Im Podcast bei netzpolitik ging es um den Einsatz von freier Software in der Verwaltung (siehe: netzpolitik.org Podcast zu freier Software). Es wurde zu Recht auf Schwierigkeiten bei den Ausschreibungen und Anforderungen hingewiesen. Auf wichtige Stärken der gegenwärtigen – überwiegend, aber nicht ausschließlich proprietären – Lizenzmodelle wurde nicht eingegangen.

Ursprünglich wollte ich diesen Kommentar bereits direkt in den Artikel schreiben, aber das hätte den Podcast mit zu viel ungerechtfertigter Kritik überzogen und zu weit weg vom Thema geführt.

Bezüglich der Hemmnisse beim Einsatz von freier Software in der Verwaltung gibt es oft zwei Argumente. Erstens seien die Ausschreibungen nicht auf OSS zugeschnitten, zweitens müssten sich doch nur mal genug staatliche Stellen zusammen tun um gemeinsam etwas voran zu bringen. Bei letzterem wird immer gerne auf Russland mit seinen Ambitionen in Richtung freier Software verwiesen.

Dahinter steht meiner Meinung nach ein mangelndes Verständnis davon wie ein demokratischer Staat wie Deutschland funktioniert und eine wenig begrüßenswerte Sympathie für autokratische Systeme. Deutschland ist weder ein Zentralstaat, noch eine Kommandowirtschaft oder gar ein autokratisches System wo ein Präsidialamt einfach mal einen Systemwechsel anordnet und die Untergeben wenigstens so tun, als ob sie es umsetzen. Deutschland ist ein föderales System in dem viele Glieder eine sehr große Unabhängigkeit genießen. Dies gilt natürlich auch für die IT Strukturen.

Das bedeutet ganz konkret, dass nicht nur Bund und Länder als vergleichsweise große Verwaltungseinheiten ihre eigenen Strukturen haben, sondern viele nachgeordnete Behörden und Einrichtungen ebenfalls viele Freiheiten genießen. Innerhalb dieser Einrichtungen gibt es dann teilweise noch unabhängige Substrukturen mit eigenen Anforderungen und Beschaffungsprozessen. All das fällt unter die Oberkategorie Öffentlicher Dienst bzw. Verwaltung.

Das kann man jetzt als Grundübel bezeichnen oder auch nicht. Im Grunde genommen fährt Deutschland damit sehr gut, weil zentralistische Strukturen sehr oft an den Anforderungen vorbei entscheiden. In jedem Fall sind dies die Rahmenbedingungen mit denen man in Deutschland umgehen muss.

Das überwiegend proprietäre System harmoniert da nahezu perfekt. Nun kann man hier die Henne/Ei Frage stellen. Funktioniert das System perfekt weil sich der Staat darauf eingestellt hat oder haben die Entwicklungsfirmen einfach ein passendes Modell für staatliche Stellen geschaffen. Gleichwohl klappt es relativ zuverlässig. Lizenzen und Supportverträge kosten zwar viel Geld, lassen sich aber in die Jahresbudgets einbeziehen. Gleichzeitig trägt man nicht die wirtschaftliche Verantwortung für das Gesamtprojekt und die zukünftige Entwicklung, sondern diese liegt beim Lizenzgeber. Funktioniert etwas nicht wechselt man schlimmstenfalls den Anbieter und bezahlt ein Migrationsprojekt mit begrenztem Umfang. Genau aus diesem Grund sind auch solche Anbieter von freier Software so erfolgreich, die sich in dieses System eingefügt haben. SUSE oder Red Hat bieten beispielsweise ein feststehendes Produkt (z. B. Linux Server) mit festen Supportverträgen, die sich über mehrere Jahre erstrecken. Die Verwaltung greift hier bereits sehr gerne auf Open Source Software zurück. Es ist also nicht so, dass der Staat FOSS gänzlich meidet, das Modell funktioniert sehr gut bei bereits bestehenden Produkten.

Anders sieht das bei den Leerstellen aus. Bei der Entwicklung für diese weißen Flecken scheitert das von Enthusiasten vorgetragene Entwicklungsmodell für freie Software. Hier wird immer pauschal gesagt, man müsste es nur entwickeln, Geld wäre schließlich ohne Lizenzgebühren genug da. Erstens ist das eine schwer zu beziffernde Rechnung, denn Lizenzgebühren über viele Jahre gegen Entwicklungskosten lassen sich nur schwer kalkulieren. Wohl stehen mehr Kontrolle und ggf. auch mehr Sicherheit auf der Positiv-Liste. Dafür könnte man theoretisch die eventuellen Mehrkosten in Kauf nehmen.

Ganz konkret in der deutschen Wirklichkeit bedeutet das aber, als Entscheidungsträger in einer Institution oder Abteilung müsste man sich dann aber erstmal deutschlandweit (oder gar europaweit) umsehen ob andere Einrichtungen etwas ähnliches brauchen und mich mit diesen vernetzen. Dann müsste man von den lokalen Anforderungen abstrahieren, etwas allgemeingültiges entwickeln lassen und dann für den lokalen Gebrauch wieder anpassen. Das ganze unter Zeitdruck, da Anforderungen selten viele Jahre im Vorfeld klar werden.

Keine Verwaltung kann dies aus den bestehenden Strukturen her leisten. Der berühmte Wasserkopf betrifft ganz sicher nicht die IT-Mitarbeiterzahlen. Dazu müsste also externe Expertise eingekauft (höre ich Beraterskandal?) werden oder die Institutionen müssten zentrale Entwicklungszentren gründen. Hier wäre wieder die Frage wie dies aus den sehr starren Finanzierungsmodellen bezahlt werden soll, da das Investitionen mit langer Laufzeit sind. Diese aber immerhin theoretisch möglichen neuen Entwicklungszentren wären naturgemäß im ÖD angesiedelt und müssten auf dem angespannten Arbeitsmarkt um Fachkräfte konkurrieren (siehe HIS im Hochschulsektor). Es ist kein sonderlicher Pessimismus von Nöten um jedes dieser Projekte zu einem kleinen BER werden zu lassen.

Das kann und wird niemals funktionieren. Da wo bestehende Open Source Produkte konkurrenzfähig sind finden sie bereits Verwendung. Es ist ja nicht so, dass momentan generalstabsmäßig Open Source Software gemieden wird. Freie Software ist auf vielen Desktoparbeitsplätzen allgegenwärtig, im Server-Bereich sowieso. In der Cloud hat Nextcloud gerade einen richtigen Clou landen können. All diese Projekte bestanden aber schon bevor staatliche Stelle sich für eine Nutzung entschieden. Neuentwicklungen in einem größeren Maßstab aus den Institutionen heraus – mit dem Ziel neue Aufgaben zu lösen oder bestehende Plattformen zu ersetzen – werden nicht funktionieren.

Nichtsdestotrotz ist es immer wieder schön, wenn einzelne Institutionen oder ganze Bundesländer wie Schleswig-Holstein sich dem Thema annehmen und zumindest Absichtserklärungen formulieren. Vielleicht entsteht daraus etwas mit Perspektive.


Bilder:
Einleitungs- und Beitragsbild von qimono via pixabay

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

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