Erst wurde der BER fertig und dann liefert Purism doch noch die ersten Librem Smartphones aus. Das Jahr 2020 war also doch nicht nur schlecht. Das Librem 5 erlebt dennoch eine Bruchlandung. Die Versprechen können nicht gehalten werden und agilere Projekte sind längst weiter.

Ich hatte die Entwicklung des Librem 5 hier im Blog immer interessiert, aber auch sehr skeptisch betrachtet:

Ich bekomme viel Kritik und kann damit sehr gut leben, aber abgesehen von meinen Artikeln zu Jolla hat mich nie so ein geballter Hass erreicht. Tenor: Wie könne ich nur den Heiligen Gral der Linux-Smartphone-Fanatiker so in den Dreck ziehen. Die Kommentare sind wegen des Softwarewechsels nicht mehr erhalten und das schlimmste kam sowieso per Mail, aber das waren die Momente, an denen ich wirklich überlegte, mit dem bloggen aufzuhören. Eines haben die Fanatiker allerdings erreicht: Meine Skepsis über das Projekt wuchs.

Nun liefert Purism endlich aus und Golem hat sich das Ganze mal genau angeschaut. Golem ist fair und würdigt ausgewogen die Leistung, so ein Gerät von null an zu entwerfen. Es hilft aber alles nichts, das Gerät ist vollkommen unbrauchbar. Nicht nur, dass es nicht funktioniert und Bugs an allen Ecken und Enden hat. Bei all der Privatsphäre hat man gleich laut Golem noch die Sicherheit vergessen. Keine Verschlüsselung, nur ein nummerischer PIN, abgeschottete Apps, Berechtigungskonzept – alles nicht vorhanden.

Purism hatte zum Erreichen seiner Crowdfunding-Kampagne hohe Erwartungen geweckt. Daran muss es sich messen lassen. Nicht für jedes Problem konnten die Entwickler etwas, aber es gab auch immer wieder politische Entscheidungen, wie beispielsweise einen Gutteil der Entwicklung in GNOME zu stecken, die bis dahin noch überhaupt nichts in Richtung mobile unternommen hatten.

Da ist mir ein Projekt wie das Pinephone, die nicht mit Weltenretter-Manier daher kommen, sondern ihr Projekt als Experiment klassifizieren, deutlich lieber. Aber das zieht vermutlich weniger Fanatiker an.

Purism hat ja schon wieder einen Haufen neuer Projekte in der Pipeline. Das Spiel geht weiter. Ob es aber noch mal ein Smartphone geben wird?

Gerrit
Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

14 Ergänzungen

  1. Ich denke, beim Librem 5 kommt es sehr darauf an, was man erwartet und von Anfang an erwartet hat. Ich warte noch auf meins (voraussichtlich Mai) und ich weiß, was ich bekomme: Einen Linux-PC für die Hosentasche, der softwareseitig noch nicht fertig ist, aber mit jedem Update besser wird. Das Librem 5 stellt zudem einen herkulischen Kraftakt für eine kleine Firma dar, die damit eine hoffentlich eine nachhaltige Basis geschaffen haben, damit unser Traum vom Linux-Phone endlich wahr wird. Die Arbeit von Purism beim Librem 5 nötigt mir den höchstmöglichen Respekt ab.

  2. Ich nutze das Phonephone ebenfalls noch nicht produktiv aber da bewirbt der Hersteller das Gerät auch explizit für intusiasten und Bastler und nicht für den Massenmarkt tauglich.

