Tor ist immer wieder das Ziel dunkler Verschwörungserzählungen. Die einen sehen im Darknet nur Terrorismus, die anderen argwöhnen dunkle Machenschaften, weil das Tor Projekt substanziell durch die USA finanziert wird. Letztlich ist Tor aber das einzige wirklich probate Mittel zur Anonymisierung im Internet.

Dass dem so ist, sieht man an den Meldungen, die jüngst aus Russland kamen. Der Kreml versucht seit Längerem, das russische Internet nach außen abzuschirmen. Die russische Zivilgesellschaft und ihre intellektuelle und technische Fähigkeit, die staatliche Propagandamaschinerie zu umgehen und sich mit unabhängigen und seriösen Informationen zu versorgen, sind für den Kreml ein stetes Ärgernis. Als Vorbild hat man sicherlich das vollkommen regulierte chinesische Intranet. Momentan versucht Russland massiv das Tor-Netzwerk zu stören. Das ist kein Problem für Tor direkt, wohl aber für die circa 300.000 russischen Tor-Nutzer.

Gleichzeitig hat Tor momentan noch ein weiteres viel gravierenderes Problem. Die Tor-Knoten waren schon immer die bekannte Schwachstelle im Netz. Kontrolliert ein Akteur genug Knoten, kann theoretisch eine Deanonymisierung der Nutzer erfolgen. Die Anfälligkeit des Netzes für eine Massenüberwachung ist seit vielen Jahren bekannt.

Ein Problem dabei ist die relativ geringe Anzahl an Tor-Knoten, wodurch der Aufwand, großflächig ins Tor-Netzwerk einzusteigen für z. B. staatliche Akteure durchaus möglich ist. Momentan sollen es nur knapp 7000 Tor-Knoten geben. Wie in den letzten Tagen gemeldet wurde, läuft möglicherweise schon seit 2017 der Versuch, das Tor-Netzwerk über manipulierte Knoten zu kompromittieren.

Eine Gruppe, KAX17 genannt, betreibt momentan vermutlich bis zu 900 solcher Knoten. Das ist grundsätzlich nicht verboten, aber gemessen an anderen Betreibern sind das exorbitant viele. Diese besitzen zudem nicht näher beschriebene Sonderfähigkeiten. Herausgefunden hat das ein Tor-Community Mitglied mit dem Pseudonym „nusenu“. Das ist kein abstraktes Risiko, denn die Wahrscheinlichkeit, beim Surfen via Tor über einen dieser potenziell kompromittierenden Tor-Knoten geleitet zu werden, unterscheidet sich je nach Eintritts-, Weiterleitungs oder Exit-Node aber liegt bei einem Weiterleitungsknoten in der Mitte der Kette bei bis zu 32 %. Das Tor-Projekt hat versucht die verdächtigen Knoten zu blockieren, aber der Akteur kam schnell mit neuen Knoten zurück.

Ob KAX17 wirklich beabsichtigt, das Tor-Netzwerk zu deanonymisieren ist natürlich nicht klar – wohl wären sie aber dazu in der Lage. Aufgrund des hohen Aufwands und der unklaren Stoßrichtung der Maßnahme gehen Projektbeteiligte von einem staatlichen Akteur hinter KAX17 aus.

Sollte das Tor-Netzwerk nachhaltig kompromittiert werden, wäre das ein gravierender Verlust. Nicht nur aber insbesondere für Untertanen verbrecherischer Autokratien/Diktaturen, wie das Beispiel Russland zeigt. Es gibt aber auch für Bürger rechtsstaatlicher Demokratien keine andere Möglichkeit außer Tor, um wirklich anonym im Internet unterwegs zu sein.

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

3 Ergänzungen

    • Was meinst du? Theoretisch kann jeder einen Tor-Knoten betreiben. Einen Exit-Node würde ich als Privatanwender aber aufgrund der deutschen Rechtslage eher nicht betreiben.

  1. Sind nicht eben wegen diesem Problemen die Onion Services Entwickelt worden?
    Es wäre hilfreich wenn man leicht seine Webseite in Tor zugänglich machen könnte.

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