Android vor Weltkarte

Seit zwei Jahren nutze ich wieder ein iPhone (siehe: Tschüß BlackBerry – Hallo iPhone), genauer gesagt ein iPhone SE. Von dieser Modellreihe ist kein Nachfolger in Sicht und daher nahm ich kürzlich wieder Android ins Blickfeld. Dort gibt es schließlich sehr vielfältige Hardware zu attraktiven Preisen.

Android Smartphones kann man leider nicht direkt wie gekauft verwenden. Im besten Fall hat der Hersteller das System nur mit zahlreichen zusätzlichen Apps versehen – im Windows-Jargon Bloatware – im schlimmsten Fall gibt es eine veraltete Android-Version und keine Sicherheitsupdates. Alle auf dem deutschen Markt erhältlichen Modelle haben zudem das Google-Paket vorinstalliert.

Das ist hinsichtlich des Datenschutzes absolut indiskutabel. Zum Play Store kommen auch in den minimalen Varianten Play Services hinzu. Diese aktualisieren sich am System vorbei und entziehen sich der Kontrolle des Anwenders. Angesichts der Art und Weise wie Google Geld verdient – nämlich mit zielgerichteter Werbung auf Basis gesammelter Daten – kann man das Prinzip Datenschutz dann gleich ad acta legen.

Möglich ist natürlich eine Custom Rom wie LineageOS und freie Apps von F-Droid zu installieren. Ich bin kein Smartphone-Junkie, sondern benutze das Gerät zur Organisation, sowie zur schriftlichen und verbalen Kommunikation. Also eigentlich ziemlich klassisch. Benötigt werden abseits der Basisfunktionen wie Browser, Kamera & Co:

  • Kalender und Aufgaben
  • Notizen
  • Office-Paket mit zumindest rudimentären Bearbeitungsfunktionen
  • Karten / Navigation
  • DB Navigator
  • Messenger (WhatsApp, Signal, Threema, SMS)
  • E-Mail

Einiges davon ist bereits per Standard enthalten, anderes wie Karten lässt sich mit OsmAnd gut realisieren oder hat bekannt gute Apps wie K-9 Mail. Einige andere Bereiche sind aber schwierig umzusetzen. Jetzt kann man sich über einzelne Wünsche sicherlich streiten. Voraussichtlich dürfte vor allem der DB Navigator, WhatsApp und Threema auf Kritik stoßen. Alle drei sind für mich persönlich allerdings unverzichtbar.

Ich fahre sehr viel mit der Deutschen Bahn, der DB Navigator ermöglicht es mir Tickets zu kaufen und kontrollieren zu lassen ohne Ausdrucke. Das spart Papier und ist teilweise sogar unverzichtbar weil viele Provinz-Bahnhöfe im deutschen Nordwesten gar keine Automaten der DB mehr haben, sondern nur noch welche der Nordwestbahn und anderer Konkurrenten. Natürlich nehme ich billigend in Kauf, dass die DB mein Fahrverhalten trackt, aber dank BahnCard und BahnBonus tut sie das potenziell sowieso. Letzteres beschert mir aber in derart schöner Regelmäßigkeit Freifahren, dass ich das Datenschutz-Risiko in Kauf nehme. Zumal die entsprechenden DSGVO-Abfragen eine überschaubare Datensammlung ergeben haben.

Messenger sind ein ebenso schwieriges Thema. Natürlich fände ich es wünschenswert wenn alle meine Kontakte Signal (das im übrigen auch nicht via F-Droid zur Verfügung steht) verwenden würden. Alle mein Signal-Kontakte fallen aber in die Kategorie „Nerd“. Threema nutzen hingegen ca. 1/3 meiner Kontakte und WhatsApp 95%. Ich missioniere nicht und habe auch keine Lust aus allen Gruppen-Kommunikationen ausgeschlossen zu sein und immer nur Zusammenfassungen via SMS zu erhalten. Threema und WhatsApp kann man auch per Direktdownload nutzen. Signal drängt einen geradezu in den Play Store, bietet aber auch einen Download. Man hat durch die ganzen Direkt-Downloads aber ein erhebliches Sicherheitsrisiko und den Komfort von Windows XP.

Leider sind das nicht die einzigen Problemzonen. Im Office-Bereich gibt es nur eine Alpha-Version des Viewers von LibreOffice und sonst nichts.

Dabei handelt es sich außerdem nur um die notwendigen Basisfunktionen. Komfortlösungen wie mobiles bezahlen oder Drittanbieter-Dienste lassen sich quasi gar nichtu umsetzen.

Das sind schon schwere Einschränkungen. Streng genommen ist Android mit F-Droid auf dem Niveau meines BlackBerry Bold 9900 mit OS 7.1 von 2011. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt hatte ein altes Symbian-Nokia auch schon in etwa die Funktionalität. Was damals als Smartphone-Vorreiter durchging ist heute ein besseres Featurephone. Natürlich bietet Android sehr viele Freiheiten, weil es Open Source ist und einen nicht wie Apple in einen Käfig steckt, aber was nützt mir das, wenn es funktional nichts bietet. Letztlich befindet man sich in einem Open Source Universum, das durch seine beschränkten Angebote einem Gefängnis nicht unähnlich ist.

Die Recherche hat leider mal wieder ergeben, dass ich mein iPhone SE hoffentlich noch lange behalten darf und anschließend vermutlich wieder ein neues iPhone kaufe.


Bilder:

Einleitungs- und Beitragsbild von OpenClipart-Vectors via pixabay

 

Gerrit
Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

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