzen. Dabei setzt man Datenschutz, Datensicherheit und digitale Souveränität als obligatorisch voraus. Das ist toll und es ist immer schön, wenn sich eine Stadt mit solchen Themen befasst und hier Pläne macht.

Wo möglich“ ist eine dehnbare Definition und sagt meiner Ansicht nach gar nichts über den künftigen Einsatz von Windows aus. Das Gleiche gilt für den Passus nach dem von der Verwaltung entwickelte oder beauftragte Software als Open Source der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt wird. Ohne hier böse unken zu wollen, aber das dürften im Fall einer deutschen Großstadt mit klammen Kassen vermutlich ein paar kleinere Projekte nicht überschreiten.

Der Beschluss zeigt deshalb vor allem auch wie weit hier noch der Weg ist.

Folgende Passagen aus dem Protokoll werden von Heise nicht erwähnt (Hervorhebungen von mir)

6. Die Stadtverwaltung fokussiert sich in ihrer kurzfristigen Planung auf die Umsetzung der bundesrechtlichen Vorgaben zur Digitalisierung und auf sogenannte „Quick wins“, also unaufwändige Maßnahmen, die einen zügigen und unmittelbaren Effekt für die Bürger*innen haben.

7. Mit Blick auf Dortmund über die Stadtverwaltung hinaus, dient das Memorandum zur Digitalisierung 2020 bis 2025 dazu, hauptsächlich den Breitbandausbau, die Digitalisierung der Schulen und den Smart-City-Prozess zu begleiten und zu beschleunigen. Die Roadmap hat ein Projekt vorzusehen, das Smart City voranbringt. […]

Niederschrift (öffentlich) über die 3. Sitzung des Rates der Stadt am 11.02.2021

Wie man da Linux rauslesen kann, entzieht sich mir komplett.

Gerade bei Heise sollte man doch wohl wirklich wissen, dass Linux und Windows keine Synonyme für Open Source und Proprietär sind. Diese Verkürzung des Sachverhalts auf ein LiMux-ähnliches Szenario ist nah dran an einer Verfälschung der Beschlusslage.

Es ist natürlich klar, dass die FSFE das als Erfolg feiert, es handelt es sich schließlich um eine Lobby-Organisation für Open Source und der Beschluss der Stadt Dortmund geht in die richtige Richtung. Jenseits der absurden Linux/Windows-Geschichte sind da tolle Projekte und gute Ansätze gelistet.

Von einem journalistischen Medium würde ich aber erwarten, dass es ein wenig ernst zu nehmende Recherche betreibt. Es ist meiner Meinung nach peinlich, wenn ein Blog wie linuxnews einen Artikel verfasst, der den Sachverhalt deutlich besser darstellt. Und selbst dort ist man der Lobbyarbeit von DoFOSS aufgesessen. Eine „Beweislastumkehr“ gibt es bei öffentlichen Ausschreibungen nicht und die Begründungspflicht entfiel bisher auch nicht beim Einsatz von Microsoft-Produkten.

Es ist wirklich bedauerlich, dass die IT-Berichterstattung in Deutschland so unfassbar an Qualität verliert. Blogs und Twitterfeeds können das meiner Meinung nach nicht ersetzen, da Journalismus nicht umsonst ein Beruf mit einer festgelegten Ausbildung ist. Blogger und Privatpersonen in sozialen Netzwerken unterliegen auch viel weniger Pflichten bei der Recherche (eine Podcast-Empfehlung zu diesem Thema ist die Folge 89 von Rechtsbelehrung).

Daher halte ich es für wirklich wichtig, dass man sich auch zu IT-Themen über diese Portale hinaus bei seriösen Nachrichten-Seiten mit guten Redakteuren im digitalen Bereich wie beispielsweise SPIEGEL Netzwelt oder ZEIT ONLINE digital informiert. Ansonsten könnte man einer verzerrten Wahrnehmung der Realität erliegen.

„Ist das noch Journalismus oder kann das weg?“ – Zumindest aus Lesezeichen und RSS-Feeds kann man es bald entfernen.

Oder habe ich hier irgendeinen Punkt übersehen?

Dortmund pilotiert übrigens gerade Microsoft Teams und setzt sonst auf Cisco WebEx. Steht im gleichen Protokoll wie die Open Source Strategie. Noch Fragen?

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

5 Ergänzungen

  1. Heise ist ja nun schon lange kein ernstzunehmendes Portal mehr – oft auf ComputerBILD-Niveau. Was nicht passt, wird eben passend gemacht. Und du wirst doch nicht der Illusion unterliegen, dass dort in der Redaktion noch echte, ausgebildete Journalisten sitzen?

    • Kein Trauma, aber Reichweite. Wenn ein kleiner Blogger irgendwas schreibt ist das eine Sache, wenn es auf Heise erscheint lesen das die meisten IT-Professionals in Deutschland zumindest oberflächlich.

      Der Missbrauch von Reichweite für Informationen am Grenzbereich zu Falschmeldungen um der schnöden Klicks willen finde ich schon kritisch. Zumal dann bestimmt in irgendwelchen Foren wieder die Geldkoffer von Microsoft auftauchen, weil Heise ja berichtet hat, dass Stadt XY von Microsoft weg wollte aber jetzt doch nicht ist.

  2. SPIEGEL und Zeit seriös? Naja, da bin ich anderer Meinung. Aber jeder kann ja seine Meinung frei äussern… Ich denke Heise hat den Artikel einfach interpretierend geschrieben.

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