Die Grenzen der Distributionen

Die wenigsten Linux-Distributionen entwickeln große Teile ihres Systems selbst. Ubuntu bildet hier mit Unity und dem bis 14.04 eigenen Initsystem upstart eine Ausnahme. Linux-Distributionen sind Zusammenstellungen von freier Software, die zusammengestellt und aufeinander abgestimmt an den Endanwender ausgeliefert werden. Sie nehmen deshalb eine wichtige Mittlerrolle zwischen den vielen kleinen Open Source-Projekten und den Anwendern ein. In dieser Position werden sie von den Endanwendern oftmals mit Microsoft oder Apple gleichgesetzt.

Dieser Vergleich stimmt jedoch nur bedingt. Im Gegensatz zu Apple oder Microsoft entwickeln die meisten Distributionen nur kleine Teile ihrer ausgelieferten Software selbst. Üblicherweise gehören dazu die Paketverwaltung und einige kleine Werkzeuge. Der Umfang kann hier von Distribution zu Distribution variieren. Bedingt durch ihre Vermittlerrolle werden die Distributionen aber von den Anwendern für alle Missstände verantwortlich gemacht.

Besonders deutlich sieht man diese Entwicklung, wenn mal wieder etwas schief läuft in der Open Source-Welt. Das jüngste Beispiel ist die bisher relativ geringe Qualität der neuen Generation des KDE-Desktops Plasma 5. In den Testberichten und den Kommentaren der einschlägigen Linux-Magazine mussten darunter zuletzt vor allem Kubuntu und openSUSE  leiden. Das ist vordergründig nachvollziehbar, denn nur wenige Distributionen werden derart mit dem KDE-Desktop identifiziert. Zudem ist eine Desktopumgebung wirklich ein zentraler Bestandteil eines Betriebssystems und über Fehler kann man hier weniger hinweg sehen, als in einem weniger wichtigen Bestandteil.

Andererseits muss man die beschränkten Möglichkeiten der Distributionen berücksichtigen. Eine Distribution kann nur ausliefern, was entwickelt wurde. Bestensfalls können sie einige bereits verfügbare, aber noch nicht veröffentlichte Patches beisteuern. Einen alten Versionsstand wie z.B. KDE SC 4 können die Distributionen nur dann ausliefern, wenn dies seitens der Entwickler auch unterstützt wird. Andernfalls bleiben sie alleine für den gesamten Supportzeitraum der Distribution für die Wartung des bereits bei Veröffentlichung veralteten Versionsstandes verantwortlich. An diesem Umstand sind bereits einige Distributionen z.B. bei Firefox gescheitert, das nun – entgegen jedweder Richtlinie – bei den meisten Distributionen permanent aktualisiert wird. Dieses Beispiel zeigt wie illusorisch es ist eine ganze Desktopumgebung „auf eigene Faust“ zu pflegen, wenn man dies nicht mal bei einem Browser konnte.

Man kann Distributionen für Probleme verantwortlich machen, die in ihrem Aufgabenbereich liegen. Zum Beispiel wenn veraltete Komponenten ausgeliefert werden und dadurch die Hardwareunterstützung leidet, die Lokalisierung fehlerhaft ist, obwohl Upstream aktuelle Sprachdateien vorliegen oder wenn distributionseigene Werkzeuge und Installationsroutinen versagen. Bei Problemen in anderen Bereichen, sollte man als Anwender den Schuldigen auch klar benennen. Die wenigsten normalen Anwender können diesen Unterschied machen, viele wollen Linux nur benutzen und keine Wissenschaft daraus machen. Umso mehr stehen die Linux-„Fach“zeitschriften in der Verantwortung hier die Ursachen der Probleme deutlich zu machen. Ansonsten macht man es vielen Entwicklern zu leicht, sich hinter Distributoren und Hardwareherstellern zu verstecken.


Bilder:
Einleitungs- und Beitragsbild von qimono via pixabay

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