Debian verliert einen wichtigen Leistungsträger und ist daran nicht unschuldig. KDE-Nutzer sollten zur Kenntnis nehmen, dass sich Norbert Preining zurückzieht.

Debian hat Probleme. Nicht nur die Sicherheit, nicht nur in den verknöchterten Strukturen, es knirscht an vielen Stellen. Seit Jahren treten jedes Jahr Projektleiter an mit großen Agenden und nichts passiert. Die Strukturen, die das Projekt stabilisieren sollten, scheinen jede Bewegung zu verhindern, oft dienen sie nur noch der Blockade durch Minderheiten, die irgendetwas aufhalten wollen und dann in mühsamen Prozessen überstimmt werden müssen.

Norbert Preining ist seit einiger Zeit die Säule der Paketierung von KDE in Debian. Ohne ihn hätte man die aktuelle Stable-Version nicht mit halbwegs aktuellen KDE-Paketen ausgeliefert worden. Nun hat Norbert Preining seinen Rückzug angekündigt. Zwischen ihm und dem Debian-Projekt bzw. Menschen im Debian-Projekt knirscht es ja seit Längerem, deshalb musste er auch bereits in der Vergangenheit viel seiner Arbeit in OBS auslagern.

Der Verlust für Debian ist gewaltig. Die Liste der Pakete und die sachliche Analyse von Norbert Preining machen das deutlich. Einiges hat sicher eine Zukunft, aber vor allem für alles, was mit KDE zu tun hat und für Cinnamon in Debian sieht es nun düster aus. Norbert Preining legt zudem den Finger in eine Wunde, die viele ignorieren. Die vielen „Gruppen“ bei der Paketbetreuung sind oft nur eine Illusion und letztlich steht dahinter oft nur ein aktiver Betreuer – wie bei vielen „Teamarbeiten“ eben sonst auch.

Die Geschichte erinnert mich an Michael Stapelberg und seinen Rückzug aus Debian 2019. Dieser ist übrigens genau wie Norbert Preining zu Arch Linux gewechselt, aber das nur am Rande.

Debian brüstet sich immer mit seinen vielen Maintainern und Entwicklern, aber die Zahl der Leistungsträger im Desktop-Bereich ist überschaubar und große Weggänge gehen unweigerlich zulasten der Aktualität und Qualität. Darunter leiden übrigens auch abgeleitete Distributionen, wenn sie die Pakete nur übernehmen und die betroffenen Bereiche nicht selbst paketieren. Das Problem reicht deshalb über Debian hinaus.

Debian hat ein Problem, auch wenn nun wieder alle Debian-Nutzer standhaft leugnen und böse Kommentare im Stil von „Ach, der Gerrit mag Debian nicht“ schreiben werden. Vor allem Anwender von KDE Plasma und Cinnamon sollten die Entwicklung von Debian Testing im Auge behalten und sich mental darauf vorbereiten, beim nächsten Stable-Release eine neue Heimat zu suchen und bis dahin hoffen, dass nichts sicherheitsrelevantes für die Versionen in Stable passiert. Denn mir ist nicht klar, wer dort nun noch verantwortlich zeichnet.

Nachtrag 14.01.2022:

Nun hat auch Ferdinand bei Linuxnews berichtet, der ja ein guter Kenner der Debian-Gemeinschaft ist. Dort finden sich auch die Informationen zum Ablauf der Degradierung vor einiger Zeit und was für Mechanismen bei Debian hinter den Kulissen laufen.

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

9 Ergänzungen

  1. Als bekennender, langjähriger Nutzer von Debian kann ich dir aus absoluter Überzeugung sagen, dass deine Kritikpunkte grundsätzlich alle gerechtfertigt sind … Und als langjähriger Leser deines Blogs bin ich absolut davon überzeugt, dass du Debian einfach nicht magst 😛

    Debian muss sich mal neu positionieren. Das Projekt lebt von seinem guten Ruf als stabiles Serverbetriebssystem und gute Basis für eigene Distributionen. Aber in Sachen richtungsweisender Projektleitung oder lösungsorientierter Diskussionskultur hat sich da nicht viel getan. Die haben bis heute kein offizielles Installationsabbild, mit dem die Grafikkarte unterstützt wird. Der Verlust von wichtigen und engagierten Maintainern wie Preining ist dann immer ein schönes i-Tüpfelchen.

    Ich bleibe jetzte trotzdem dabei, weil die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt …

  2. Die nächste Frage daraus ist, wie des generell mit KDE in der Zukunft aussieht – die haben ja auch Probleme anderer Art an anderen Stellen, z.B. mit Qt oder was sie Integration in andere Distros angeht.
    Als ich denke schon, dass KDE weiter bestehen wird – aber die allgemeine Wahrnehmung so bleibt, dass KDE neben GNOME eine der „großen“ DEs ist – ich bezweifle es.

