Freie Software spielt auf Smartphones und Tablets kaum eine Rolle. Dem eigentlich freien Android legt Google immer mehr Fesseln an und freie Alternativen sind nicht in Sicht. Besserung zeichnet sich nicht ab, die Situation wird sogar immer schlechter.

In kaum einem Bereich wäre freie Software so wichtig für das Vertrauen in die Funktionsweise des Geräts wie bei den mobilen Geräten, die wir ständig bei uns tragen. Der Datenabfluss von Windows 10 ist ständig Thema, aber zumindest mein PC hat kein Mikrofon, keine Webcam und kein GPS-Modul verbaut. Smartphones, Tablets und Smartwatches sind hingegen perfekte Spionagewerkzeuge. Wir tragen sie ständig bei uns, die haben an Vorder- und Rückseite Kameras, Mikrofone, GPS-Module, Bluetooth und WLAN. Hinzu kommen viele kleine Sensoren um Annäherung oder Lagerungsänderungen zu bemerken.

Freie Software lässt natürlich diese Sensoren nicht verschwinden, aber sie stärkt das Vertrauen in die Funktionsweise der Software (siehe: Reflexionen: Der Kern ist Vertrauen). Wenn die Betriebssysteme hingen mit großen Werbenetzwerken verbunden sind, bewirkt das so ziemlich das Gegenteil. Das Menetekel staatlicher Überwachung sei hier noch gar nicht angesprochen.

Android – Ist doch im Kern frei?

Android ist im Kern (AOSP) ein freies System. Dieses freie System ist im Gegensatz zu Apples Darwin sogar lauffähig. Viele Befürworter von Android als freies und sicheres System machen diesen Punkt immer besonders stark. Google tut aber alles dafür um dieses System unbrauchbar zu machen.

Vor 6 Jahren besaß ich ein Nexus 4 auf dem CyangenMod lief (sowohl die Nexus-Serie, als auch Cyanogen gibt es nicht mehr). Google reicherte schon damals das freie Kernsystem durch eigene Apps an – in der Modder-Szene GApps genannt. Diese konnte man installieren oder es auch sein lassen. Je nachdem hatte man halt Zugriff auf den Play Store und Dienste wie GMail oder eben nicht. F-Droid gab es damals schon und im Grunde genommen war jede App auch auf einem nackten AOSP-System lauffähig. Notfalls halt per Sideload, allerdings natürlich mit den bekannten Implikationen für die Sicherheit.

Bereits damals war absehbar, dass Googles Engagement für den freien Kern rückläufig war (siehe: „Zum Stand der Open Source Mobilsysteme“ oder „Warum man zu einem BlackBerry Classic greift“). Google schmiss der Gemeinschaft regelmäßig neue Versionen vor die Füße und gliederte Neuentwicklung – selbst so etwas zentrales wie den Launcher – zunehmend in proprietäre Erweiterungen aus. Die Gemeinschaft musste offenkundig immer größere Anstrengungen unternehmen um hier den Anschluss zu halten.

In den letzten Jahren hat diese Entwicklung an Fahrt aufgenommen. Jede Maßnahme zur Stärkung der Sicherheit ging zu Lasten der Funktionsfähigkeit des freien Kerns. Dabei ist gar nicht zu leugnen, dass einige dieser Maßnahmen notwendig waren und die Sicherheit verbessert haben. Die Frage ist lediglich: Hätte es nicht auch alternative Vorgehensweisen gegeben, mit denen man die freie Basis nicht derart beschädigt hätte?

  • So entschied man bei Google beispielsweise zur Linderung der ewigen Update-Problematik Systembestandteile über den Play Store zu aktualisieren.
  • Eine weitere Bedrohung ist SafetyNet. Das in den Play Diensten versteckte SafetyNet sammelt kontinuierlich Daten über das Gerät und sendet diese an Google. Wird das Gerät als inkompatibel erkannt, z. B. weil es gerootet wurde oder ein Custom ROM läuft, ist die Funktionsfähigkeit von Apps, die SafetyNet voraussetzen eingeschränkt oder sogar komplett unmöglich. Das betrifft gegenwärtig vor allem Mobile Payment und Banking-Apps, lässt sich aber theoretisch ausdehnen.
  • Viele Apps sind mit Google Cloud Messaging (GSM) verzahnt und verweigern ohne die Funktion. Öffentlich thematisiert wurde dies zuletzt wegen Signal, das ironischerweise ursprünglich nicht auf AOSP-Systemen funktionierte.

Das Engagement der Community ist stark rückläufig, wie auch einige Leser hier bestätigten (siehe: Custom ROMs in der Krise?). Es gibt weniger Custom ROMS und immer weniger Hardware wird von den verbliebenen Projekten unterstützt. Freie Apps, wie sie bei F-Droid kuratiert werden, gibt es zwar aber das Ökosystem bleibt auf einem niedrigen Niveau. Besserung ist hier seit Jahren nicht in Sicht. Sollte Google die aktuellen Tendenzen in der Entwicklung fortsetzen könnte die eigenständige Funktionsfähigkeit von AOSP sogar grundsätzlich in Frage stehen bzw. eine vollständige Trennung von AOSP + freie Apps und Google-Android notwendig werden. Hier würde sich dann die Frage stellen, ob es noch genügend Entwickler anziehen würde oder ob man den abschüssigen Weg der freien Alternativen einschlagen würde.

