Manjaro ist im Rolling Release-Segment vielleicht das, was bei den stabilen Distributionen Linux Mint ist. Der Anspruch ist eine einfach zu verwendende, nutzerfreundlichen Distribution, selbst wenn es mal ideologisch oder konzeptionell nicht ganz sauber ist. Höchste Zeit für einen Test.

Einordnung

Manjaro ist eine sehr beliebte Distribution. Seit sie vor knapp 10 Jahren aus der Taufe gehoben wurde, hat sie immer mehr Anhänger gewonnen und es sieht nicht so aus, als ob sich das schnell ändern wird. Denn diese Beliebtheit hat Gründe, wie sich zeigen wird.

Manjaro ist ein Abkömmling von Arch Linux. Im Grunde genommen nehmen die Manjaro-Entwickler die Arch-Paketquellen und fügen einige eigene Pakete und Metapakete hinzu. Hinzu kommt eine Installationsroutine und eigene Live-Medien. Das Ganze wird dann ein wenig entschleunigt, denn während bei Arch mitunter mehrmals täglich Updates kommen, verfolgt Manjaro – ähnliche wie beispielsweise openSUSE Tumbleweed – ein Snapshot-Modell, bei dem Updates immer in einem größeren Schwung alle paar Tage/Wochen an den Anwender weiter gegeben werden. Idealerweise dann schon ein bisschen besser getestet als bei Arch, wo – wenn auch selten – mal ein kleiner oder größerer Fehler bei den hochfrequenten Updates erfolgen kann.

Arch-Nutzer sagen gerne, dass niemand Manjaro bräuchte, weil man alles mit Arch selbst erledigen könnte. So wie auch Ubuntu-Anhänger behaupten, niemand bräuchte Linux Mint und Debian-Anhänger finden gerne, dass sowieso alle Derivate von Debian überflüssig seien. Das ist eine ewige Diskussion. Letztlich finden die Distributionen Anhänger und das hat Gründe.

Manjaro mit KDE Plasma im Test

Varianten und Installationsmedien

Die Manjaro-Entwickler unterstützen offiziell die drei Desktopumgebungen Xfce, KDE Plasma und GNOME. Hinzu kommt Community-Support von Budgie bis Sway. Leider ist die Pantheon Shell nicht dabei, obwohl sie mittlerweile in Arch Linux angekommen ist. Für den Test entschied ich mich deshalb für KDE Plasma.

Es gibt Live-/Installationsmedien für alle Desktopumgebungen. Jeweils aufgeteilt in eine vollständige und eine minimale Variante. Hierbei ist zu beachten, dass die minimale Variante keineswegs so minimal ist. Wer sich ein bisschen mit Linux auskennt und seine Programme überwiegend selbst zusammen stellen möchte, der sollte sich für die minimale Variante entscheiden.

Installation

Manjaro beherrscht kein Secure Boot. Das ist bedauerlich und verglichen mit anderen Distributionen schade. Es ist aber auch nicht überraschend, da Arch Linux dieses ebenso nicht unterstützt. Daher muss man – so noch nicht geschehen – in den UEFI-Einstellungen vor der Installation Secure Boot abschalten.

Anschließend bootet das Live-Medium. Hier kann man wie üblich erst die Distribution testen oder gleich installieren. Als Installationsroutine verwendet Manjaro Calamares. Dabei handelt es sich um eine distributionsübergreifend verfügbare Installationsroutine, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut.

Ich finde Calamares etwas sparsam bei den Funktionen, aber man bekommt damit die Installation hin. Seit meinem letzten Test von Calamares bei KDE neon hat man die Verschlüsselung offenkundig verbessert, womit mein schlimmster Kritikpunkt ausgeräumt ist.

Bei der Installation wähle ich mein persönlich präferiertes Setup mit einer unverschlüsselten Boot-Partition und einer verschlüsselten Btrfs-Partition ohne weitere Trennung in Root und Home. Die unverschlüsselte Boot-Partition nutze ich, da bei einer verschlüsselten Boot-Partition die Entsperrung von GRUB bei meinen Notebooks sehr lange dauert und der Sicherheitsgewinn den Komfortverlust nicht ausgleicht.

