Die beliebte Distribution Manjaro ersetzt in der Cinnamon-Variante Firefox als Standardbrowser durch den Chromium-Fork Vivaldi. Das kündigte der Browser-Hersteller vor einigen Tagen an. Kommt nun eine Lawine ins Rollen?

Linux gehört zu den letzten Refugien für Firefox. In allen anderen Bereichen ist der freie Browser bereits massiv unter Druck geraten oder hat – wie im mobilen Segment – nie ernsthaft Fuß fassen können. Wie bedenklich diese Entwicklung ist, wurde hier vor Kurzem bereits thematisiert.

Natürlich kann die Abkehr in einer Manjaro-Variante ein singuläres Ereignis bleiben. Frühere Entscheidungen, wie z. B. die Option SoftMaker Office anstelle von LibreOffice zu wählen, haben zwar viel Aufsehen erregt, aber wenig Nachahmer gefunden.

Es steht aber zu befürchten, dass das dieses Mal anders sein könnte. Viele Entwickler sind eng mit dem Google-Ökosystem verbandelt. Durch finanzielle Förderung oder intensive Nutzung der Dienste. Viele Anwender installieren schnell nach der Ersteinrichtung Chrome oder Chromium nach.

Während die Distributoren auf veränderte Nutzungsgewohnheiten normalerweise schnell reagieren, haben sie hier erstaunlich lange an Firefox festgehalten. Umso mehr steht nun zu befürchten, dass die Distributoren dieser Entwicklung Rechnung tragen und die Standardauswahl ändern. Auf die kleine aber beliebte Distribution Manjaro könnten andere wichtigere Distributoren folgen.

Vivaldi ist letztlich nur ein Chromium-Fork und ohne Googles Entwicklungsleistung nicht lebensfähig. Ob Manjaro nun zu Vivaldi oder direkt zu Chromium wechselt ist für die Bewertung daher völlig bedeutungslos. Der Markt ist klar aufgeteilt: Es gibt nur noch Firefox oder die Google-Browser mit verschiedenen Brandings.

Die Zeiten werden nicht einfacher. Weder für Firefox noch für Datenschutz und Privatsphäre im Netz und ein freies Internet allgemein.

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

10 Ergänzungen

  1. Bei aller Kritik und Sorge muss man aber auch im Auge behalten, daß Mozilla/Firefox in den letzten Jahren sehr viel verschlafen und verpennt hat, deshalb wechseln nun viele Nutzer.
    Mit Datenschutz und Privatsphäre allein kann man eben nicht mehr punkten, da muss schon etwas „mehr“ kommen. Was nützt einem der beste Browser, wenn dieser ständig Mucken macht, abschmiert oder langsam und träge ist? Gut, einiges ist jetzt beim FF besser geworden, aber nicht alles – und Mozilla reagiert heute auf Entwicklungen einfach viel zu langsam, das war früher anders und besser. Meine 3 Cent. 😉

    • Ich nutze seid vielen Jahren Firefox mit seiner Sync-Funktion unter Linux, auf dem iPhone und iPad und einem MacBookPro sowie Windows, wenn es mal sein muss. Google Chrome verwende ich nur, um das Aussehen von mir gestalteter Websites mit unterschiedlichen Browsern zu prüfen. Ich bin sehr zufrieden und mich interessiert deshalb, was hat Chrome, was Firefox nicht hat? Bei welchen Gelegenheiten wird Firefox träge oder stürzt ab? Was vieles wurde verschlafen und verpennt?

      • Trägheit: FF geht mit viele offenen Tabs bzw deren Reload nach einem FF-Restart anders um. Jeder Link wird verfolgt und es werden auch alle Tabs gleichzeitig geladen. In deutlich älteren Versionen wurde dagegen nur der gerade aktive Tab geladen. Wechselte man auf einen anderen Tab, wurde dieser schnell nachgeladen. Damit konnte man auch mal 50 und mehr Tabs auf einem 32bit-System mit nur 2GB RAM händeln.
        Es hilft mir nix, wenn ich privat die Super-Maschine habe und auf Arbeit steht nur ein FSB-Dualcore mit 4GB RAM und ohne SSD aber immerhin mit 64bit-OS bereit. Es hilft noch weniger, wenn FF mit nur 4 offenen Tabs nach der Mittagspause deutlich über 3GB RAM belegt.

