Open Source wird vor allem von Freiwilligen entwickelt. Die vorhandene Software und das Linux-Ökosystem sind somit eine gemeinschaftliche Leistung der Community und können deshalb nicht mit proprietärer Software verglichen werden. Aber ist dem so?

Ich setze mich in diesem Blog häufig kritisch mit Open Source auseinander. Nicht weil ich es nicht gerne nutze oder mit meinem Linux-System im Großen und Ganzen unzufrieden wäre, sondern weil ich die Wohlfühlblase, in die sich Teile der Open Source Community abgesetzt haben (inklusive mancher alternativer Wahrheiten) für gefährlich halte und meine Reichweite gerne für Denkanstöße nutze.

Mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit kommt bei Vergleichen immer das Argument „Das machen Freiwillige, denen kann man nichts vorschreiben und das kann man nicht vergleichen“. Doch ist dem so oder handelt es sich hierbei nicht um einen schönen Mythos, hinter dem sich Teile der Community argumentativ verschanzen.

Schaut man auf den Kernel, ist schon seit Längerem bekannt, dass hier große Firmen mit ihren Mitarbeitern den Löwenanteil der Arbeit machen. Das löste immer mal wieder Kontroversen aus. Die letzte Aufschlüsselung stammt vom Entwicklungsyzklus der Version 5.10.

GNOME hat ebenfalls vor einiger Zeit transparent gemacht, wer hier die meiste Entwicklungsarbeit leistet. Überraschung: Red Hat. Gefolgt von einigen anderen Organisationen. KDE hat die Affiliation seiner Entwickler leider nicht offen gelegt, aber durch bekannte Förderungen z. B. durch blue systems kann man vermuten, dass hier auch nicht alle ehrenamtlich unterwegs sind.

LibreOffice hat im Zuge der Auseinandersetzung um die Betitelung „Community Edition“ ebenfalls Einblicke in die Verhältnisse gewährt. 73% der Beiträge zu LibreOffice stammen von den Partnern der TDF. Bekannt dürften hier besonders Collabora, Red Hat und CIB sein.

Bei Projekten wie Oracle VirtualBox oder Mozilla Firefox steht der Finanzier ja sogar schon im Namen. Für zahllose weitere Projekte könnte man das sicherlich auch problemlos durch deklinieren.

Bei den Distributionen gilt das sowieso. Red Hats Beteiligung an Fedora ist bekannt, Ubuntu Main wird natürlich von Canonical entwickelt. Als openSUSE-Nutzer kann man im Changelog die Bedeutung der Beiträge von SUSE-Mitarbeitern sehen. Manjaro ist inzwischen eine GmbH und auch bei Debian arbeiten viele bezahlt mit.

Natürlich gibt es auch ganz viel ehrenamtliche Arbeit und die Community leistet Großartiges. Je nach Projekt macht diese Arbeit auch einen großen Anteil aus. Viele kleinere Softwareprojekte werden auch ausschließlich in der Freizeit entwickelt. Das alles soll hier nicht in Abrede gestellt werden! Das gibt es nur bei Windows oder macOS auch. Die vielen Open Source/Freeware-Programme und die Supportforen und Support-Communitys werden dort auch nicht von hauptamtlichen Mitarbeitern gemacht.

Die Freiwilligkeit vieler Einzelentwickler als Argument für mangende Qualität oder komische Entwicklungsprozesse ist somit eine eher romantische Vorstellung von Open Source-Entwicklung und sollte nicht zu exzessiv als Argument vorgeschoben werden. Es wird auch nicht besser, wenn man die Größe der Entwicklerteams proprietärer Software in der Argumentation immer maßlos überschätzt.

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

3 Ergänzungen

  1. Stimmt. Viele große Projekte werden bzw. wurden von Firmen maßgeblich mitentwickelt oder zumindet unterstützt. Wäre Firefox jemals so groß geworden, wenn der Vorläufer nciht mit entsprechendem Kapital von Netscape vorangebracht worden wäre? Nein, sicher nicht. Von daher kann man sich bei diesen Firmen bedanken dass sie viele tolle Projekte hinterlassen (haben).

