Jolla bzw. das Betriebssystem Sailfish OS war mal die große Hoffnung auf ein funktionsfähiges, freies Mobilbetriebssystem ohne Google-Anbindung (siehe auch der damalige Test: Sailfish OS auf dem Nexus 4 ausprobiert). Trotz mannigfaltiger Schwierigkeiten gibt es Jolla und Sailfish OS immer noch, aber das kommerzielle Überleben hat seinen Preis.

Jolla wurde von ehemaligen Nokia-Mitarbeitern entwickelt, die den eingeschlagenen Entwicklungsweg des N9 und MeeGo weitergehen wollten. Sie hatten damit nicht unrecht. Die Kooperation zwischen Microsoft und Nokia, sowie die anschließende Übernahme der Handysparte von Nokia durch den Redmonder Konzern endete im Fiasko. Heute baut Microsoft keine Smartphones mehr und hat jüngst sein Mobilbetriebssystem beerdigt (siehe auch: Kommentar: Microsoft wird Windows aufgeben), Nokia ist als Lizenzmarke von HMD Global nun wieder auf dem Smartphone-Markt zurück – mit Android. Jolla gibt es immer noch und jüngst veröffentlichte man Sailfish OS 3.

Doch auch Jollas Weg war nicht einfach. Anfänglich versuchte man sich auf die integrierte Entwicklung von Betriebssystem und Hardware, verhob sich dann aber mit der Entwicklung eines Tablets. Man fokussierte sich daraufhin auf die Weiterentwicklung des Systems und Lizensierung an Partner. Zudem arbeitet man mit Sony zusammen, weshalb es für einige Sony Xperia Geräte Sailfish X als offizielle Variante gibt.

Obwohl Sailfish OS als Open Source Hoffnung galt und sich in dieser Szene auch überproportionaler Beliebtheit erfreut ist das Betriebssystem nicht komplett quelloffen. Die Basis aus Linux Kernel und Mer ist zwar Open Source, die Oberfläche und einige Apps allerdings proprietär. Der Vorteil liegt also eher in der Unabhängigkeit von Google, Apple & Co und weniger in einer vollkommen transparenten Software.

Diese Unabhängigkeit hat leider ihren Preis. Um der Insolvenz zu entgehen versuchte man das Betriebssystem stärker in Schwellenländern zu etablieren, wo Android und iOS möglicherweise noch nicht so gefestigt sind. Vor allem die Verbindungen nach Russland sind in den letzten Jahren gewachsen. Die russische Firma Open Mobile Platform Ltd. gehört nicht nur zu den wichtigsten Mittelgebern Jollas, sondern lizensiert das Betriebssystem auch für die den russischen Markt.

Inzwischen ist der russische Staat über den Staatskonzern Rostelecom, der 75% der Anteile von Open Mobile Platform Ltd. hält, direkt an Jolla beteiligt. Rein theoretisch soll ein angepasstes Sailfish OS, das als Aurora OS firmiert, zukünftig als Betriebssystem für alle Mobiltelefone von Staatsbeamten genutzt werden. Inwiefern hier gesetzgeberische Theorie und gelebte Verwaltungspraxis auseinander gehen kann man natürlich von Deutschland aus nicht beurteilen.

Es stellt sich aber schon die Frage, ob ein System, auf dessen Entwicklung mittelbar ein Staat Einfluss hat dessen politisches System nur sehr wenige als lupenreine Demokratie bezeichnen, wirklich noch die Open Source Hoffnung am Smartphone-Markt sein kann.

Gerrit
Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

Schreiben Sie eine Ergänzung

Ergänzungen dienen der Diskussion über die Inhalte des Artikels. Nachfragen, Anmerkungen und Ergänzungen sind dezidiert erwünscht. Ergänzungen werden vor der Veröffentlichung moderiert. Wir behalten uns vor Kommentare ohne inhaltlichen Bezug oder abseitige Diskussionen nicht zu veröffentlichen.

Bitte geben Sie Ihre Ergänzung ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein