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Das Smartphone Betriebssystem mit dem denkbar Suchmaschinen-unfreundlichen Namen /e/ ist ein Android-basiertes Custom Rom mit dem Ziel Google zu ersetzen ohne den Anwender funktional in die Isolation zu treiben. Es integriert eine Vielzahl interessanter Open Source Projekte und ein paar Eigenentwicklungen, sowie dazugehörige Cloud-Dienste.

Im Rahmen meiner Android-Serie hatte ich LineageOS als Custom Rom empfohlen (siehe auch: Android ohne Google III – Custom Rom (LineageOS) aufspielen). LineageOS ist so etwas wie das Debian unter den Android-Roms. Es läuft auf sehr vielen Geräten und bietet eine solide Basis aber nach der Installation steht der Anwender mit einem ziemlich schmalen Betriebssystem da und muss darauf aufbauend sein individuelles App-Portfolio zusammen stellen. Das ist kein Hexenwerk aber bietet auch kaum Potenzial nach oben – wie die Nutzerzahlen zeigen.

Hinter /e/ steht unter anderem Gaël Duval – ein Urgestein der Open Source Community. Vor 20 Jahren kombinierte er Red Hat mit KDE und schuf dadurch Mandrake Linux. Der Open Source Welt ist er Treu geblieben, doch wie so viele widmet er sich nun anstelle klassischer Desktop-Themen der Entwicklung für mobile Endgeräte.

/e/ soll nicht nur einfach eine Custom Rom sein, es soll eine Google-befreite Android-Variante werden, die dennoch nicht auf Komfort verzichtet. Dazu kombiniert man eine von CyanogenMod/LineageOS abgespaltene Basis mit dem MicroG-Projekt, das sich an einer freien Implementierung der Play Services versucht. Das bringt zwar viele Funktionsvorteile, birgt aber auch Datenschutz-Probleme. Denn microG ist zwar quelloffen, kommuniziert aber dennoch mit Google-Servern. Man sperrt dadurch also Google nur bedingt aus, hat aber zumindest eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass keine versteckten Funktionen implementiert sind. Die Kombination aus AOSP und microG reichert /e/ durch eine Vielzahl an populärer Open Source-Apps an. Die Zusammenstellung kann dieser Seite entnommen werden. Das Portfolio runden perspektivisch zugehörige Dienste zur Datenverwaltung und Synchronisation ab, ohne die auch freie Projekte nicht mehr auskommen (siehe: Purism startet Kampagne für Librem One).

Neben den Forks populärer Apps und ihrer gelungenen Zusammenstellung gibt es zwei substanzielle Eigenentwicklungen. Eine davon ist der Blizz Launcher samt Icon-Set, der optisch eine ziemlich Imitation von iOS ist. Letzteres muss man mögen aber Xiaomi und Huawei zeigen, dass man durch diese Richtung viele Anwender für sich gewinnen kann. Die zweite ist ein eigener App Store.

Je nach Gerät ist die Android-Basis relativ alt, die aktuellen Sicherheitspatches sind aber eingepflegt, weshalb das kein Sicherheitsrisiko ist. Die Apps sind dabei bei jeder Variante aktuell, wodurch man als Anwender von den unterschiedlichen Android-Versionen nicht soviel merkt.

Um Google wirklich zu ersetzen beabsichtigt /e/ einen eigenen zentralen Dienst zu betreiben. Momentan ist dieser Dienst aber zahlenden Unterstützern vorbehalten. Der Dienst kann nach den vorliegenden Informationen eine ziemlich umfänglich Synchronisation von E-Mails, Kontakten, Kalender, Dateien, Notizen etc. bieten. Im Hintergrund nutzt man mit Nextcloud dazu eine andere Perle der Open Source Welt.

In einem kleinen Test lief /e/ bereits sehr stabil. Der App Store ist sogar ganz gut gefüllt, wobei die Herkunft der Apps nicht ganz klar ist. Eine schöne Funktion ist die Integration von Exodus, wodurch für Anwender der „Privacy-Impact“ leicht ersichtlich ist. Im App Store sind auch alle bekannten Datenkraken gelistet. Hier möchte man seitens /e/ den Anwender scheinbar nicht bevormunden, sondern mittels Infos wie dem Privacy-Score lediglich informieren.

Insgesamt ist /e/ ein spannendes Projekt. Die Idee Android von Google zu befreien, aber ohne jenen asketischen Ansatz der vielen anderen vergleichbaren Projekten eigen ist, hat etwas für sich. Das Ziel ist somit quasi nicht viel weniger als der Nachbau des proprietären Google-Universums mit freien Diensten und freier Software. Die Leistung von /e/ besteht darin dies klug zu bündeln und dem Anwender möglichst leicht zu machen. Damit widmet sich /e/ einem Problem, an dem ich mich hier im Blog bereits das ein oder andere Mal abgearbeitet habe (siehe: Warum Linux in einer vernetzten Welt einfach keinen Komfort bietet!).

Vermutlich sind solche Ansätze auf Android aufbauend etwas für Privatsphäre und Datenschutz zu entwickeln deutlich fruchtbarer, als langwierige Sonderwege, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wirkliche Marktreife erringen (siehe: Purism Librem 5 – Bestenfalls eine Experimentalstudie).


Bilder:
Einleitungsbild und Beitragsbild von von geralt via pixabay

Gerrit
Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

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