Linux-Anwender rühmen sich ja immer der Vielfalt, die sich auf dem Desktop bietet. Aber ist es wirklich Vielfalt oder ist es die Unfähigkeit zum Kompromiss?

Michael Kofler hat vor einigen Tagen einen Blogartikel „Fluch und Segen von Gnome“ geschrieben. In diesem zieht er die Schlussfolgerung, dass die geringen Modifikationsmöglichkeiten von GNOME letztlich zur sinnlosen Auffächerung des Ökosystems beitragen:

Natürlich kann niemand kann den Gnome-Entwicklern vorschreiben, in welche Richtung sie ihr Projekt weiterentwickeln. Aber die oft überraschenden, eigenwilligen Design-Entscheidungen irritieren nicht mich alleine. Sie führen dazu, dass Ubuntu das Gnome-40-Update vorerst nicht mitmacht, dass jetzt auch Pop!OS den Desktop neu erfinden will, dass es mit Elementary, Cinnamon, Mate sowieso schon ein Dutzend Varianten gibt, die in Wirklichkeit (fast) keiner haben will. Deren Daseinsberechtigung sich durch einige Details ergibt, die sich außerhalb des Gnome-Universums offenbar einfacher realisieren lassen als innerhalb. Die in einem sinnlosen Ausmaß Entwickler-Ressourcen binden. Die nicht fertig werden. Zu denen es schon bald keine Updates mehr geben wird.

kofler.info – Fluch und Segen von Gnome

Mich hat dieser Artikel erinnert an einen Blogartikel, den ich vor einigen Jahren über die ausufernden Auswahl an Desktopumgebungen geschrieben hatte.

Seitdem hat sich mal wieder was getan. Mit Deepin und COSCMIC sind nun zwei weitere Kandidaten dazu gekommen. Kein einziges Projekt wurde eingestellt.

DesktopumgebungVeröffentlichtEinstellung
Xfce1997 
KDE Plasma1998 
GNOME1999 
LXDE2006 
Trinity2009 
RazorQt20102013
MATE2011 
Cinnamon2011 
Unity20112017
Pantheon2012 
Budgie2014 
LXQt2014 
Deepin2015 
COSMIC2021 

Seit der Pandemie lieben wir ja alle Diagramme. Um also die offensichtliche Entwicklung noch etwas dramatischer darzustellen:

Linux hat bei ungefähr gleichen Nutzungszahlen und ungefähr gleichen Entwicklerzahlen (GNOME und KDE haben das jeweils transparent gemacht) also eine tendenziell wachsende Anzahl an Desktopumgebungen. Die mobilen Umgebungen wurden hier dezidiert nicht berücksichtigt.

Die von Michael Kofler thematisierte „Schuld“ von GNOME ist offensichtlich. Die meisten Desktopumgebungen sind Derivate oder Forks von GNOME und zeitlich vor allem nach der Veröffentlichung von GNOME 3 entstanden.

Man mag nun denken, dass sei eben Linux, aber eigentlich stimmt das nicht. Linux bietet bei vielen wichtigen Sachen entweder keine oder lediglich ein paar Alternativen. Beginnend beim Kernel über so wichtige Sachen wie die Verschlüsselung (LUKS) oder sogar das Initsystem (so viele Alternativen neben systemd gibt es auch nicht). Das sieht bei den Desktopprogrammen nicht groß anders aus. Es gibt 4-5 Mailclients (Evolution, Kontact, Thunderbird, Clawsmail, mutt), zwei Browser (Firefox, Chromium), eigentlich nur eine Office-Suite usw. usf.

Das Problem der ausufernden Alternativen konzentriert sich also tatsächlich vor allem auf die Desktopumgebungen. Ursächlich scheint hier wirklich der Dogmatismus zu sein, der bei Desktopumgebungen Einzug gehalten hat. Es gibt keinerlei Bereitschaft, alternative Ansätze zu integrieren, sondern Abweichler werden quasi ins Exil gedrängt.

Das ist umso absurder, als es im Grunde genommen trotzdem immer das gleiche Konzept ist. Auch GNOME hat hier das Rad nicht neu erfunden, sondern im Kern ein klassisches Fensterkonzept mit (ausgeblendetem) Symboldock vorgelegt. So wie alle anderen Umgebungen eben auch. Bei vielen anderen Umgebungen ist sogar gänzlich unklar, warum es beide geben muss (z. B. MATE und Xfce).

