Twitter war hinsichtlich des Datenschutzes, der Inhalte und Mechanismen schon bedenklich, bevor Elon Musk seinen Kauf ankündigte. Mit Mastodon gibt es ja angeblich eine Alternative. Wären da nicht die Netzwerkeffekte, die wichtiger sind als jede Funktion und jede rationale Bewertung.

Manche Akteure in der Privacy-Szene stellen sich gerne auf einen Sockel und behaupten, sie wären super Vorbilder. Bis man sie dann auf einer Konferenz mit MacBook und Dropbox-Icon erwischt oder eine Verbindung zu einem Konto gezogen wird, von dem sie dann behaupten, es gehöre ihn nicht. So etwas mache ich nicht. Das Ringen um digitale Privatsphäre ist ein täglicher Kompromiss und einmal im Jahr ziehe ich hier ja auch Bilanz. Niemand ist da perfekt.

Eine meiner Sünden ist Twitter. Privat kann ich da absolut drauf verzichten, aber beruflich leider nicht. Da ich beruflich aber eh kein sonderlich inniges Verhältnis zu Datenschutz habe, ertrage ich das einfach. Die „Librarybubble“ vernetzt sich im Wesentlichen über dieses Netzwerk. Das ist vielleicht nicht untypisch für ein relativ kleines Berufsfeld, in dem sich eigentlich jeder über maximal 2 Ecken kennt, aber das sich über sehr viele Einrichtungen in Deutschland verteilt und jeweils nur wenige Menschen an einem Ort tätig und sind. Je nach Spezialisierung ist man dann vor Ort vielleicht sogar der einzige Mensch für ein spezielles Themengebiet.

Für solche Netzwerke schätze ich die Blasenbildung und die Algorithmen auf Twitter sogar. Meine Timeline enthält nur Bibliothekszeug und ein bisschen Wissenschaftskram. Den ganzen Rest kann ich gut rausfiltern.

Wenn ich also wissen möchte, was gerade im Bereich Open Access so diskutiert wird, welche Verlage wieder freche Bedingungen verlangen, was gerade cooles im Bereich automatischer Metadatenaggregation diskutiert wird und wo die Verlage schon wieder hemmungslos Tracking betreiben, schaue ich auf Twitter. Dort lese ich sogar, wenn es sich lohnt, auf eine der ausladenden Mailinglisten zu schauen, die vor allem Veranstaltungsankündigungen dienen. Auf Twitter stößt man auch auf interessante Artikel, weil in Zeiten von Homeoffice und mobilem Arbeiten Zeitschriftenumläufe über Postfächer nicht so wahnsinnig gut funktionieren. Gerade bei Online-Konferenzen ist der paralelle Austausch über das Netzwerk ebenfalls sehr nett. Für denselben Effekt müsste ich vermutlich sonst mindestens 4 Konferenzen pro Jahr besuchen und das schafft man je nach Terminkalender vermutlich nicht immer.

In der Librarybubble ging es dann auch um Elon Musk und ob nicht alle zu Mastodon gehen sollten. Die Kollegen von der Staatsbibliothek zu Berlin betreiben sogar eine eigene Mastodon-Instanz. Also habe ich mir doch mal einen Account zusammen geklickt und mir das Fediverse angesehen. Hier beginnt schon das Problem. Die Initiative ging nicht von mir aus, sondern kam von außen.

Ich gebe es ganz offen zu, meine Motivation schwankte irgendwo zwischen „Hmjoa“ und „Nööö“ und damit vermutlich auf dem Level, bei dem sie sich bei den meisten Menschen befindet, wenn sie ein soziales Kommunikationsnetzwerk oder einen Messenger wechseln „müssen“. Ernüchterung folgt ziemlich schnell.

Mastodon ist funktional sicher super, der Datenschutz vermutlich auch. Es kommt aber nicht auf Funktionen an und es kommt auch nicht auf Datenschutz an. Soziale Netzwerke basieren auf Menschen, auf der Herde und wenn die Herde woanders ist, dann ist auch das Herdentier woanders. Das ist sowieso einer der vielen Gründe, warum alternative Lösungen selten Erfolg haben. Entwickler denken zu oft von den Funktionen her und zu selten vom Menschen. Eine der wenigen Alternativen, die es anders gemacht hat – Signal – ist eben auch heute erfolgreich, während XMPP & Co tot sind.

Kurzum: Es waren eben nicht alle da, denen ich so folge. Es kann Twitter also nicht ersetzen, sondern bestenfalls ergänzen, aber faktisch eigentlich eher doppeln. Weil man nicht alle Tweets/Tröts doppelt absetzen möchte, installierte ich mir eine Bridge und spiegel nun die Inhalte. Sinn der Sache ist das vermutlich nicht. Im Endeffekt muss ich nun statt eines, zwei Netzwerke im Blick behalten.

Nichtsdestotrotz kann man mit ein wenig Selbstkritik, wenn man sich selbst nicht auf einen strahlenden Sockel stellt und seine Leser anlügt, viele Mechanismen verstehen, die dazu führen, dass Datenschutz-freundliche Dienste oft nicht die Oberhand haben. Denn ich kann jeden Menschen verstehen, der keine Lust hat, sich diese Arbeit zu machen, wenn man nur etwas abstraktes wie Datenschutz gewinnen kann.

Was nicht ist, kann ja noch werden. Signal ist bei mir auch erst nach vielen Jahren an WhatsApp vorbei gezogen.

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

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