Freie Alternativen

Der Markt für wirklich freie Alternativen entwickelt sich auch negativ. Einstige Hoffnungsträger haben aufgegeben, sich in eine Nische begeben oder bleiben in der Rolle als ewige Nachwuchshoffnung verhaftet. Übrig sind eigentlich nur zwei Projekte und eine Ankündigung.

Jolla / Sailfish

Hinter Sailfish (ehm. Sailfish OS) steht nach wie vor das finnische Unternehmen Jolla, das von ehemaligen Nokia-Mitarbeitern gegründet wurde und an Entwicklungen wie das N9 und MeeGo anknüpfte. Die letzten Jahre liefen aber eher schlecht. Nachdem man sich an einem Tablet-Projekt verhoben hatte und dieses einstampfen musste kämpfte man mit erheblichen finanziellen Problemen. In den letzten Jahren kooperierte man mittelbar mit dem russischen Staat (siehe. Jolla / Sailfish OS – Zu enge Staatsverbindungen?). Zu den Leistungen gehört aber die Kooperation mit Sony, wodurch einige halbwegs moderne Sony-Smartphones als Hardware zur Verfügung stehen.

Problematisch ist zudem, dass die Oberfläche von Sailfish keine freie Software ist, sondern man lediglich im Unterbau viel freie Software einbezieht. Sailfish OS ist daher als freie Alternative zu Android schon hinsichtlich der Lizenzierung ungeeignet.

Sailfish ist unter den alternativen Betriebssystemen sicherlich eine der ausgereifteren Varianten. Im Gegensatz zu anderen Testern hat es mich persönlich allerdings schon 2015 nicht vom Hocker gehauen (siehe von damals: Sailfish OS auf dem Nexus 4 ausprobiert). Das jüngste Update auf Sailfish 3 beinhaltete auch eher Neuerungen aus dem Bereich der Produktpflege und war alles andere als ein großer Wurf.

Meiner Meinung nach hat Jolla den gleichen Fehler wie BlackBerry begangen. Um die Nutzer mit Apps ködern zu können hat man sich zum Android Ökosystem geöffnet. Dadurch hat man allerdings die eigene Plattform geschwächt und Anreize zum entwickeln nativer Apps genommen. Sailfish OS kann daher ohne Android Apps heute kaum noch funktionieren und verliert damit immer mehr an Attraktivität.

Ubuntu Touch

Canonical hatte mit Ubuntu Touch große Erwartungen geweckt. Medienwirksam setzte man auf eine groß angelegte Crowdfunding-Initiative, die dann auch fulminant scheiterte – aber wenigstens viel Aufmerksamkeit einbrachte. Das Ziel war nichts weniger als absolute Konvergenz der Systeme, ein Konzept, an dem sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen haben. Letztes Jahr zog man dann auch die Reißleine und beendete die konvergenten Träume.

Relativ überraschend fand sich dann aber doch eine Community, die das System übernahm und weiterentwickelte. Entgegen den Erwartungen gelang es der Community gelang es der Community tatsächlich die Entwicklung voran zu treiben und den Anschluss an die aktuelle Ubuntu Basis zu halten.

Problematisch ist allerdings die Hardware Unterstützung. Die offiziell vorgestellten Devices sind alle museumsreif und die Community Devices kaum besser. Hoffnung macht hier das Volla Phone auf dem Ubuntu Touch laufen können soll.

Mehr als eine Nischenrolle dürfte aber auch zukünftig nicht drin sein.

Purism Librem 5

Purism 5 ist fulminant gestartet und wird meiner Meinung nach ebenso krachend scheitern. Die Entwickler haben sich mit der parallelen Entwicklung freier Hardware und freier Software vollkommen verhoben. Anstelle zumindest bei der Software mit bestehenden Projekten wie Plasma Mobile oder UBports zu kooperieren, wollte man unbedingt etwas eigenes auf Basis des vollkommen ungeeigneten GNOME erstellen.

Das was sie zustande gebracht haben ist bestenfalls ein netter Versuch (siehe: Purism Librem 5 – Bestenfalls eine Experimentalstudie), sofern es überhaupt noch ausgeliefert wird (siehe: Kommentar: Librem 5 kommt später und nicht vollständig). Jüngst durfte die Corona-Krise für die Begründung einer weiteren Verzögerung herhalten.

Man kann sich zudem manchmal nicht des Eindrucks erwehren, dass Purisms Projektabwicklung nicht sonderlich zielorientiert arbeitet (siehe dazu auch die Links hier: Links der Woche KW 50 – Purism, Onlineshopping und Linux). Man bringt kaum ein Projekt zu Ende und kündigt stattdessen immer neue Offensiven an. Jüngst startete man eine Kampagne für einen Mini-PC.

Zusammengefasst

Android wird sukzessive unfreier, sogar die langfristige Funktionsfähigkeit von AOSP darf bezweifelt werden. Das Projekt hängt auf Gedeih und Verderb am guten Willen von Google. Wirklich freie Alternativen sind nicht in Sicht. Sailfish ist weder frei, noch unabhängig und ebenfalls eng mit Android verwoben. Purism ist mit dem Librem 5 meiner Ansicht nach gescheitert, lediglich das Eingeständnis steht noch aus und Ubuntu Touch kann allenfalls in der Nische überdauern.

Bei meinen letzten Bestandsaufnahmen hatte ich noch Hoffnung auf freie Newcommer in diesem Bereich, aber aktuell gibt es kaum etwas, was hier noch Anlass zu Hoffnung gibt.

Gerrit
Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

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