Viele stehen hier auf dem Standpunkt, dass so etwas kein Problem ist, weil Linux durch seine Alternativen profitiert. Bei gleichbleibender Entwicklerzahl ist es aber eine massive Ressourcenverschwendung, wenn das Rad 12 Mal erfunden wird. Es gibt bei jedem Phänomen einen Kipppunkt, bei dem sich die Vorteile in Nachteile umkehren. Bei den Desktopumgebungen ist dieser sicher erreicht. Der Punkt, an dem die Anwender durch die Anzahl an Alternativen noch profitierten ist schon lange überschritten.

Die Befürworter der Alternativen haben dabei meist ein negatives Menschenbild. Sie glauben, die Entwickler der Alternativen würden sonst gar nichts beitragen. Meiner Meinung nach ist das ein Irrtum, vor allem bezüglich des großen Kreises der Entwickler, die „nur“ zum Projekt beitragen und keine Hauptentwickler sind. Diese würden sich bei weniger Auswahl einfach für eines der anderen Projekte entscheiden.

Das Feld wird sich hier hoffentlich demnächst lichten. Die Schwierigkeiten der großen Entwickerteams von GNOME und KDE bei der Migration zu Wayland lassen erahnen, dass die meisten anderen Projekte daran scheitern könnten.

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

20 Ergänzungen

  1. In der Tabelle fehlt CDE, das es ja immer noch gibt und auch unter Linux zusehends beliebter wird. Jedenfalls in manchen Kreisen. 😉

      • Die Tabelle ist damit ja nicht vollständig. Das Diagramm wirkt dadurch etwas merkwürdig, wenn ein Relevanzkriterium auf Basis der aktuellen Verbreitung angewandt wird. So als ob es vor Xfce nichts gegeben hätte. Für die Tabelle erscheint mir das in Ordnung.

        Wenn man das Kriterium verwendet, ob eine Distribution das ausliefert, müssten ja auch RazorQt und Unity rausfallen, weil sie eben eingestellt wurden.

        • Was fehlt denn in der Tabelle?

          RazorQt und Unity sind mit Abkündigungsdatum angegeben und das wurde im Diagramm entsprechend berücksichtigt.

            • Tut mir leid, aber ich hab nochmal geguckt und außer im AUR ist das nirgendwo zu finden. Lediglich eine BSD-Variante scheint das zu nutzen, aber BSD-Spezialitäten habe ich jetzt nicht berücksichtigt (da wäre ja noch Lumina). Ebenso die weite Welt der WM.

              • Womit wir wieder bei der Frage wären, warum RazorQt, das niemand mehr nutzt, aufgeführt ist, CDE, das durchaus (meist selbst kompilierende) Nutzer hat und aktiv weiterentwickelt wird, in der obigen Tabelle aber fehlt. Wenn du da nur diejenigen Desktops aufführen möchtest, für die es in den letzten zehn Jahren mal ein Debianpaket gab, dann solltest du die Beschriftung der Tabelle entsprechend anpassen.

  2. Hi,

    das sehe ich ganz genauso. Es gab in einem Forum mal die Frage „Wenn du X Euro hast, was würdest du tun, um foss zu fördern“.

    Ich hab damals geantwortet, dass ich mir IM ÜBERTRAGENEN SINNE einen Steve Jobs des FOSS wünsche. Jemand, der von außen Projekte leitet, eventuell auch mal jemandem sagt, dass er etwas tun muss (damit spiele ich auf das Problem an, dass Tolle Projekte zum erliegen kommen, weil der Entwickler Vater geworden ist oder krank wurde oder was auch immer) oder die Ressourcen bündelt, dass das Projekt breiter aufgestellt wird -> Was aber beinhaltet, dass es kein Einmann-Programm mehr ist und somit weniger Entwickler Gott sein können.

    Daher ja, wir in der FOSS Welt sollten darauf achten, wo das Verhältnis aus Vielfalt und Ressourcen pro Projekt nicht mehr stimmt. Und wenn ein Streit zwischen zwei Personen zu einem neuen Projekt führt, dann braucht wir irgend eine Instanz.
    Man kann ja die Freiwilligkeit stehen lassen, ob man sein Projekt zu so einer Instanz anmeldet. Für den User würde diese dann garantieren, dass angemeldete Projekte nicht sterben, schlafen oder das forken zumindest begleitet wird.

    Ich weiß, dass das viele FOSS-ler anders sehen, aber ich glaube an dieser Stelle wäre gut, wenn einzelne Entwickler etwas Freiheit aufgeben sollten, um im Großen gute Freie Software zu entwickeln.

