Linux im macOS-Spiegel

© bluedesign / Fotolia.com

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Unerwarte Veränderungen bringen manchmal überraschende Einsichten. Seit circa zwei Monaten benutze ich als primäres mobiles Arbeitsgerät ein MacBook Air mit 13" Bildschirm. Die Entscheidung dafür, war weniger eine Entscheidung für das Betriebssystem, als vielmehr eine für die Hardware. Ursprünglich war durchaus angedacht eine Linux-Distribution zu installieren, aber Neugier und das Fehlen einer attraktiven LTS-Distribution bewogen mich dazu erst einmal macOS auf dem Gerät zu belassen.

Umgebung

Umsteigern auf Linux wird immer geraten ihre Windows-Gewohnheiten aufzugeben und sich auf das System einzulassen - eine absolut richtige Empfehlung. Wenn man sich lange genug in einem Ökosystem bewegt, verliert man aber oft den Vergleichsmaßstab, einfach weil man anfängt alles an den eigenen Gewohnheiten zu messen. Wenn man mal "zwangsweise" über viele Wochen in ein anderes Ökosystem eintaucht, merkt man die Vorteile und Defizite des bisherigen Systems sehr deutlich.

Ähnlich wie bei Linux habe ich auch für macOS meine bisherigen Gewohnheiten beiseite geschoben und mittels Geduld und einer Suchmaschine meiner Wahl versucht die beste native Mac-Lösung zu finden und nicht nur meine Linux-Lösungen zu adaptieren.

Desktop

Langjährige Mac-Nutzer schwören auf das besondere Nutzungserlebnis des macOS-Desktops. Die Popularität der Oberfläche kann man sehr gut daran sehen, dass Kernbestandteile wie das Dock (auch wenn Apple es nicht erfunden hat) in andere Systeme übernommen wurden. Der macOS-Desktop funktioniert hervorragend, ist aber konzeptionell nicht so gut, wie viele Apple-Fans immer beschwören.

Ähnlich wie bei Windows gibt es viele gewachsene Strukturen, deren Sinn sich mehr aus dem Prinzip "das war schon immer so" erklären, als aus wirklicher Designlogik. In diese Kategorie fällt z.B. die Schließen-Funktion der Fenster, die eben nur das Fenster und nicht das Programm beendet. Im eigentlichen Sinne minimiert man also Programme nur, was bei genug Arbeitsspeicher aber heutzutage bedeutungslos ist.

macos globales menu

Deutlich extremer ist da das globale Anwendungsmenü in der oberen Leiste. Apple hatte das schon immer, ältere Anwender erinnern sich sicherlich noch an die alten "Macintosh Plus"-Geräte mit dem gleichen Konzept. So lange man in der Regel nur ein offenes Programm (zu mehr reichte die Leistung nicht!) im Vollbildschirmmodus (die Bildschirme waren winzig!) hatte, machte das auch verhältnismäßig viel Sinn. Die obere Leiste war für den Systemabschnitt sowieso vorhanden und der wenige Platz optimal genutzt. Wenn man aber dutzende offene Programme mit jeweils mehreren Fenstern hat, ist es aber widersinnig für die Menüfunktionen die Maus an den oberen Bildschirmrand bewegen zu müssen.

macos seitenleiste

Weiterhin ist der Desktop nicht so stringent durch konzeptioniert, wie dies oft verkauft wird. Auch im Apple-Universum gibt es experimentelle und/oder redundante Elemente, die mal in den Desktop eingebaut, dann aber nicht stringent weiterverfolgt wurden. Die einblendbare Seitenleiste oder das Dashboard fallen in diese Kategorie. Für die Mitteilungszentrale genannte Seitenleiste gibt es von Haus aus nicht mal einen Tastatur-Kurzbefehl. Potenzial in dieser Hinsicht hat auch die - in Sierra jüngst eingezogene - theoretisch programmübergreifend verfügbare, aber praktisch nicht nutzbare, Tab-Funktionalität.

Die meisten Linux-Desktopumgebungen sind hier konsequenter, da bei einer Neuentwicklung (GNOME 2->3; Plasma 4->5) redundante Altlasten meist entsorgt werden. Natürlich zum Leidwesen jener Nutzer, die genau diese oder jene redundante Funktion benutzt hat.

