Das Argument Open Source bzw. Linux fehle es an einem funktionsfähigen Monetarisierungsmodell bringe ich in verschiedenen Artikeln immer mal wieder ohne es jemals wirklich ausgeführt zu haben. Lediglich mit den Folgen habe ich mich mal befasst (siehe: Folgen der Kostenlos-Mentalität) Dies soll daher hier nachgeholt werden.

Ich möchte in der Reflexionen-Serie einige Erfahrungen und Grundannahmen transparent machen, die in vielen meiner Artikel implizit oder explizit mitschwingen.

Linux-Enthusiasten tun in Diskussionen manchmal so, als ob Linux im Privat-/Endverbraucher-Sektor und insbesondere auf dem Desktop bereits wirtschaftlich funktionieren würde. Sie suggerieren damit, dass Open Source eine überlegene Idee wäre, die nur von der gesamten IT-Wirtschaft übernommen werden müsste. Proprietäre Software wäre ein Auslaufmodell, dem nur veraltete Firmen mit überholten Geschäftsmodellen anhängen. Initiativen wie „Public Money, Public Code“ wollen gleich den Staat verpflichten hier einen Beitrag zu leisten (siehe auch: netzpolitik.org Podcast zu freier Software) und für die Allgemeinheit zu entwickeln.

Sobald man dem widerspricht kommen immer einige Kommentatoren und zählen die großen Leuchttürme der Open Source Welt auf: Red Hat (nun zu IBM gehörig), SUSE, teilweise Canonical und viele weitere Nischenanbieter. Alle diese Firmen verdienen mit Open Source Produkten sehr viel Geld. Die Übernahme von Red Hat hat sich IBM rund 30 Milliarden Euro kosten lassen. Das sind natürlich ordentliche Zahlen. Zusätzlich steuern institutionelle Entwickler einen Großteil des Codes bei wichtigen Projekten wie dem Kernel bei.

Enterprise Sektor

Doch was haben alle diese Anbieter gemeinsam? Sie verdienen ihr Geld im Enterprise-Segment mit dem Verkauf von Supportverträgen für Produkte. Viele dieser Firmen haben ihre Umsatzsteigerungen der letzten Jahre zudem dem Cloud-Trend zu verdanken. Man könnte es die „Enterprisisierung des Business-Modells“ nennen, weil das Produktportfolio sich nochmal deutlich vom Endverbraucher entfernt hat. Natürlich haben Red Hat oder SUSE auch noch einen herkömmlichen Desktop im Angebot, aber dieser dürfte nur einen Bruchteil des Umsatzes ausmachen und das Engagement in diesem Bereich hat doch sehr sichtbar nachgelassen. Bei Canonical weiß man, dass lediglich die Cloud-Sparte wirklich rentabel ist. Von Red Hat bis Canonical ist der Enterprise-Desktop ein ziemliches einerlei aus GNOME und einigen wenigen rudimentären Programmen. 

Das klappt deshalb so gut, weil Supportverträge für Produkte im Business-Umfeld auch bei der proprietären Konkurrenz üblich sind und oft die Lizenz- und Anschaffungskosten über die Laufzeit hinweg übersteigen. Die Open Source Anbieter konnten also ein bestehendes Geschäftsmodell relativ einfach für sich fruchtbar machen. Gleichzeitig ermöglicht der Open Source Charakter zwar legale Clone (z. B. CentOS) aber die im Enterprise-Segment oft notwendige Zertifizierung lässt die Kunden in ausreichender Anzahl zum Original greifen. Die Risiken des Open Source Modell werden dadurch erfolgreich neutralisiert.

Open Source Software ist im Enterprise-Sektor daher eine feste Größe und kann es spielend mit der proprietären Konkurrenz aufnehmen. Hier gibt es zweifelsohne ein funktionierendes Monetarisierungsmodell.

Außerhalb des Enterprise Sektors

Außerhalb des „Big Business“ gibt es bei der proprietären Konkurrenz – von Microsoft, über Apple bis Google – aber einen veritablen Privat- und Mittelstandssektor. Hier wird Software „von der Stange“ entwickelt und lizenziert. Support gibt es gar nicht oder lediglich als Zusatzleistung. Dazu gehört neben dem basalen Desktop auch das gesamte Desktop-Ökosystem. Eben jener heute gerne „Apps“ titulierter Bereich verleiht diesen Plattformen ihre Attraktivität. Dieser Bereich ist für Privatanwender viel wichtiger als die großen Leuchtturmprojekte.

