Symbolbild "Cloud Computing"

Einmal zum Jahresende werfe ich einen Blick zurück und gebe Einblick in mein Nutzungsverhalten. Es soll einen Einblick geben in die alltäglichen Schwierigkeiten beim Versuch, digitale Privatsphäre und Benutzbarkeit unter einen Hut zu bekommen.

Der Blog auf [Mer]Curius spiegelt meine gegenwärtigen Interessen im Bereich Datenschutz/-sicherheit meist ziemlich gut wider. Für viele Leser dürften sich daher einiges Bekanntes wieder finden.

Hardware & Betriebssysteme

Im letzten Jahr (siehe: Wasser predigen, Wein trinken? – Mein Nutzungsverhalten 2019) hatte ich in dieser Rubrik großspurig angekündigt, dass Linux so schnell seinen Weg nicht zurück auf meinen Desktop finden würde. Kaum ein Jahr später ist es dann doch soweit. Mein mobiles Arbeitsgerät war bis dato ein MacBook Air von 2015, das inzwischen in vielen Bereichen an seine Grenzen stieß. SSD-Speicherplatz, RAM-Größe, CPU-Leistung – es klemmte an allen Ecken und Enden. Auch weil ich durch die für mich neue berufliche Pendelei viel mehr mit dem Notebook arbeite, als dies früher der Fall war.

Ich kann zwar immer noch hervorragend mit macOS arbeiten, aber so manche Entscheidung Apples in den letzten Wochen und Monaten löste bei mir Bauchschmerzen aus (siehe: Kritische Entwicklungen bei macOS in macOS 11 „Big Sur“ & Ein paar Gedanken zu Apples M1). Das ist jetzt kein radikales Plädoyer gegen Apple, aber für mich Grund genug, mal wieder ein wenig technische Diversifizierung vorzunehmen und auf dem Notebook erneut Linux den Vorzug zu geben (siehe: Erfahrungen mit dem ASUS ZenBook 14 UM425IA).

Der Umstellungsprozess ist gerade noch im Gange. Weniger weil ich Probleme damit gehabt hätte die Daten zu Linux zu transferieren oder Linux in mein persönliches Ökosystem einzubinden (siehe: Erfahrungsbericht: Goldener Käfig macOS – Ein Mythos!), sondern mehr, weil Linux sich auf dem Desktop streckenweise in einem beklagenswerten Zustand befindet. Zwischen all den dahin siechenden Projekten die Softwareperlen des Jahres 2020 zu finden, wird mich sicherlich über den Jahreswechsel begleiten.

Im mobilen Bereich bleibt mein alltäglicher Wegbegleiter ein iPhone SE von 2020 (siehe: Kommentar: Das neue iPhone SE schlägt ein). Ich bin da ziemlich pragmatisch und will vor allem ein alltagstaugliches Gerät mit passabler Sicherheit und langer Lebensdauer. Das Preis-/Leistungsverhältnis für das SE 2020-Modell mit einem Straßenpreis zwischen 400 und 500 € und vermutlich mindestens 5 Jahren Support ist ungeschlagen. Daneben suche ich gerade ein Android Smartphone für den Arbeitsteil meiner Kommunikation (siehe: In eigener Sache: Android Smartphone mit Custom ROM). Hier bin ich aber noch unschlüssig. Mögliche Kandidaten wären ein Pixel 5, aber hier ist die Custom ROM Landschaft noch dünn oder ein Samsung Galaxy S10. Xiaomi, OnePlus etc. fallen wegen der völlig überdimensionierten Geräte weg.

Synchronisationszentrale meiner Geräte ist ein Synology NAS, über das ich im letzten Jahr schon kurz geschrieben hatte. Ich habe selten den Kauf einer Hardware so wenig bereut wie bei diesem NAS. Cloud, PIM, Mailarchiv, Notizen, automatisierte Backups – das Synology NAS verrichtet seinen Dienst nahezu wartungsfrei. Alle paar Wochen mal einen Klick auf Update – das war es dann auch schon.

Homeoffice

Corona hält auch Einzug in diesen Rückblick. 2020 war auch für mich das erste Jahr im Homeoffice. Natürlich fand auch das Studium und die Doktorarbeit viel am heimischen Schreibtisch statt, aber das ist noch mal eine andere Erfahrung. Homeoffice bedeutet schmerzhafte Kompromisse. Hier kommt viel zum Einsatz, das man privat nur mit spitzen Fingern anfassen würde. Dazu gehört das Dienstnotebook, das sich weitestgehend meiner Kontrolle entzieht und für das ich erstmals das Gast-WLAN meiner Fritz!Box in Betrieb nahm. Dazu gehören aber auch die vielen Kommunikationslösungen.