    Was ich sage ist allgemein gesprochen, es gibt natürlich Gegenbeweise und einzelne Projekte, die ganz toll laufen, auch mit nur einem Entwickler. Linux selbst ist stark Linus geprägt.

    Aber vielleicht lest ihr meinen Kommentar wohlwollend und lest, was ich versuche zu sagen – konstruktiv.

    Grüße

  3. Ich habe auch den Blog auf kofler.info gelesen, er hatte ja lange nichts mehr geschrieben, aber jetzt sind wohl auch bei ihm die Emotionen ausgebrochen 🙂 . Als langjähriger Gnome-Nutzer lässt sich die Kritik sehr gut nachvollziehen, denke aber das auch diese ungehört bleiben wird.

  4. Das Ganze mag ja uneffektiv sein aber es sind eben hauptsächlich die Ressourcen von Freiwilligen, die da „verschwendet“ werden. Diese Menschen würden eben nicht unbedingt in einem anderen Projekt mitarbeiten, wenn sie ihren Nischendesktop nicht enzwickeln könnten.
    Mir ist auch nicht klar, warum sich immer wieder so viele Nutzer beschweren. Entweder, ich entwickle selber, dann kann ich mir aussuchen bei welchem Projekt ich mich einbringe. Oder ich bezahle für FOSS, dann kann ich meinen Mitarbeitern vorschreiben, was sie entwickeln sollen. Aufrufe an andere Menschen, ihre freiwilligen Beiträge in bestimmten Bereichen zu leisten oder ihr Geld in bestimmte Programme zu investieren kann man machen. Man darf sich aber auch nicht wundern, wenn dem nicht gefolgt wird.
    Die These, dass alle Desktopumgebungen mehr oder weniger gleich sind halte ich auch für steil. Zwischen einem klassischen Menü und einem Dock plus Suchfunktion ist schon riesig. Außerdem scheint irgendwie den meisten Nutzern (und Entwicklern?) die Optik extrem wichtig zu sein. Da wird auf jeden Fall sehr viel Energie hineingesteckt.

    Ich selbst bleibe bei einer der großen Umgebungen (Gnome) und mache die mehr oder weniger sinnvollen Änderungen der Entwickler bisher mit, auch wenn ich häufig nicht wirklich damit einverstanden bin. Bin halt kompromissfähig ;-).

    • „Diese Menschen würden eben nicht unbedingt in einem anderen Projekt mitarbeiten, wenn sie ihren Nischendesktop nicht enzwickeln könnten.“

      Eben genau das bezweifle ich, wenn die Projekte ein wenig inklusiver wären und die Menschen nicht so rausdrängen.

      Der Vergleich mag hinken, aber es ist meiner Meinung nach kein Zufall, dass im KDE-Ökosystem nicht so viele Forks produziert werden.

  5. Warum nicht mal sowas?
    Als eine vollfunktionsfähige Desktopumgebung.

    Zitat:

    LCARS Terminal

    Kurzbeschreibung

    Mit dem „LCARS Terminal“ erhalten Sie eine futuristische Oberfläche für den Windows-Desktop. Im Stil der Computerterminals aus der Star Trek-Serie werden Ihnen im „Library Computer Access and Retrieval System“ Schriftarten, Menüfenster und Systemsteuerung in einem neuen Look dargestellt. Für Fans des Star Trek-Universums zeigt das „LCARS Terminal“ neben der Uhrzeit, dem Wochentag und dem Datum die aus der Serie bekannte Sternzeit an.

    Quelle:

    https://www.computerbild.de/download/LCARS-Terminal-5698.html

    Zitatende

    Statt dessen streiten sich die Geister um minimale Änderungen oder sie forken gleich was ähnliches. Für mich kommen tatsächlich nur zwei GUI`s in Frage was Handling und Ergonomie betrifft:
    LXDE und Cinnamon.

  6. @Thomas S.: Ich stimme Dir zu 100% zu und möchte noch hinzufügen, dass dieses Thema wieder und wieder unter dem falschen Blickwinkel betrachtet wird: Dem der Effizienz. Effizienz mag ein Kriterium sein in monetären Umgebungen und profitorientierten Projekten. Für viele Open Source Projekte ist das schlicht falsch.
    Warum spielen tausende Leute Musikinstrumente und treten auf Stadtfesten auf? Weil es Spaß macht. Und weil sie es können.
    Aber eigentlich gibt es ja Profis, die Millionen Platten verkaufen.
    Müsste sich ja keiner mehr die Mühe machen.
    Das könnte man endlos weiter mit Beispielen füllen.