    • KDE hat es wirklich geschafft sich in den letzten Jahren aus einer guten Ausgangslage in eine Nische zu manövrieren. Vermutlich sind die Marktanteile heute eher im Bereich von Xfce und MATE als von GNOME.

      Konsequentes ignorieren der Bedarfe von Distributoren und Anwendern gleichermaßen, zahlt sich halt aus. GNOME hängt seine Fahne sicherlich auch nicht ständig nach dem Wind, aber hat mit den Red Hat-Entwicklern halt Leute, die im Zweifel auch mal auf die Praxistauglichkeit verweisen und dann so Sachen wie den Classic Mode im entscheidenden Moment durchdrücken. Dieses „Vetorecht der Realität“ fehlt bei KDE.

    • Ein „Problem“ mit Qt hat KDE schon seit Anbeginn der Zeit. Und faktisch hat Qt auch seitdem ein „Problem“ mit KDE. Der einzige Grund warum wir dieses Framework (das vermutlich insgesamt populärer als GTK sein dürfte) überhaupt so lange so frei nutzen können, sind ja die Bemühungen des KDE-Projekts um freie Lizensierung und Mitspracherecht. Dieser Kontext ist für die FOSS-Gemeinde irgendwie noch viel gruseliger bei der Frage nach der Zukunft von KDE.

      Ich war nie ein begeisterter KDE-Anwender, aber diese Entwicklung vom als neue Standarddesktopumgebung gehandeltes Vorzeigeprojekt hin zu einer gewissen Bedeutungslosigkeit ist trauig anzuschauen. Der Projektgründer hat für KDE mal das Bundesverdienstkreuz bekommen. Es war Standarddesktop in SUSE und LiMux setzte auch darauf. Der KDE e. V. hatte genügend Hebel um Trolltech unter Druck zu setzen und wäre sogar als deutscher Projektträger auf EU-Ebene förderfähig. Eigentlich sollte ich hier im öffentlichen Dienst gerade an meinem SUSE-basierten Linux Client mit Plasma sitzen …

      Es ist kein Geheimnis, dass die Bindung an Qt seinerzeit andere Entwickler abgeschreckt hat, die auf Basis von GTK dann GNOME ins Leben gerufen haben. Dort haben die großen Unternehmen ihre Entwickler abgestellt und konnten ihre eigenen Interessen wohl einfacher durchsetzen als gegen den KDE e. V. Der Verein steht inzwischen einsam da und weiß sich scheinbar auch nicht zeitgemäßer für „Kunden“ zu präsentieren als Debian.

      Insgesamt haben die von Gerrit in verschiedenen Artikeln jetzt angesprochen Probleme lustigerweise alle gar nichts groß mit Software zu tun, sondern einfach mit Zielsetzung und Projektleitung.

      • Zu deinem letzten Absatz: Natürlich, was denn sonst? Es geht doch fast immer um Projekte und Führungskultur bzw. einer Kultur der Zusammenarbeit. Ich finde es eher erstaunlich, wie sehr dieser offensichtliche Sachverhalt von vielen ignoriert wird und man versucht Probleme zu „technisieren“ oder technisch zu lösen. Wo man da endet, sieht man bei Debian.

        • War sarkastisch gemeint, aber schlecht ausformuliert. Wäre ja zu schön, wenn man diese Probleme tatsächlich einfach „technisieren“ könnte.

  3. Man spürt die Emotionen hinter diesem Text. Da ist Breining lustigerweise deutlich distanzierter (von der Sprache her).
    Ich konnte leider inhaltlich nicht ganz folgen weil mir bestimmte Begriffe nicht geläufig sind, als völlig inkompetent in Sachen distribution maintaining: ich nehme an mit obs ist nicht das Programm zum streamen und broadcasten gemeint? Was bedeutet stale und orphaned in diesem Kontext?

    Aber aus anderen zwischenmenschlichen und ehrenamtlichen Bereichen habe ich Erfahrung: wenn jemand große Arbeit leistet, dann findet sich oft erst dann ein Nachfolger, wenn er diesen Job endgültig schmeißt. Auch hier werden sich in manchen Bereichen Nachfolger finden. Aber klar: auch wenn eine Krise eine Chance ist, bleibt sie doch eine Krise.

    • OBS ist das hier: https://build.opensuse.org/, „Stale“ (engl.: abgestanden) meint einfach veraltete Versionen und „orphaned“ (engl: verwaist) ist der Mechanismus bei Debian, wenn Pakete aus den Quellen entfernt werden und nicht mehr zur Verfügung stehen. Hier wird es dann für die Benutzer sichtbar.

      Und nein, bevor Norbert Preining die Lücke füllte, „gammelte“ KDE bei Debian schon vor sich hin. Pessimismus ist also angebracht. Zumal es sowieso eine unfassbare Leistung war, den KDE-Stack nahezu alleine zu maintainen. Zumal mit den „Tools“, die Debian bereitstellt.

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