    Das GNOME bisher noch überhaupt nichts Richtung Mobile unternommen hat stimmt einerseits, andererseits aber auch nicht. Ich finde man erkennt durchaus, dass sie bei ihren Design-Zielen schon an einen zukünftigen Mobilen Einsatz denken, nur noch nichts dahin wirklich optimiert haben. Ich würde mir auch wünschen, dass die Entwicklung in diese Richtung schneller ablaufen würde aber immerhin passiert hier allgemein im Linux Umfeld etwas, auch wenn es leider noch sehr viel Arbeit ist. Trotzdem finde ich das immerhin begrüßenswert. Einer der Gründe könnte auch sein, dass es bisher nicht wirklich ein Gerät gab welches sich als Referenz-Gerät eignet, also genug Leistung hat und vollständig mit freien Treibern läuft. Aber auch hier tut sich ja einiges und vllt nimmt die Entwicklung erst dann richtig Fahrt auf, wenn es ein entsprechendes Gerät gibt. Es muss also wahrscheinlich erst einmal der notwendige Unterbau existieren bis die Desktop-Oberflächen darauf optimiert werden.

    Immerhin gibt es auch mit Libhandyd dank Purism nun eine wichtige Toolkit Erweiterung für GTK und auch hier werden Stück für Stück immer mehr Anwendungen damit ausgestattet und somit für den Mobilen Einsatz vorbereitet. Ist halt leider alles nur sehr viel Arbeit. Vllt sollten wir alle etwas mehr Geld an solche Projekte spenden, es wird vermutlich auch einfach die Manpower fehlen.

    • Mein Punkt ist folgender: Als Purism das Librem 5 in Angriff nimmt gibt es bereits ernst zu nehmende Projekte für „Linux on Mobile“. Da wären UBPorts und Plasma Mobile zu nennen. Natürlich beide weit von Marktreife entfernt (wobei UBPorts da näher dran war und ist als Plasma Mobile) aber es gibt diese Vorarbeiten. Anstelle also dies einzubeziehen und sich auf die sowieso schon schwere Hardware-Baustelle zu konzentrieren, „verplempert“ man Geld, Zeit und Ressourcen um GNOME von nahezu null an mobile-tauglich zu bekommen. Das war eine politische Entscheidung und keine technische.

      Abgesehen davon habe ich inzwischen ein grundlegendes Problem mit dem Geschäftsmodell Purism. Siehe die drei Links aus dem „Links der Woche“-Artikel.

      • Ich sehe Purism ja selbst kritisch. Aber vergiss bitte nicht, dass die viel Arbeit in die Software gesteckt haben und die mobile Desktopshell damals längst nicht so gut war wie das, was die jetzt gebaut haben. UBPorts zum Beispiel hat massive Probleme bei der Entwicklungsarbeit und hing oder hängt noch daran, veraltete Abhängigkeiten auszuwechseln. Und als das Librem 5 geplant wurde dachte man mehr noch an Maemo, was ja auch nicht zukunftstauglich schien. Wieviel davon technisch und wieviel politisch war ist doch völlig egal, beides kann blockieren.

        Das waren also wohl kaum verplemperte Ressourcen, es ist die Vorarbeit die dem Pinephone jetzt eine Chance gibt.

      • Ich verstehe, dass man mit der Entscheidung die Energie in GNOME zu investieren nicht einverstanden ist, noch mehr wahrscheinlich wenn man selbst kein GNOME nutzt. Zumal es durchaus ein Argument ist, dass es im Qt Umfeld vorher schon mehr Bemühungen gab.

        Aber ehrlich gesagt denke ich, die Energie in das GNOME / Gtk Ökostrom zu stecken ist eine gute Entscheidung gewesen. Wahrscheinlich bin ich da nicht ganz unbefangen, weil GNOME mein Lieblingsdesktop ist aber ich denke GNOME ist bereits besser für Smartphones geeignet als KDE etc.

        GNOME ist auf Einfachheit ausgelegt, die GNOME Shell ist von der Bedienung her schon jetzt an die von Smartphones angelehnt (z.B. die App Übersicht in der sich auch Apps gruppieren lassen etc), die Philosophie, dass der User nicht mit zu vielen Einstellungsmöglichkeiten überflutet werden sollten passt auch besser zu Apps.

        UBPorts mag zu dem Zeitpunkt (oder auch noch immer) schon weiter gewesen sein, aber ist nicht für Desktop Systeme geeignet.

