Kürzlich ist endlich elementary 6 erschienen. Die beliebte Distribution wechselt damit auf die Ubuntu 20.04 Basis und führt einige neue Programme ein. Die Qualität ist aber wieder einmal durchwachsen.

Elementary OS ist eine wichtige Distribution. Das sieht man schon an den zahlreichen Meldungen zur neuen Version, die auch über die engeren Linux-Medien hinausreichten. So beispielsweise in Caschys Blog oder t3n. Auch wenn jetzt manche jaulen mögen, aber die meisten der zig hundert Linux-Distributionen interessiert niemand außer ihren Entwicklern und gehypte Neulinge wie beispielsweise MX Linux sind ein Sturm im Wasserglas und jagen nur den vor ihnen gehypten Distributionen Anwender ab.

Die neue Ausgabe von elementary OS 6 kommt spät. Ubuntu 20.04 ist wie die Versionsnummer schon sagt von 2020 und fast 1,5 Jahre draußen. Die Zeichen weisen unübersehbar bereits auf die kommende LTS 22.04. Viele Basisversionen sind somit alt und vor allem die universe-Bestandteile rotten seit 18 Monaten mehr oder minder ungepflegt vor sich hin. Andererseits liefert elementary OS einen eigenen Desktop und viele eigene Programme aus und ist dadurch ein bisschen unabhängig von Ubuntu.

Neue Installationsroutine und Probleme an der Basis

Elementary OS bietet wie bereits gewohnt keinen Upgrade-Pfad. Anwender begegnen deshalb schnell einer Neuerung: Der Installationsroutine. Zuletzt nutzte elementary OS den bewährten Ubuntu-Installer ubquity. Der war nicht perfekt und Canonical arbeitet selbst an einem Nachfolger, aber er war besser als das was elementary jetzt ausliefert.

Anstelle wenigstens auf Calamares zu setzen (das auch nicht frei von Problemen ist) musste was Eigenes her. Allerdings nicht komplett, denn man kooperiert hier mit Pop_OS! Das funktioniert mehr schlecht als recht. Wer etwas anderes als die Standard-Partitionierung will, bekommt GParted angezeigt. Damit ein übliches Partitionslayout aus UEFI, Boot-Partition und LUKS-Container für Root und Home-Partition zu erzeugen hat mich ehrlich gesagt überfordert. Vielleicht hätte ich dafür noch 3 Stunden Handbuch lesen sollen, aber wozu, wenn jede Distribution (sogar Fedora mit dem UX-Monster Anaconda) das besser kann?

Die Installation mit dem vorgefertigen Schema läuft ansonsten problemlos durch. Hier kann man bei Bedarf auch eine Verschlüsselung wählen.

Es gibt aber viele Folgefehler, weil Pop_OS! mit systemd-boot arbeitet und elementary OS mit GRUB. Nicht berücksichtigte GRUB-Einstellungen, fehlerhafte Kernel-Erkennung. Die Liste der Bugs, die bei anderen Distributionen Release Critial wären, ist lang.

Zusätzlich schleppt man natürlich alle Probleme der Ubuntu 20.04 Basis mit. Die wenigsten sind hier Release Critial, aber die Liste wird nach gut 18 Monaten seit der Veröffentlichung von 20.04 auch nicht kürzer.

Alles mit Flatpaks – Oder doch nicht?

Um die alte Basis auszugleichen, setzt elementary OS 6 voll auf Flatpaks. Diese Entwicklung stand schon länger fest. Flatpaks werden dabei aus einer eigenen Quelle installiert und nicht von beispielsweise Flathub. Wie so oft ergab sich bei genauerem Hinsehen aber eine Diskrepanz zwischen vollmundigen Ankündigungen und der Realität. Eine Abfrage ergab aber, dass man nicht konsequent auf Flatpaks setzt.

Damit hat man das gleiche Durcheinander wie Ubuntu mit den halbherzig eingeführten Snaps. Genau wie bei Ubuntu ist zudem absolut nicht zu erkennen, warum nun ausgerechnet diese Programme als Flatpaks ausgeliefert werden und andere nicht. Snaps werden von elementary OS übrigens nicht offiziell unterstützt, was bei der Ubuntu-Basis irgendwie widersinnig ist.

Im App Center als einziger grafischer Möglichkeit zur Installation von Anwendungen berücksichtigt man allerdings nur die speziell für elementary kuratierten Flatpaks. Anwendungen aus den Paketquellen von Ubuntu werden nicht angezeigt. Dadurch herrscht dort gähnende Leere, weil viele Entwickler im elementary-Umfeld in den letzten Jahren wieder abgewandert sind und viele für elementary OS 5 verfügbare Apps nicht portiert sind und vermutlich auch niemals werden. Flathub möchte man nicht standardmäßig einbinden, um den eigenen Store zu stärken.

Allein gelassen mit dem Problem sind letztlich dann die Anwender.

