Mastodon – So schnell kann es gehen

Im Frühjahr, als die Kaufabsichten von Elon Musk publik wurden, schrieb ich einen skeptischen Kommentar, was den prognostizierten massenhaften Wechsel zu Mastodon betrifft. Meine Prognose hatte ungefähr 6 Monate bestand.

Das Problem bei allen sozialen Netzwerken ist, dass es nicht um Funktionalität, sondern um Menschen geht. Wenn die relevante Gruppe sich auf einen Dienst geeinigt hat, erzeugt das eine Sogwirkung und der Einzelne kann nicht einfach wechseln, weil ein soziales Netzwerk alleine eben keinen Sinn ergibt.

Als ich im Frühjahr mir Mastodon anschaute, war ich Teil einer kleinen Twitter-Vorhut, die sich dort mal umschaute. Wenigstens die Instanzsuche blieb mir erspart, da die Staatsbibliothek zu Berlin schon seit Langem eine eigene Instanz betreibt. Für Bibliotheksmenschen gibt es dadurch eine natürliche und professionell betriebene Anlaufstelle. Nur war dort einfach im Frühjahr noch nicht viel los. Dadurch fehlte das Netzwerk und letztlich doppelten sich die Netzwerke. So wie viele andere in meiner Blase dümpelte mein Mastodon-Account über den Sommer vor sich hin.

Als Musk nun tatsächlich Twitter kaufte und die allseits diskutierten Entscheidungen traf, fragte ich mich noch skeptisch, ob der Kipppunkt erreicht werden würde, der bei Signal vs. WhatsApp im ersten Halbjahr 2022 erreicht wurde. Die Trägheit der Masse ist ja oft groß, aber manchmal setzen sich auch die Gruppen plötzlich und unaufhaltsam in Bewegung. Denn erst leckte meine Blase, dann entstand ein kleiner Bach, der schnell zu einem reißenden Strom anschwoll. Erst die Aficinados offener Infrastrukturen, dann folgten wichtige Ankerpersonen des Bibliothekswesens, gleichzeitig kamen parallel namhafte Wissenschaftler hinterher und dann jene, die merkten, dass es bei ihnen auf Twitter immer ruhiger wurde. In den vergangenen Tagen kamen dann zahlreiche institutionelle Accounts, die augenscheinlich erst einmal intern abstimmen mussten, ob sie zu Mastodon wechseln. Als ich mich gestern auf Twitter umsah, war es sehr ruhig. Nur noch Werbung, vorgeschlagene Trends, denen ich nicht folgte und ein paar einzelne Accounts, die sich öffentlich fragten, wann der letzte das Licht ausmacht.

Für die eingefleischten Mastodon-Nutzer ist das eine Herausforderung. In eine kleine gemütliche Wohnung mit wenigen ausgewählten und tendenziell ähnlich gestrickten Gästen platzte eine ganze Festivalhorde, schlug im übertragenen Sinne ihre Zelte im Wohnzimmer auf, fragt sich, wo die Getränke herkommen und warum die Musik so komisch ist. Damit ist eingetreten, wofür viele Mastodon-Nutzer immer geworben hat. Es ist trotzdem für beide Seiten eine Herausforderung.

Der Kipppunkt wurde nun schneller erreicht als gedacht. In meinem diesjährigen Jahresrückblick werde ich eine weitere „Sünde“ streichen können. Mein Twitter-Account überlebt diesen Monat nicht.

3 Kommentare

  1. Ich fände es schön, bezweifle aber, dass das hält. In meinem Umfeld war z.B. auch der Influx auf Signal nicht nachhaltig. Letztlich sind Twitter-User bei Twitter, weil sie süchtig sind, und nicht, weil sie es für eine ethisch einwandfreie Beschäftigung halten (schon vor Musk nicht).

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