Manjaro verlangt bei der Installation neben der obligatorischen Anlage eines Benutzers auch die Vergabe eines root-Kennworts. Damit sträubt man sich gegen den Trend. Nachdem Ubuntu lange Jahre mit seinem sudo-Konzept allein auf weiter Flur stand, haben sich zuletzt Debian und Fedora dem angeschlossen und bieten ebenfalls die Möglichkeit den root-Account zu deaktivieren.

Die Installation ist dann schnell erledigt.

Erster Eindruck

Nach einem Neustart begrüßt den Anwender KDE-Plasma in einem angepassten Design Namens „Breath“.

Die Entwickler der Desktopumgebungen hassen das ja bekanntermaßen und GNOME bekämpft dies inzwischen aktiv, aber ich mag das gerne. Ich finde es schön, wenn Distributionen versuchen, ein gemeinsames Corporate Design über alle Desktopumgebungen zu legen und den Anwendern vermitteln „Du benutzt nicht irgendeine Distribution mit KDE Plasma, sondern Manjaro“. Wenn es einem nicht gefällt, kann man es ja ändern.

Die Softwareauswahl ist dann gar nicht so minimal und leider auch etwas inkonsistent. Neben Plasma und den wichtigsten KDE-Tools ist auch Firefox dabei. Warum ich aber Okular und Evince vorinstalliert brauche, erschließt sich mir nicht. Ebenso ist unter der Haube einiges an Gerümpel. Dazu zähle ich die vorinstallierte Multilib-Umgebung (Lib32-Bibliotheken), die auf dem System gar nicht benötigt werden und einiges weiteres.

Bei der Gelegenheit fragte ich mich mal wieder, warum Arch eigentlich als schlankes System gilt. Natürlich hat ein Setup mit meiner gewohnten KDE-Umgebung bei Arch bzw. Manjaro nur knapp 1000 Pakete, während es bei openSUSE oder debianoiden Systemen eher >2000 sind. Das liegt aber nicht daran, dass openSUSE oder Debian „fetter“ wären, sondern daran, dass die Arch-Paketierung ziemlich grobschlächtig ist. So enthält z.B. das Paket firewalld auch gleich die GTK-GUI zur Konfiguration oder pinentry alle Oberflächen, was bei openSUSE und Debian in eigene Pakete ausgelagert ist. Arch ist also sogar ganz im Gegenteil eher ziemlich fett. Dafür kann aber natürlich Manjaro nichts und ist letztlich auch eine Frage der Gewohnheit.

Nichtsdestoweniger sollten Anwender nach der Installation erst einmal aufräumen, unnützes entfernen und vielleicht auch manches nachinstallieren. So setzt Manjaro nach der Installation immer noch auf X.org und der Anwender muss die Wayland-Session erst nachinstallieren und aktivieren. Am Ende hat man dann aber eine konsistente Arbeitsumgebung, auf der sich weiter aufbauen lässt.

Manjaro macht vieles anders

Manjaro macht vieles anderes. Das reicht von Kleinigkeiten bis zu einem Rollback-System für das Betriebssystem. Beginnen wir mit den Kleinigkeiten. Der Screenshot zeigt es schon: Manjaro verwendet standardmäßig nicht die Bash, sondern zsh mit einem hübschen, aber durchaus eigenwilligen Design.

Ebenso eigene Wege geht man bei den verfügbaren Programmen. In den Paketquellen findet sich auch so etwas wie SoftMaker Office oder Vivaldi. Hier steht Pragmatismus und gute Angebote für die Anwender über ideologischen Abwägungen.

Natürlich kann man Manjaro ebenso wie Arch komplett auf der Kommandozeile administrieren. Im Unterschied zu Arch bietet man den Anwendern aber grafische Konfigurationswerkzeuge. Diese integrieren sich bei KDE durchaus ansehnlich in die Systemeinstellungen als sogenannte KCM. Dazu gehört die Hardwarekonfiguration, die grafische Installation von verschiedenen Kerneln und die Verwaltung von Sprachpaketen.

Zusätzlich kann man noch nette grafische Paketmanager wie Octopi einsetzen, das im Gegensatz zum vorinstallierten Pamac eine Qt-Oberfläche hat und sich gut in KDE Plasma integriert. Mit ein wenig Nacharbeit entsteht so ein konsistenter Desktop mit guten grafischen Verwaltungstools.

Wirklich besonders ist an Manjaro aber der konsequente Einsatz von Timeshift. Das Ganze funktioniert Out-of-the-Box mit bei einem Brtrfs-Dateisystem-Layout. Das legt die Manjaro Installationsroutine gleich mit einem passenden Subvolume-Schema an:

# /etc/fstab: static file system information.
#
# Use 'blkid' to print the universally unique identifier for a device; this may
# be used with UUID= as a more robust way to name devices that works even if
# disks are added and removed. See fstab(5).
#
# <file system>             <mount point>  <type>  <options>  <dump>  <pass>
UUID=1F65-2EB8                            /boot/efi      vfat    umask=0077 0 2
UUID=2da043ef-a76c-4a18-8e2e-27969be465f4 /boot          xfs     defaults,noatime 0 2
/dev/mapper/luks-305fb0b6-ced0-403a-978c-1831b5d32f7e /              btrfs   subvol=/@,defaults,noatime,autodefrag,compress=zstd 0 0
/dev/mapper/luks-305fb0b6-ced0-403a-978c-1831b5d32f7e /home          btrfs   subvol=/@home,defaults,noatime,autodefrag,compress=zstd 0 0
/dev/mapper/luks-305fb0b6-ced0-403a-978c-1831b5d32f7e /var/cache     btrfs   subvol=/@cache,defaults,noatime,autodefrag,compress=zstd 0 0
/dev/mapper/luks-305fb0b6-ced0-403a-978c-1831b5d32f7e /var/log       btrfs   subvol=/@log,defaults,noatime,autodefrag,compress=zstd 0 0

Timeshift legt nun vollautomatisiert regelmäßige Schnappschüsse des Systems an. Das Home-Subvolume wird dabei ausgeklammert, kann aber optional ebenfalls einbezogen werden. Dabei nutzt Timeshift die in Btrfs integrierte Schnappschussfunktion.

Geht mal etwas schief, kann man in GRUB einfach einen älteren Schnappschuss booten. Das klappt auch bei einer verschlüsselten System-Partition mit unverschlüsselter Boot-Partition. Hier ist man sogar openSUSE voraus, wo das dort zum Einsatz kommende Snapper mit diesem Setup nicht zurechtkommt.

Probleme und Kritik

Vor allem im Bereich der Sicherheit gibt es einige problematische Bereiche. Das erste sind die Verzögerungen bei den Updates. Hier müsste man schauen, ob sicherheitsrelevante Aktualisierungen schneller durch gereicht werden als normale Updates, bei denen es letztlich egal ist, ob sie eine Woche früher oder später kommen.

Deutlich negativer fällt da das Fehlen vieler Sicherheitsmaßnahmen auf (die Spannbreite dessen habe ich hier mal dargestellt), die anderswo bereits Standard sind. Nicht nur verzichtet man auf eine vorinstallierte Firewall wie z. B. firewalld oder ufw (beides kann man natürlich nachinstallieren). Man installiert noch nicht mal konsequent ein Sicherheitsframework wie AppArmor. Dies wird nur bei der vollständigen und nicht bei der minimalen Installation eingerichtet. Angesichts der alles andere als minimalen Ausstattung der Minimal-Version in anderen Bereichen ist das unverständlich. Das ist ansonsten doch schon ziemlicher Standard und kommt von Debian bis openSUSE überall zum Einsatz. Hier sehe ich deutliches Verbesserungspotenzial, zumal AppArmor natürlich in den Paketquellen vorhanden ist und vom Anwender eingerichtet werden kann. Bei der Zielgruppe werden das nur leider zu wenige tun.

Zusammengefasst

Manjaro macht einen richtig guten Eindruck. Ich bin selten nach einem Distributionstest so positiv überrascht. Manjaro liefert ein sehr rundes Gesamtpaket aus und mit ein bisschen Nacharbeit bekommt man ein wirklich gutes Desktopsystem.

Ich bin mit Arch Linux nie wirklich warm geworden, was zu einem guten Teil auch an der Community lag, die ich als arrogant und überheblich wahrgenommen habe. Manjaro baut zwar auf bewährten Arch-Prinzipien auf, macht aber vieles anders, manches besser und wirkt sehr sympathisch.

Manjaro ist eine Distribution, die es geschafft hat in die engere Wahl dessen, was ich so an Linux-Distributionen berücksichtige, aufgenommen zu werden.


Nachtrag vom 15.01.2022:

Präzisierung der Passage zu AppArmor wegen Unterschiede bei der Installation mit minimaler und vollständiger Variante.