        Es ist meiner Meinung nach sinnvoller wirklich ein responsive Desktop zu entwickeln welcher sich gleichermaßen auf dem Smartphone als auch auf dem Desktop verwenden lässt. Sollte sich das etablieren, werden auch immer mehr Linux-App-Entwickler ihre Anwendungendirekt responsive entwickeln. Zumindest so meine naive HHoffnung, man darf ja noch träumen ^^

  3. „Ich bekomme viel Kritik und kann damit sehr gut leben, aber […] hat mich nie so ein geballter Hass erreicht. […] aber das waren die Momente, an denen ich wirklich überlegte, mit dem bloggen aufzuhören.“

    Open Source lebt von der Diversität. Dazu gehören auch verschiedene Meinungen. In deinem Fall macht der Ton die Musik. Falls du mal die Muse hast, lehne dich zurück, versetze dich in die Lage eines anderen Lesers, der deinen Blog und deine Stimmungslage nicht kennt und reflektiere wie du schreibst. Walt Disney hat das auch gemacht. Er hatte damit erwiesenermaßen Erfolg. Ich habe deine Blogposts der letzten Tage alle gelesen und empfinde deinen Schreibstil als arrogant, von oben herab, besserwisserisch… irgendwie so in der Art. Positiv geschriebene Blogposts sind die, deines Umzugs von altem Blog zu neuem Blog. Viellecht kommst du im wahren Leben mit der Unfehlbarkeit deinerselbst in der zwischenmenschlichen Kommunikation gut klar. Hier kommt es schlecht an, wie du selbst schreibst. Wer Wind sät, wird Sturm ernten.

    • Ich würde es als meinungsstark bezeichnen. Das ist ein Blog, keine Nachrichtenseite, wo einfach News wiedergeben werden. Dazu gehört übrigens auch, dass ich bei Kommentaren auch kritische Anmerkungen (wie z.B. deine) freischalte.

      Wenn man viel schreibt und viele Mails bekommt stellt man halt fest, dass bei manchen Themen (z.B. Jolla, Purism) gehäuft Fanatiker mit Schaum vor dem Mund in die Tasten hauen.

  4. Der Golem-Artikel hat seine Schwachpunkte, die beschriebenen Abstürze kann ich bei meinem Librem 5 nicht nachvollziehen. Die Aussagen zur nicht-angepassten GNOME Software ergeben nur Sinn vor dem Hintergrund, dass man jede Menge Software aus den Repos installiert hat, die aber – inzwischen ein Stück besser aussieht, wenn man nicht auf die Steinzeitpakete aus Debian 10 (was hier PureOS Amber heißt) zurückgreift.

    „Keine Verschlüsselung, nur ein nummerischer PIN, abgeschottete Apps, Berechtigungskonzept – alles nicht vorhanden.“

    Die rein numerische PIN ist blöd, keine Frage, den Rest kann man schon heute auf dem Librem 5 haben (einfach postmarketOS mit Full Disk Encryption installieren und darauf Flatpak-Apps nutzen), und sicher auch mit PureOS, sobald (oder kurz danach) wenn PureOS Byzantium (≈ Debian 11) landet.

    Jetzt noch was zu deinem Artikel:
    „ Nicht für jedes Problem konnten die Entwickler etwas, aber es gab auch immer wieder politische Entscheidungen, wie beispielsweise einen Gutteil der Entwicklung in GNOME zu stecken, die bis dahin noch überhaupt nichts in Richtung mobile unternommen hatten“

    Das ist, wenn man die ganze GNOME-Geschichte einbezieht, einfach falsch, man denke an GPE Phone Edition oder auch Hildon, die dereinst alle mit GTK und GNOME-Technologien gearbeitet haben. Plasma Mobile sah lange aus wie ein langer Weg ins nirgendwo (so richtig bessert sich das erst seit dem PinePhone), und das schwierige technologische Erbe von Ubuntu Touch anzunehmen, ist jetzt auch nicht nur attraktiv – einfach mal bei deren YouTube-Q&A genau reinhören. Purism’s Ansatz mit einer minimalen Mobil-Shell und Libhandy/Libadwaita ist ziemlich klug und scheint auch im Gnome-Lager gut angenommen zu werden, wie ich bei der Arbeit an meiner App-Liste immer wieder feststelle.