Pantheon – Viel Bekanntes

Bei der Pantheon Shell und den Kernprogrammen hat sich im Vergleich zu elementary OS 5.1 wenig getan. Ein paar Designänderungen und ein Dunkelmodus, aber ansonsten kaum Neuerungen. Das betrifft auch die Dateiverwaltung, die Fotoverwaltung und andere Kernanwendungen.

Neu sind die Anwendungen für Mail und Aufgaben. Die Kalender-Anwendung gab es schon früher. Hier eifert man gewohnt dem großen Vorbild macOS nach. Die Aufgaben-App ist tatsächlich gelungen und hätte großes Potenzial, sich in meinen Workflow einzufügen.

Die Mail App ist hingegen funktional arg beschnitten und verschluckt sich an meinem Postfach mit zig tausend E-Mails. Das hatte ich allerdings auch nicht anders erwartet, hier muss man auf leistungsstärkere Programme wie Thunderbird oder Evolution ausweichen. Letzteres dann leider – wegen der alten Basis – in einer alten und nicht zuverlässig unterstützten Version.

Das elementary-Team hat sich hier leider mal wieder an seinen eigenen Ambitionen verhoben. Eine Distribution, einen neuen Installer, einen Desktop und die zugehörigen Programme zu entwickeln und zu pflegen, führt bei einem so kleinen Entwicklerteam zu massiven Qualitätsproblemen.

Zusammengefasst

Ich mag elementary, ich schätze den Anspruch, einen konsistenten Desktop zu entwickeln und die Vision. Ich sehe Pantheon in vielen Fragen als das bessere GNOME an. Die neue Version ist aber ein Rohrkrepierer. Sie kommt zu spät, der Wechsel auf 22.04 kündigt sich schon an. Mit vielen Baustellen hat sich das Team verhoben und wie so oft wirken viele Anwendungen unausgereift. Die halbgare Flatpak-Migration macht das Ergebnis nicht besser.

Das Echo auf Kanälen wie Reddit ist angesichts der vielen Probleme und unzureichenden Umsetzung von Lösungen verheerend. Elementary ist gerade auf dem besten Weg sich selbst ins Aus zu schießen.

Ich persönlich setze daher eher auf jene Initiativen, die Pantheon und die Apps in andere Distributionen tragen. Fedora ist da schon recht weit, ebenso Arch und bei openSUSE gab es jüngst auch wieder Fortschritte.

Pantheon ist toll, elementary OS als Distribution leider weniger.

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

5 Ergänzungen

  1. Ich kann mich dem Artikel nur anschliessen. Elementary 6 habe ich mir ebenfalls installiert und war maßlos enttäuscht. Nicht Fisch, aber auch nicht Fleisch. Was soll das? Und die ganze Zeit herumzufrickeln, dazu hatte ich auch keinen Bock. Jetzt läuft Debian 11 auf meiner Kiste und das sehr gut. Wenn die beim Elementary-Team so weitermachen, wird es diese Distro in einigen Jahren nicht mehr geben. Übrigens: Soweit ich weiß, hat das Erscheinen von Elementary 6 wegen COVID-19 ziemlich lange gedauert.

  2. Ubuntu-basierten Distris, die (von Haus aus) kein Snap zu unterstützen ist jetzt aber nicht so ungewöhnlich oder? Mint und Pop!_OS kommen auch ohne Snap.
    Snap ist der Grund (Hersteller Store + Zwangsupdates) weswegen ich Ubuntu bei meinem Linux Wiedereinstieg vor 1,5 Jahren nicht weiter angesehen habe – den Quatsch hatte ich schon bei Windows 10.

  3. Hey Gerrit,
    erstens, ich verstehe den Terminalscreenshot nicht. Vom Text her klingt es so, als würde der mir zeigen, dass manche Programme flatpak und manche apt sind, aber was ich da sehe ist doch alles flatpak.

    Zweitens, warum hast du ein altes evolution? via flatpak kannst du dier das Aktuelle installieren. Das alter der Basisidistribution spielt hierbei keine rolle. Das ist doch gerade der Punkt bei flatpak.

    Kann es sein, das flathub als remote fehlt?

    • elementary behauptet, sie würden jetzt voll auf Flatpaks setzen. Der Screenshot zeigt, dass dem nicht so ist, sondern sie nur für wenige und teils unwichtige Apps auf Flatpaks setzen. Alles was hier nicht gelistet ist, ist logischerweise normal über apt installiert. PR und Realität stimmen hier mal wieder nicht überein. Wenn schon ein Flatpak-basiertes Ökosystem, dann bitte richtig.

      Und ja: Flathub ist nicht standardmäßig aktiviert. Als normaler Anwender (was die Zielgruppe ist) installiere ich also alles andere aus der Ubuntu-Müllkippe namens universe.

      Faktisch ist elementary OS 6 immer noch tief in der Beta. Die Entwickler haben meiner Meinung nach nur gemerkt, dass ihnen die Zeit davon läuft und es jetzt halt einfach raus gehauen.

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