Eben diesen Sektor gibt es aber im Open Source Bereich kaum. In diesem Bereich entwickeln viele kleine Firmen und Einzelentwickler Softwareprodukte mit hoher Qualität die als Abonnements oder versionsgebundene Lizenz verkauft werden. Für Open Source Betriebssysteme wie Linux ist dieser Bereich kaum existent – weder als kommerziell vertriebene freie Software, noch proprietäre Alternativen. Die existenten Produkte wie CrossOver oder Softmaker Office lassen sich an wenigen Fingern abzählen und kommen ebenfalls alle aus dem semi-professionellen Bereich.

Doch hat Linux nicht auch hier ohne große Firmen eine erhebliche Qualität erreicht? Nun wichtige Projekte im Desktopumfeld wie KDE, GNOME, Virtualbox oder LibreOffice und seine Vorgänger wurden oder werden von den oben genannten Firmen durch ihre Erträge in anderen Geschäftsfeldern querfinanziert und damit subventioniert. Der überragende Einfluss von Red Hat auf die GNOME Entwicklung wird schließlich immer wieder kritisert. KDE hat zudem mit bluesystems einen philanthropischen Mittelgeber. Ohne diese Mittel und die dadurch bezahlten Vollzeitentwickler wäre die gegenwärtige Qualität sicherlich nicht zu erreichen. Dies sieht man genau an jenem Bereich an dem die Firmen kaum Interesse haben: Der mobile Sektor. Die Entwicklung wird hier fast nur von der Community und ehrenamtlichen Entwicklern getragen und kommt seit Jahren nicht voran.

Woran liegt das? Gerne wird auf den geringen Marktanteil von Linux verwiesen, der eine Entwicklung unrentabel macht. Es gibt zwar nur wenige offizielle Zahlen, aber der Marktanteil von Apples macOS liegt nur geringfügig über dem vom Linux und kommt nicht an Windows heran. Möglicherweise sind Apple-Kunden kaufkräftiger, als Linux-Anwender – dazu kenne ich keine Zahlen. Allerdings glaube ich nicht an Linux als „arme-Leute-System“.

Das Problem ist vermutlich eher vielschichtig. Ein erheblicher Teil der Linux-Nutzer glaubt an den Mehrwert und die Idee von freier Software. Dahinter steht bei vielen oft eine gewisse Kapitalismuskritik und die Idee von der Vergemeinschaftung von Code. Ironischerweise oftmals vorgetragen von Vertretern einer Branche, die gemessen an den Durchschnittsgehältern zu den Gewinnern der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung gehört. Open Source-Enthusiasten kaufen proprietäre Software nur wenn es sich absolut nicht vermeiden lässt und greifen eher zu einer freien, aber schlechteren Lösung, als zur guten, aber proprietären Variante. Der eh schon kleine Linux-Markt schrumpft damit noch weiter. Der Spiele-Markt illustriert dies anschaulich, da Steam hier durchaus Umsätze unter Linux verbuchen kann – eben weil es keine nennenswerten Alternativen gibt.

Nun kann man natürlich auch freie Kleinsoftware auf die gleiche Weise wie die großen Enterprise-Produkte mit Service-Verträgen vermarkten. Das haben auch einige Anbieter versucht, aber es scheitert. Der Verpflichtung der Code-Offenlegung ermöglicht immer Nachbauten und anders als bei einem ganzen Betriebssystem, wie im Fall von RHEL, ist das bei einem einzelnen Programm mit deutlich überschaubarerem Aufwand verbunden. Es wird daher immer kostenlose Forks und Community-Varianten geben. Klappen tut dies daher nur in relativ kontrollierten Märkten. Einige Entwickler von Open Source Apps für Android bieten diese z. B. gegen einen Obolus bei Google Play an. Weil viele Android-Nutzer alternative Stores nicht kennen, funktioniert das in begrenztem Maße. Open Source Enthusiasten mit F-Droid umgehen aber auch diese Gebühr.