Die Open Source Community kam im Frühjahr schnell mit Big Blue Button (BBB) und Jitsi um die Ecke um dem ausufernden Trend zu Zoom etwas entgegenzusetzen. Netter Versuch, aber ich behaupte mal, wer ernsthaft Jitsi und BBB für konkurrenzfähig hält, kennt Videokonferenzen nur aus der Zeitung. Da muss man noch nicht mal mit großen Konferenzen mit Hunderten Teilnehmern anfangen (wo es teilweise auch mit WebEx und Zoom knackig werden kann), nein Jitsi oder BBB gehen schon bei 20-30 Teilnehmern gerne in die Knie. Dann kommen die Ratschläge: Bild runter skalieren oder besser gleich ganz ausschalten. Klar, warum nicht gleich wieder Morsen oder Rauchzeichen schicken. Der Witz an Videokonferenzen ist ja gerade, dass 30 Teilnehmer sich sehen und miteinander sprechen können.

Wirklich positiv war hingegen die erste intensive Berührung mit Rocket.Chat. Tolle Software mit tollen Funktionen und leidlich funktionierenden Clients. Hier kann man guten Gewissens Open Source Software empfehlen.

Kommunikation

Der ganze Bereich Kommunikation ist ein schwieriges Thema. Der komplette PIM-Bereich liegt inzwischen auf dem Synology NAS, die E-Mails lasse ich über einen Dienstleister laufen. Einen eigenen Mailserver zu betreiben finde ich viel zu aufwendig und der Mehrwert für die Sicherheit ist auch überschaubar. Für die E-Mail Verschlüsselung war leider auch 2020 kein gutes Jahr. S/MIME ist für den Privatgebrauch mangels vertrauenswürdiger preiswerter oder kostenloser Zertifizierungsstellen inzwischen unbrauchbar (siehe: S/MIME – Eine Verschlüsselungsoption weniger) und OpenPGP siecht auch nur noch vor sich hin (siehe: Nachteile dezentraler Lösungen am Beispiel OpenPGP).

Allerdings konnte ich in diesem Jahr den Eindruck gewinnen, dass steter Tropfen wirklich den Stein höhlt. Folgendes Szenario muss man sich dazu vorstellen. 60 Menschen, die sich überhaupt nicht kennen, aus allen Teilen Deutschlands kommen und als einzige Gemeinsamkeit einen Universitätsabschluss vorweisen können, müssen sich auf einen gemeinsamen Messenger einigen. Zur Wahl stehen WhatsApp, Telegram, Threema und Signal. Die Abstimmung gewinnt klar und deutlich Signal. Hätte ich so vor 1-2 Jahren niemals für möglich gehalten, aber ist natürlich absolut erfreulich.

Dienste

Bei den Diensten hat sich bei mir nur wenig getan. Ich versuche immer noch viel selbst zu betreiben und ansonsten auf kleine Dienstleister zu setzen. Als primäre Suchmaschine nutze ich immer noch DuckDuckGo und seit dem Wechsel zurück zu Linux verstärkt wieder OpenStreetMap. GNOME Maps bietet dafür eine hübsche und gut integrierte Oberfläche für den Desktop.

Sünden

Bei vielen Bloggern und Experten im Bereich Datenschutz und Privatsphäre entsteht immer der Eindruck, dass sie perfekte Lichtgestalten sind. Niemand schreibt halt gerne über die Flecken auf der weißen Weste.

Drei Dienste / Apps sind bei mir hinsichtlich Datenschutz und Privatsphäre wirklich problematisch. Ich nutze z. B. immer noch WhatsApp, weil die Mehrheit meiner Kontakte nicht auf alternativen Kanälen zu erreichen ist. Zudem habe ich einen Twitter-Account, weil Twitter in meinem Berufsfeld ein unverzichtbares Kommunikationsmedium ist. Als Berufspendler nutze ich zudem intensiv die Möglichkeiten der Deutschen Bahn. DB Navigator und BahnBonus inklusive. Eine DGSVO-Abfrage vor einiger Zeit ergab, dass die Bahn ein ziemlich exaktes Bewegungsprofil in den vorangegangenen Monaten speichert. Das ist für mich ein klassischer Fall, in dem man Datenschutz und Alltagstauglichkeit gegeneinander abwägen muss.


Bilder:
Einleitungsbild und Beitragsbild von von 200 Degrees via pixabay

Gerrit
Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

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