    Aber am schlimmsten finde ich die egozentrische Grundhaltung.
    Was, wenn die Jungs und Mädels gar nicht ihre Zeit verschwenden, _nur damit ich ich ich es geil finde_. Oder daran herum krittele.
    Was, wenn die das machen, weil es für sie gut ist? Weil es ihnen ein Problem löst, ihren Freunden ein Problem löst, weil sie etwas dabei lernen, weil sie einem Platz in der Welt suchen, weil sie es können oder wollen oder einfach nur aus Langeweile?

    Und, ich weiss gar nicht, wie oft ich das in den letzten 20 Jahren gesagt und geschrieben habe: Linux hat keinen Desktop!!

    Ps: Das legendäre e17 fehlt auch.

    Grüße

    Marcus

      • Na, am ehesten noch, weil jeder Nutzer einen Desktop braucht, aber nicht jeder eine Bildbearbeitung. Die Nutzerbasis ist grösser. Wahrscheinlich ist es auch einfacher, eine Desktop Umgebung zu bauen, als ein digitales Aufnahmestudio. Oder ‚ ne Office Suite.
        Keine Fachkenntnisse nötig, potentiell viele Anwender und der Desktop kommt einem alle paar Minuten in den Workflow.
        Bei Android Launchern ist das ja ganz ähnlich. Ich liebe auch die Vielfalt. Ich liebe es auch, dass ich oft ganz nah an mein Optimum herankomme. Aber nie ganz. Immer wieder werde ich überrascht mit genialen Konzepten. ( Zuletzt: Last Launcher auf Android. Genial. Genau, was ich gewollt habe, ohne es zu wissen 🙂 ) .Ich liebe KDE für den besten verfügbaren Desktop, benutze ihn aber nicht. 🙂

        Wie gesagt: Effizienz (Anzahl zufriedene Desktop-Nutzer geteilt durch Mannstunden Programmierer) ist hier schlicht kein Kriterium. Bei Windows und Mac ist das bestimmt anders. Das ist OK und es steht ja jedem frei, dies zu benutzen. Das ist jetzt ausdrücklich nicht negativ oder gar zickig gemeint. Es verdeutlicht nur: Die Kategorie ist falsch.

        • Mein Punkt ist da ein anderer. Die meisten jüngeren DE’s sind Forks von GNOME mit lediglich gradualen Abwandlungen (Budgie, Cinnamon, Pantheon, nun auch COSMIC). Hätte es die alle geben müssen wenn das GNOME Projekt etwas inklusiver und flexibler gewesen wäre? Hätte GNOME nicht auch davon profitiert wenn nicht alle diese Entwickler ihre eigenen Projekte hätten starten müssen?

          • Verstehe. Wahrscheinlich nicht.

            Allerdings verfolgt zb Microsoft ja auch eine Friss oder Stirb Strategie. Dort gibt es einen Browser, einen Mail Client, eine Office Suite. Vermutlich auch nicht über mäßig inklusiv. Eher Management by Mufti.
            Aber eben bezahlt.
            Im Open Source werden die Entwickler anders ‚kalkulieren‘ und eher den eigenen Ideen und der eigenen Kreativität frönen.
            Beides zu haben ist doch eigentlich toll. KDE, Gnome, zeitgemäß und stringend, Xfce & Mate retro und Mac und Win poliert und für alle gleich ( in Sachen Support sicher ein Vorteil).
            Und obendrein noch ein Sack Flöhe, die sich austoben und potentiell gute Ideen entwickeln (können), weil kein ökonomischer Druck besteht.
            Von mir aus kann es so bleiben.

  7. Heißes Thema … ich bin gottfroh wegen dieser Vielfalt. Meistens arbeite ich mit KDE. Und dann bin ich es plötzlich leid und arbeite mit XFCE oder LXQt – jetzt sind meine Favoriten klar. An KDE liebe ich die Anpassungsfähigkeit der Oberfläche an meine Bedürfnisse. Darauf will ich kaum verzichten.
    Und es gibt Bereiche in meinem Leben, da kann mich Eintönigkeit kaum schrecken – ich muss nicht jedes halbe Jahr die Wohnung umräumen; meine Kleidung kaufe ich eher selten und dann konservativ … doch bei Duschgel, Weg von und zur Arbeit und Rechneroberflächen, da brauche ich Abwechslung …
    Dummerweise hat MerCurius mit seinen arbeitsökonomischen Überlegungen Recht.

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