Mit wochenlanger Verzögerung hat der Staat über das RKI endlich eine Tracing App für Covid 19 veröffentlicht. Die Downloadzahlen sind beachtlich, bleiben aber vermutlich hinter den Erwartungen zurück – auch wenn das niemand so recht zugeben mag.

Ein Grund dafür ist sicherlich die Bindung an ein leidlich aktuelles Smartphone. Ein substanzieller Teil der Bevölkerung hat entweder noch immer kein Smartphone oder ein Gerät, das vor 2015 erschien. Das ist nämlich die ungefähre Altersgrenze für Geräte, abhängig von der Aktualität beim Kauf. Man kann niemanden zwingen sich für eine Tracing App ein (neues) Smartphone zuzulegen und sollte ehrlicherweise auch nicht erwarten, dass dies jemand macht. Doch darum soll es hier nicht gehen.

Ein merkbarer Teil der Bevölkerung kommt nämlich immer noch mit „Datenschutz“. Ich muss das im privaten Umfeld immer wieder hören und wenn ich solche Kommentare hier lese geht mir die Hutschnur hoch. Natürlich kann man bedenken haben, aber diese lassen sich auch differenzierter darstellen. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten hat die Bundesregierung bzw. das RKI nämlich wirklich die Kurve gekriegt und alles mögliche unternommen um das Vertrauen zu stärken. Die Corona App funktioniert dezentral, sie ist Open Source und sogar der CCC warnt nicht vor der App.

Natürlich ist die Bindung an die Play Services negativ aber die Probleme mit den proprietären Bestandteilen in Android haben nur höchst mittelbar etwas mit der Corona Tracing App zu tun. Zudem gibt es nicht nur Android (scheinen viele Privacy-Aktivsten immer zu vergessen) sondern auch iOS. Ja natürlich, ist proprietär, also böse – ach ne halt mal – ist Android ja auch in großen Teilen. Letztlich läuft es doch auf folgendes hinaus: Über Jahre hat es die Community (Open Source, Privacy, Datenschutz, Digitale Gesellschaft – ist ja in Teilen deckungsgleich) versäumt sich von Android zu emanzipieren, iPhones als geschlossen verteufelt und anstelle wirklich freier Betriebssysteme auf zusammen gestückelte Custom ROMs gesetzt und nun haben sie den Salat. Ausgerechnet die Riege der größten Google-Kritiker hängt am Google-Tropf aber anstelle das zu erkennen schiebt man die Schuld auf andere. Dabei ist es hochgradig scheinheilig dem Staat vorzuwerfen er würde Google und sein Tracking unterstützen. Es ist nicht das Problem der Bundesregierung, des RKI oder einer anderen Gesundheitsbehörde, dass Android ein strukturell kaputtes System ist. Warum schafft es die Community eigentlich nicht die API nachzubauen, Huawei macht das schließlich auch? Wie sähe denn die Alternative zu Google und seiner Play Services Lösung aus? Konkrete Antworten bleiben die Kritiker der aktuellen Lösung schuldig.

Der von Google und Apple bereitgestellte Tracing Ansatz (ja es ist schade, dass man so von diesen zwei Anbietern abhängig ist aber die EU unternimmt im Gegensatz zu vielen Regierungen auf der Welt aktiv etwas dagegen) und die deutsche Umsetzung sind der Versuch eine freiheitliche Gesellschaft mit einer funktionierenden Tracing App auszustatten und nicht den Weg autoritärerer Regime zu gehen. Dafür wurde sehr viel Rücksicht genommen und auf so manchen Funktionswunsch verzichtet (im Gegensatz zu z. B. Frankreich und Polen). Diesen Ansatz gilt es zu unterstützen. Es wäre wirklich bedauerlich wenn die Lehre aus dieser Krise lautet: Ohne Zwang geht es nicht.

Ich persönlich glaube zudem nicht an die Argumentation. „Datenschutz“ und der Verweis auf die proprietäre API sind nur vorgeschoben. Viele der „Datenschutz“-Bedenkenträger misstrauen dem Staat grundsätzlich (dazu gibt es nachvollziehbare Gründe aber es kursieren in der Szene auch viele Thesen, die nahe an Verschwörungserzählungen heranreichen). Ich behaupte mal, sie hätten keine Lösung akzeptiert, so sie nicht „aus dem Schwarm“ kommt. Die Bedenkenträger argumentieren jetzt mit Android und den Play Services um nicht zugeben zu müssen, dass sie sich niemals eine solche App installieren würden – egal von wem sie kommt und wie technisch umgesetzt. Als nächstes kämen dann bestimmt Bedenken wegen dem ständig aktivierten Bluetooth oder der Strahlung oder was auch immer.

Auf die paar hundert Anwender mit Custom ROMs ohne Play Services kann die App übrigens verzichten. Sie sollten nur ihre mediale Reichweite nicht einsetzen um diffus Bedenken zu schüren.

Gerrit
Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

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