    Aber besonders in den kleinen Community-Projekten, die teilweise von einem oder zwei Maintainern entwickelt werden, steck auch viel Potenzial – nur leider haben diese Projekte keine Chance sich durchzusetzen. Wofür noch einen Webbrowser? Ich habe doch Chrome und Firefox – ein Bilck über den Tellerand – undenkbar!

    Gerade solchen kleinen Projekten sollte Aufmerksamkeit zu teil werden. Wer weiß, vielleicht sieht ein Unternehmen darin eine Chance und beteiligt sich?

    Und am Ende sollte man bedenken, dass Linux anfangs auch nur ein Hoppyprojekt eines durchgeknallten Studenten war, der seinen Prozessor kennenlernen wollte…

  2. FOSS ist ja eigentlich nur ein Lizensierungs- und Entwicklungsmodell, hinter dem auch ein ideologischer Grundgedanke steht. Für beteiligte Unternehmen steht dieser Grundgedanke sicherlich nicht im Vordergrund, sondern mehr dass FOSS Teil ihres Geschäftsmodells ist. Das, wovon alle Beteiligten und Anwender vorwiegend profitieren, ist heutzutage – meiner Meinung nach – nicht eine irgendwie definierte Freiheit, sondern die Verfügbarkeit von Lösungen und die Transparenz im Entwicklungsprozess. Mir ist allerdings schleierhaft, warum einge bei dem „Community“-Gedanken immer die Unternehmen ausschließen wollen. Sinn des Ganzen ist doch, dass ALLE mitmachen?! Dabei macht es im Endeffekt dann auch keinen Unterschied, ob man bei der Entwicklung von den Resourcen eines großen Unternehmens abhängig ist oder von denen eines ehrenamtlichen Entwicklers. So lange ich nicht selber Developer/Maintainer meiner favorisierten Softwarelösungen bin, bleibe ich abhängig und muss mich darauf einstellen, dass die Unterstützung für diese Lösung endlich ist. Da ist der Unterschied zu proprietärer Software lediglich, dass man rein theoretisch ein Projekt übernehmen oder forken könnte. Was aber für die allermeisten wirklich nur rein theoretisch ist. Bleibt zumindest noch die Transparenz, die für die allermeisten wohl ebenfalls rein theoretischer Natur ist, aber immerhin gibt es innerhalb des Entwicklungsprozesses ein Mehraugenprinzip, bei dem genügend Leute, die cleverer sind als ich, mal drüber schauen und mir sagen können, ob da jemand Scheiße baut oder nicht. Hat zweifelsohne auch seinen Vorteil für die Qualität der Beiträge, wenn wegen der Offenlegung niemand – einschließlich der großen Unternehmen – sich die Blöße geben möchte, mit schlechten Beiträgen erwischt zu werden. Da liefert man den Mäklern nur Angriffsfläche und der Konkurrenz Steilvorlagen für die PR-Abteilung.

    Es ist übrigens nicht verwunderlich, dass Entwickler, die das Niveau haben bspw. am Linux-Kernel mitzuentwicklen, aufgrund ihrer Fachkompetenz bei einem namhaften Unternehmen angestellt sind. Und es ist auch nicht ungewöhnlich, dass so ein Unternehmen vorschreibt, dass man seine Unternehmenszugehörigkeit angibt, wenn man zu bekannten Projekten – egal ob freiwillig oder im Auftrag des Unternehmens – beiträgt. In diesem Kontext ist es dann auch eher ein Graubereich, was wer warum und ob überhaupt ehrenamtlich macht oder machen darf.

    tl;dr Ein Mal die 2 Cent mit Senf zum Artikel. Schönen Feierabend!

  3. > „… sondern weil ich die Wohlfühlblase, in die sich Teile der Open Source Community abgesetzt haben (inklusive mancher alternativer Wahrheiten) für gefährlich halte und meine Reichweite gerne für Denkanstöße nutze. “

    Das ist ja löblich. Aber könnte es nicht sein, dass vielen Mitgliedern der FOSS-Community durchaus bewusst ist, welchen Anteil Firmen bei der Open-Source-Entwicklung spielen? Vielleicht ist das Klischee der „Freizeit-Coder“ ja eher bei Menschen verbreitet, die wenig mit der Open Source-Community zu tun haben?

    Ohne Daten dazu, ist alles Spekulation. Kennst Du evtl. Umfragen zu diesem Themenkreis?

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