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

7 Ergänzungen

  1. Ich nutze Manjaro Xfce (testing) ja schon einige Jahre. Aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit GNU/Linux installiere ich auch einiges nach und schmeiße auch von der Platte, was ich nicht brauche. Als langjähriger SoftMaker-Nutzer bin ich natürlich zufrieden mit der Kooperation. Selbst im Zweig testing läuft alles stabil und Aktualisierungen kommen früher bevor diese im stable landen. Ganz Mutige können ja auch mal in den Zweig unstable wechseln, um ein aktuelles Update zu bekommen. Es können allerdings Fehler auftreten. Ist etwas für Tester. Es kann jederzeit auch wieder in andere Zweige zurückgegangen werden. Geht jedoch nur per Terminal (WIKI Switching Branches). Die fehlende UEFI-Unterstützung empfinde ich ebenfalls als Mangel.

  2. Hmmm, also das Arch fett sei wegen einer grobschlächtigen Pakteierung lese ich hier zum ersten mal und entspricht auch nicht meinem Verständnis von „Schlank“ und „Fett“. Wenn ich mich recht entsinne ist die minimale Arch Istallation einige hundert MB groß. Ich meine es war nicht mal 1GB. Kann mich aber auch irren. Jedenfalls hab ich das immer als Grund für die „Schlankheit“ gesehen.

    Es hat schon seinen Reitz so ein System mal auf zu setzten. Ich jedenfalls hab viel draus gelernt. Das ganze Zeugs mit dem initramfs, grub-config usw. ist durchaus nützliches wissen. Vor allem wenn man mal Daten oder ein System retten will.

    Die Erfahrung die Arch-Community sei arrogant kann ich auch nicht teilen. Ich hab da immer höchst kompetente und freundliche Hilfe bekommen. Ich meine vergleiche mal das Arch Wiki mit dem Ubuntu wiki…. Egal was es ist. Im Arch wiki wirst du fündig und es ist fast immer aktuell. Bei Ubuntu nun ja, lassen wir das.

    Allerdings wirst du mit Manjaro im Arch forum wenig Hilfe und Liebe bekommen. Vielleicht meinst du das mit arrogant.. Da sagen sie immer Manjaro ist kein Arch. Wenn du für Manjaro Hilfe braucht, geh ins Manjaro Forum. Aber kann man auch verstehen. Ressource sind begrenzt und letztlich ist sich jeder selbst der Nächste. Die Arch installation ist wie ein Filter. Da musst du erst mal durch, aber dann kannst du auch die Fragen nach dem Bootmanager und der Konfiguration beantworten die sie dir stellen werden. Du hast es ja gemacht.

  3. AppArmor & CO: Werden diese Sicherheitsrelevanten Pakete auch dann nicht installiert, wenn man anstelle der „Minimal-Installation“ die umgänglicher Variante wählt?

  4. Ich nutze seit mehreren Jahren schon Manjaro und hab auch schon mehrere Installationen damit durchgemacht. Aber bis jetzt nur die xfce Variante. Bei der Installation habe ich bis jetzt auch immer die normale Variante, nicht die Minimal Version genutzt. Dabei waren dann auch AppArmor wie auch ufw mit installiert.

  5. Ich nutze unter Fedora überwiegend Wayland und kann verstehen, warum so manche Distro immer noch XOrg nutzt, statt Wayland. Wenn du in einer Produktiven Umgebung arbeitest, hast du mit XOrg einfach weniger Probleme. Auch mit Steam unter XOrg hat man mehr Perfomance und weniger Probleme. Wenn ich von einer Wayland-Session auf XOrg switsche, weil ich sonst Zoom oder SQLite-Browser nicht nutzen kann, merke ich wie schnell alles unter XOrg reagiert und funktioniert. Gehe ich zurück auf Wayland, merke ich wie langsam Wayland immer noch ist.

    RedHat hat jetzt Fedora primär mit Wayland ausgestattet, um fest zu stellen wo es da noch Probleme gibt um diese zu Beseitigen. Habe ich irgendwo in einer News gelesen… Wie alt ist Wayland schon? Und wie lange wird es noch dauern bis Wayland wirklich XOrg erlöst?! Willst du so wenig Probleme wie möglich? Nimm XOrg. Für mich ganz klare Sache das.

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