        • Sei mir nicht böse, aber dann scheint deinem Arbeitgeber deine Arbeitskraft nicht viel zu bedeuten oder er kann nicht kalkulieren. Was für eine kapitale Verschwendung von Arbeitszeit, wenn der Arbeitnehmer andauernd auf die Reaktion des Geräts warten muss.

          Wie dem auch sei: Firefox kann wirklich nicht auf jedes Alt-Gerät Rücksicht nehmen. Selbst das 10 Jahre alte MacBook Air hier im Haushalt, das demnächst ausgemustert wird, hat bereits 8 GB RAM.

  2. Hi Gerrit,
    Vivaldi ist keine schlechte Wahl für Manjaro – es ist unter den Chromium-Browsern schon ein Alternative, die mit ihrer Anpassbarkeit der GUI einige Vorteile verspricht. Sync gib es auch.
    Allerdings, ein Grund warum Firefox aber weiterhin der Standard-Browser bei Distributionen bleibt, ist einfach die Lizenz von Mozilla Firefox. Es steht Manjaro und der GmbH dahinter frei, Abmachungen und Verträge mit Softwareherstellern mit anderen freien Lizenzen als der GPL zu machen und es ist generell eine gute Idee. Die Lizenzen bei Vivaldi sind unter anderem MPL, GPL, BSD, Apache und es gibt Markenrechte. Eine vertragliche Abmachung dieser Art, den Browser so mit auszuliefern, steht anderen Linux-Distributionen nicht offen. Um zwei Beispiele zu nennen: Fedora und Debian GNU/Linux. Die Ausrichtung auf die GPL ist bei jenen, nicht ganz kleinen Distributionen, eine Richtlinie, ein Policy.
    Ich persönlich finde die Herangehensweise einiger Distributionen, angefangen mit Ubuntu Mate, nicht schlecht, per „Software-Boutique“ oder Willkommensbildschirm, Zusatzsoftware mit Lizenzen wie MIT, MPL, GPL, BSD, Apache mit wenigen Klicks zur Verfügung zu stellen.
    Zur Marktdurchdrinungng von Mozilla Firefox: Hast du mal nachgesehen, für was die Mozilla Foundation Geld einnimmt und ausgibt? https://www.mozilla.org/en-US/foundation/annualreport/2019/
    Der Browser ist da (leider) eher eine Nebensache geworden, sieht mehr nach einer NGO aus, die das „gute Gewissen“ von Big Tech sein will.

    • Ich bin keineswegs bedingungslos für Mozilla. Es gibt nur schlicht neben den ganzen „Google-Browsern“ nichts mehr anderes. Deshalb „muss“ man quasi Mozilla Firefox unterstützen, wenn man keine Google-Monokultur im Netz haben will.

      Die Distributoren können nicht unbedingt alle auf Vivaldi wechseln, aber auf Chromium doch schon? Immerhin haben das nahezu alle Distributionen sowieso in den Paketquellen.

  3. Hi Gerrit,
    Chromium ist völlig inoffiziell und unsupported von Google. Google hat auch kein Interesse daran, Chromium als vollwertigen Browser zu pflegen (siehe diese Diskussion vom Anfang des Jahres: https://groups.google.com/a/chromium.org/g/embedder-dev/c/NXm7GIKTNTE/m/Qxcew5lfCAAJ?pli=1 zu den Gründen).

    Die meisten Linux-Distributionen überlegten, oder überlegen deshalb, Chromium aus den Paketquellen zu entfernen.

    Quellen dazu.
    Arch Linux: http://web.archive.org/web/20210119202706/https://lists.archlinux.org/pipermail/arch-dev-public/2021-January/030263.html
    Fedora: https://twitter.com/fedora/status/1351631726791983105?s=19
    Debian: https://bugs.debian.org/cgi-bin/bugreport.cgi?bug=972134

    Die Debian-Maintainer bringen zudem ein anderes Problem auf den Punkt, nämlich der enorme Aufwand hinter der Pflege des Chromium-Pakets, den jemand allein kaum stemmen kann. Dazu bitte auch beachten, wie alt das Chromium-Paket in Debian Stable derzeit ist: https://pkgs.org/search/?q=chromium
    Das Debian Security Team hat das Problem bereits angesprochen, im oben verlinken Bugreport und sieht unter diesen Umständen keine Zukunft für Chromium in den Debian-Quellen. Sieht also so aus, als würde Mozilla Firefox bei den tonangebenden Distributionen fester im Sattel sitzen, als Chromium.