Gefühltes Nutzungserlebnis

Diese reine Funktionalitätsabwägung wird begleitet von einem gefühlt positiven Nutzungserlebnis. MacOS hat keine schwerwiegenden Fehler, die einen offensichtlich in der Nutzung behindern. Was sich wie eine Selbstverständlichkeit anhört, ist enorm wichtig. Hat der Anwender permanent das Gefühl, ein falscher Mausklick kann das System zum Absturz bringen, nutzt er das Gerät nicht gerne. Ein Problem wie z.B. die systemd-bedingte Verzögerung beim Herunterfahren aktueller Linux-Distributionen mag aus technischer Sicht nicht bedenklich sein, stört aber das Nutzungserlebnis.

Hinzu kommt, dass die Apple-Entwickler viel Arbeit in ein flüssiges Bediengefühl gesteckt haben. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Vollbildmodus eines Videos. Alle Betriebssysteme verfügen über diese Funktion. Während bei Windows und Linux das Vollbild mehr oder minder ruckelnd "aufspringt", gleitet bei macOS das Video ins Vollbild und die Leisten verschwinden. Funktional macht das keinen Unterschied und faktisch handelt es sich bei Windows und Linux auch um keinen Fehler. Wenn man länger an einem Apple-Gerät saß, fühlt es sich aber fehlerhaft an.

Programme, Programme, Programme

Das Nutzungserlebnis mag bei macOS ein bisschen angenehmer sein, rein funktional bietet das Apple-Betriebssystem gegenüber den meisten Linux-Desktops kaum Vorteile. Den Unterschied machen die Programme. Linux-Programme sind vor allem außerhalb eines IT-Kernbereichs nicht so ausgefeilt, wie die Mac (und Windows )-Konkurrenz.

Dafür gibt es zwei Hauptursachen: Die erste bittere Wahrheit ist leider, dass dies auch am Geld liegt. Insbesondere die Diskrepanz zwischen den großen Linux-Desktopumgebungen und den Programmen kann man nur so erklären. GNOME und KDE werden inzwischen von einigen hauptberuflichen Entwicklern gepflegt, was sich positiv bemerkbar macht. Viele Dritt-Programme sind jedoch Freizeitprojekte engagierter Einzelpersonen. Diese Programme entwickeln sich naturgemäß nicht so schnell und so mancher Fehler bleibt lange ungelöst. Mal abgesehen davon, dass der Funktionsumfang oft dadurch bestimmt wird, was der Entwickler persönlich für notwendig hält. Der so genannte Bus-Faktor ist zudem enorm niedrig, wodurch man als Anwender immer wieder mit eingestellten Projekten zu kämpfen hat.

Die zweite Ursache ist eher philosophischer Natur: Auch wenn das Prinzip inzwischen ein wenig aufgeweicht wurde, folgen viele Linux-Entwickler noch dem Prinzip "Schreibe Computerprogramme so, dass sie nur eine Aufgabe erledigen und diese gut machen." Große Profi-Programme, die viele Funktionen in sich vereinen und für spezielle Anwendungsbereiche optimiert wurden sind daher die Ausnahme und man muss sich als Anwender mit einer Sammlung unterschiedlicher Programme zufrieden geben, die im Idealfall wenigstens halbwegs gut zusammen arbeiten.

Restriktionen

Einen unbestreitbaren Nachteil hat macOS jedoch weiterhin. Man begibt sich in einen goldenen Käfig und macht sich abhängig von den Entwicklungsentscheidungen einer Firma. Wenn einem unter Linux die Entwicklung nicht gefällt, wechselt man den Desktop und/oder die Distribution. Selbst unter Windows bleiben einem umfangreiche Eingriffsmöglichkeiten (siehe die Startmenü-Geschichte in Windows 8). Bei macOS sind Funktionen, die in Cupertino nicht vorgesehen wurde, schlicht nicht zu ändern. Durch das immer restriktivere AppStore-Prinzip (nicht signierte Programme sind mit Sierra erstmals rausgeflogen) sind die Zugriffsmöglichkeiten der Programme auf das Betriebssystem zudem beschränkt.

Zusammengefasst

Das Apple Betriebssystem macOS ist funktional nicht überlegen, bietet aber ein deutlich besseres Nutzungserlebnis. Den Ausschlag geben wieder einmal die Programme. Der Preis dafür ist die Flexibilität. Weniger im Programmbereich, weil man hier zu Alternativen wechseln kann, wohl aber bei der Desktopoberfläche und grundlegenden Bestandteilen wie dem AppStore.

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