    • Danke für deine Präzisierungen und Klarstellungen. Schön, dass es wohl nicht ganz so negativ aussieht, wie bei Golem zu lesen ist. Dennoch zwei Anmerkungen/Fragen.

      Die Frage ist doch nicht nur, was ich mit dem Gerät alles machen kann (ist ja offen), sondern was man mit PureOS machen kann. Planen die Entwickler den flächendeckenden Umstieg auf Flatpaks für ein flächendeckendes Berechtigungskonzept? Das ist schließlich in der Linux-Community extrem umstritten.

      Bei der GNOME Geschichte bin ich aber wirklich anderer Meinung. Ich habe Plasma Mobile bisher tatsächlich nur virtuell benutzt aber Ubuntu Touch bzw. UBPorts hatte ich auch schon real auf Hardware und kenne Leute, die damit wirklich täglich arbeiten. Von diesem Niveau sind alle anderen Projekte meilenweit entfernt. Die technologische Basis wird bei Open Source-Projekten zu oft als Argument geführt, wenn man gerne neu anfangen möchte, aber keinen besseren Grund hat. Die Leute um UBPorts sind ja kein riesiges, hochbezahltes Team und haben trotzdem das System erfolgreich modernisiert und springen jetzt auf die 20.04-Basis. So schlimm kann die Basis nicht ausgesehen haben.

      • Mit PureOS geht derzeit nicht viel, aber da Byzantium naht, ist es bei der beschränkten Man-Power auch nicht sinnvoll, jetzt noch ganz viel für das alte Amber zu paketieren. Unschön, aber verständlich.

        Was den Flatpak-basierenden Store angeht, ist die Zukunft gerade unklar. Es gab da (2019?) mal einen längeren Blog-Post zu, aber der scheint dem Wahrheitsministerium zum Opfer gefallen sein (oder ich bin gerade nur zu blöd, diesen zu finden). Ja, Flatpak ist umstritten, aber welche Neuerung ist schon unumstritten in der Linux-Community? Es gibt da teilweise zu viel Meinungsstärke und zu wenig konstruktive Zusammenarbeit, wenn du mich fragst.

        Die GNOME-Geschichte läuft schon ganz gut und für mich besser als Ubuntu Touch, weil sich z.B. Nextcloud besser integriert und ich – für das was ich brauche (z.B. Jabber mit OMEMO, Matrix mit E2EE, KeePass-Client) – mehr native, gut skalierende Apps finde als auf Ubuntu Touch, wo ich dafür mit seltsamen Webapps rumkrepeln muss.

        UBports migriert gerade auf Qt 5.12, erst anschließend kann es auf 20.04 weitergehen. Viele Vorarbeiten dazu finden gerade in Manjaro statt, die eine Lomiri-Variante für’s PinePhone anbieten. Ich rechne mit Q3 für die 20.04-Migration, frühestens – ich mag das Projekt auch sehr, und sie machen viel harte, gute Arbeit. Dass die solange durchhalten (bzw. überhaupt nur die 16.04 Migration schaffen), war Mitte 2017 als Purism die Weichen für das eigene Projekt gestellt hat, überhaupt nicht absehbar.

    • Stimmt, da fällt mir noch das Nokia N900 ein welches auf Debian mit GTK lief, ich fand die Oberfläche schon richtig gut, auch hätte man bereits eine Kontakte App, man könnte telefonieren, SMS schreiben, der Chat war kompatibel mit Jabber etc. Sehr schade, das gefühlt von dieser Entwicklung nicht mehr viel übrig ist. Später ist man auf Qt umgestiegen, leider wurden Nokia ja dann von Microsoft gekauft und das Linux-System nicht mehr wirklich weiter entwickelt, daraus hätte auch was werden können.

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