    • Für Linux bin ich auch eher optimistisch, das da kein Chromium Fork die Nummer eins wird, Vivaldi schon gar nicht wegen eben wegen der Lizenz.

      Fraglich ist nur, ob die Linux Markmacht reicht, um Firefox am leben zu erhalten.

      Auf der anderen Seite habe ich auch das Gefühl, das sie Mozilla Fundation sich zu sehr an die Einnahmen von Google gewöhnt hat und zu aufgebläht ist. Ich bezweifle das man auf Dauer derartige Einnahmen mit einem Browser generieren kann, aber auch das das für die Entwicklung wirklich nötig ist.

      Sicher sind die Zeiten vorbei, wo ein einzelner einen Browser im Hinterzimmer Programmieren konnte. Aber jährliche hunderte Millionen Dollar (die dann nicht mal für die Entwicklung eines anständigen Mail Programm und die Weiterbeschäftigung des Security Teams reichen) benötigt das sicher auch nicht, ebenso den gewaltigen administrativen Wasserkopf.

      Insofern denke ich, das sich bei einem weiteren Niedergang von Firefox sicher auch eine weitere Opensource Alternative geben wird. Einfach weil das gebraucht wird. Hoffe ich jedenfalls.

  4. Manjaro hat seinen Standardbrowser gar nicht ersetzt. Das ist immer noch Firefox. Das Cinnamon-Derivat ist nur eine Community-Edition und deren Wechsel hat eigentlich wenig Relevanz für das Gesamtprojekt. Eine Lawine wird das hier bestimmt nicht.

    Während man sich verständlicherweise Sorgen machen sollte, was die Popularität von Firefox im Vergleich zu Google Chrome und den Chromium-basierten Webbrowsern betrifft, sehe ich Firefox als Standardbrowser zumindest in den offizielle Paketquellen der großen Linux-Distributionen noch nicht in Gefahr. Dank Mozillas eigenen Bemühungen scheint Firefox insgesamt ziemlich pflegeleicht zu sein. Wie David das oben schon erwähnte, sieht das dagegen bei Chromium und übrigens auch bei WebKit völlig anders aus. Da fehlt es an offizieller Unterstützung.

    Besorgniserregender erscheint mir eher, dass sich mit Snap und FlatPak benutzerfreundliche Möglichkeiten etablieren, um mal eben einen der anderen Webbrowser zu installieren. Ubuntu hat ja bereits angekündigt Firefox zukünftig nur noch als Snap auszuliefern und die Pflege damit direkt bei Mozilla zu lassen. Ist für Google ab da nicht mehr schwer mit Chrome einen Fuß in die Tür zu kriegen, um alleine mit dem Hebel der Nachfrage zu ihren Gunsten einen Wechsel zu erzwingen. Wenn man mit einer Snap und einem FlatPak problemlos den großteil relevanter Distributionen bedienen kann, braucht es nicht viel Personal um auch in die kleine Nische von Linux auf dem Desktop vorzudringen.

    Frage ist für mich aber eigentlich, was willste machen?!

  5. Ich meine, dass nicht die Qualität der Programme entscheidet, sondern der Massive Werbeaufwand von Google.
    Wenn man mal einen Schritt zurück macht, so ist Firefox ein guter Browser und rein von der Funktion Chromium/Chrome sicher auch. Nur FF eben mit Datenschutz.
    Dass Firefox sooo viel verpennt……
    Meine Erfahrung ist (und ich helfe vielen Menschen am PC), dass eine langsame Internetleitung oder ein langsamer Rechner viel mehr ausmacht, als die Wahl des Browsers.

    Will sagen, dass ich persönlich die Inhalte des Firefox-Bashings nicht teile und ohne Nachteile zu haben FF verwenden kann. Wer meint, dass Chromium eine echte Alternative ist, lese mal den Beitrag „Warum Google für FOSS gefährlich ist“ über die Auswirkungen von Standardisierungen.

    Grüße Thoys

Schreiben Sie eine Ergänzung

Ergänzungen dienen der Diskussion über die Inhalte des Artikels. Nachfragen, Anmerkungen und Ergänzungen sind dezidiert erwünscht. Ergänzungen werden vor der Veröffentlichung moderiert. Wir behalten uns vor Kommentare ohne inhaltlichen Bezug oder abseitige Diskussionen nicht zu veröffentlichen.

Bitte geben Sie Ihre Ergänzung ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein