Kommentar: KDE nehmt den Desktop nicht in Geiselhaft

KDE verfolgt bereits seit vielen Jahren mobile Pläne, herausgekommen ist dabei bisher nicht viel. Außer einem Framework namens Kirigami mit dem man klassische Desktopapplikationen mobil-tauglich machen möchte und damit das Benutzererlebnis auf dem Desktop ruiniert.

Wenn ich für irgendwas auf dem Linux Desktop Enthusiasmus entwickeln konnte, dann war dies immer KDE. Dank KDE bin ich erst richtig warm mit Linux geworden und habe dem Desktop über zwei große Versionssprünge die Treue gehalten. Zuletzt zunehmend frustriert (siehe auch die Serie ab: KDE Plasma 5 Teil I: Käfer und Schuldzuweisungen) aber ein Wechsel kam nie in Betracht. Seit einigen Jahren nutze ich nun auf dem Desktop macOS (siehe: Ein Apfel in der Antarktis – Teilwechsel auf macOS) und die virtuellen Maschinen laufen mit MATE.

KDE Plasma hat sich bei einigen Migrationsvorhaben allerdings immer wieder als sehr guter Desktop für Windows-Umsteiger erwiesen (siehe: openSUSE Leap im wartungsfreien Einsatz). Daher komme ich damit immer noch in Berührung. Nun habe ich mir mal den Entwicklungsstand von openSUSE Leap 15.1 angeguckt, da im Sommer einige Systeme darauf migriert werden sollen.

Vielleicht muss man erst mal Abstand zu einem Desktop gewinnen um den Entwicklern laut zuzurufen: Lasst das!

KDE Plasma ist nach wie vor ein toller Desktop und inzwischen auch hinreichend ressourcenschonend (siehe auch: Mythen V: KDE benötigt viele Ressourcen) und stabil. Das gilt sogar für notorische Problemkinder wie die Kontact-Suite, die hier im Produktiveinsatz keine nennenswerten Probleme macht. Von wirklichen Softwareperlen wie Dolphin mal ganz zu schweigen – der vielleicht beste Dateimanager unter allen Betriebssystemen und Desktopumgebungen, die ich je verwenden durfte.

Die Kirigami-basierten Anwendungen wie Discover und die neuen Systemeinstellungen sind jedoch furchtbar. Die Benutzerführung ist ganz offensichtlich an mobile Endgeräte angepasst, die Programme sind reaktionslangsam, es gibt Grafikfehler und bei Fenstervergrößerung/-verkleinerungen hängt alles.

Natürlich ist die Hardware nicht die Neueste. Ein Haswell i5 mit entsprechender Onboard-Grafikkarte liegt bei Linux aber im gesunden Mittelfeld, das hat die Ubuntu-Telemetriedatenerhebung ergeben.

Es ist schön, dass die Entwickler von Plasma Mobile am Ball bleiben. Die Zukunft liegt im mobilen Bereich und Linux darf sie nicht komplett verschlafen. Es gibt aber nach all den Jahren noch kein einziges mobiles Gerät auf dem Plasma Mobile läuft und keine Distribution einer lauffähigen Umgebung. Das wird sich vielleicht mit dem Librem 5 ändern, aber das kommt auch erst nächstes Jahr – frühestens!

Hört also auf die Desktopanwender in Geiselhaft für ein mobiles Unterfangen zu nehmen, das noch gar nicht existiert. Macht nicht das Desktoperlebnis für eure mobilen Träume kaputt. Sonst habt ihr am Ende nichts, keinen Desktop und kein mobiles System.

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