Alternative Monetarisierungsmöglichkeiten

Weil der kommerzielle Vertrieb von Software faktisch scheitert haben sich Entwickler einige andere Lösungen überlegt. Dazu gehören Spenden, ebenso wie Fundraising-Kampagnen. Spenden funktionieren ausweislich aller Zahlen nicht wirklich. Das liegt auch daran, dass viele institutionelle Nutzer wie der Öffentliche Dienst zwar Geld für Software ausgeben dürfen, aber keinesfalls Spenden können. Um dem Dilemma zu entgehen haben viele populäre Open Source Projekte in der Vergangenheit sehr erfolgreich Kampagnen gestartet. Die Kampagnen-Wirtschaft hat aber ihre Risiken, weil zur Gewährleistung des steten Geldflusses immer neue Kampagnen benötigt werden. Für Purism hat ein Blogger das mal sehr gut nachgezeichnet (siehe: Links der Woche KW 50 – Purism, Onlineshopping und Linux). Wirklich nachhaltig ist dieses Modell also auch nicht.

Natürlich gibt es neben Lizenzierung, Spenden und Fundraising auch noch andere Monetarisierungsmöglichkeiten. Die Digitalwirtschaft hat mit der Veräußerung von (Nutzer-)Daten und Werbung zwei sehr bekannt gemacht. Beides kommt bei der Datenschutz-affinen Zielgruppe nur naturgemäß kaum in Frage.

Folgen

Durch diese Probleme und Limitationen basiert ein Großteil dessen was man Linux-Desktop nennt auf ehrenamtlicher Arbeit, teilweise finanziert durch einige wenige Firmen und altruistische Einzelpersonen. Davon profitieren aber primär die Basisprojekte wie z. B. die großen Desktops durch ihre Querfinanzierung aus dem Enterprise-Segment. Diese Zuwendungen sind aber tendenziell rückläufig, wie z. B. die alleinige Fokussierung von RHEL auf GNOME illustriert.

Nischenprojekte, Zukunftsideen und kleine Softwareideen werden meist von wenigen Freiwilligen entwickelt. Die Qualität hinkt – pauschal gesagt – der proprietären Konkurrenz deutlich hinterher und der Abstand wächst, weil die Entwickler weniger Zeit zur Verfügung haben und oft auch primär für sich selbst entwicklen. Letzteres hat dann auch zur Folge, dass Projekte verwaisen wenn der Entwickler die Lust oder das Interesse verliert. Der niedrige Bus-Faktor vieler Open Source Projekte macht sich hier dann auch negativ bemerkbar. Natürlich verlieren auch Entwickler proprietärer Produkte mal das Interesse, aber hier gibt es wenigstens noch den monetären Anreiz. Software wird zudem immer komplexer und schon vor einigen Jahren fragte sich der scheidende Dolphin-Entwickler wie lange ehrenamtliche Arbeit hier noch mitziehen kann.

Für den Anwender fehlt ganz nebenbei durch diese Entwicklung auch die Wahlfreiheit zwischen Open Source Projekten und proprietärer Software im konkreten Fall zu entscheiden. Diese Wahl musste der Anwender faktisch schon bei der Auswahl des Betriebssystems treffen. Aus Sicht des Anwenders bedeutet Linux dadurch sogar weniger (Wahl-)Freiheit als proprietäre Systeme.

Aus diesem Grund muss ich konstantieren, dass Open Source vor allem im Privat-/Endverbraucherbereich ein dauerhaft funktionsfähiges Monetarisierungsmodell fehlt – allen Beteuerungen zum Trotz. Das muss nicht unbedingt zum Untergang führen und man kann vorerst problemlos so weiter machen. Es hat aber Auswirkungen auf die Qualität und die Stabilität des Ökosystems. Man kann dies als gegeben hinnehmen und hier auch die Vorteile von Linux sehen, aber sollte keine wirtschaftliche Erfolgsstory herbeireden.

Die Frage ist halt, was passiert wenn die letzten Firmen mit Hoffnung auf eine erfolgreiche Monetarisierung ihrer Entwicklungsleistung sich aus dem Endverbraucherbereich (Distributionen, Desktops, Programme, Apps) zurückziehen. Kann die Gemeinschaft nur die ehrenamtliche Arbeit wirklich dieses Niveau halten? Hofft man auf den Staat als Mittelgeber angetrieben durch den Wunsch nach digitaler Souveränität?


Änderungen

Die Argumentation etwas konsistenter ausformuliert und den Artikel gegliedert.


Bilder:

Einleitungs- und Beitragsbild von Mudassar Iqbal via Pixabay 

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