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Screenshot: Ubuntu MATE

Mythen II: Entwicklung bei den Desktopumgebungen

Shitstorms als Internetphänomen sind seit einiger Zeit in aller Munde. Man könnte manchmal glauben, die Open Source Community hätte sie erfunden. Der Umgangston in den Foren und auf den Maillinglisten ist manchmal hart und liebevoll gepflegte Vorurteile und Mythen sind eine beliebte Argumentationshilfe. Diese sind zum Teil gegen andere Ökosysteme gerichtet, aber richtig schön wird die Debatte erst wenn es zu den internen Grabenkämpfen kommt. Bevor systemd die Aufmerksamkeit auf sich zog, war es meist die präferierte Desktopumgebung, die zuverlässig einen längeren Flame-War auslöste.

Die Desktop-Entwicklungen

Anfangs waren diese Debatten noch einfach. GNOME oder KDE, das war die Grundsatzfrage. Die IceWM Nutzer beteiligten sich schließlich kaum, sie wussten zu jeder Zeit, dass sie den Königsweg befolgten. Diese vergleichsweise übersichtliche Konfrontationslage wurde ca. 2008 aufgebrochen. Nun ging es auch um die Frage modern oder alt und bewährt bzw. anders gesagt: KDE 4 oder KDE 3.5. GNOME-Nutzer priesen da noch ihr evolutionäres Entwicklungsmodell.

Spätestens mit dem Release von GNOME 3 im Jahr 2011 brachen die alten Konfrontationsgräben vollständig auf. GNOME 3 schockierte viele GNOME-Nutzer durch sein vollkommen neues Bedienkonzept. Mit dem Release von Ubuntu 11.04 wechselte Canonical auf Unity, Linux Mint schickte im gleichen Jahr Cinnamon ins Rennen. Beide nutzen den GNOME 3-Unterbau, allerdings unter den Prämissen eines eigenen Bedienkonzepts. Auf die Spitze getrieben wurde diese Tendenz durch MATE - ein direkter Fork von GNOME 2 auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung. Wie die anderen Abspaltungen vom GNOME-Projekt entstand MATE 2011. Während Unity und Cinnamon alleine durch die Verbreitung ihrer Distributionen Ubuntu und Mint eine verhältnismäßig sichere Existenz garantiert wurde, zeigte sich bei MATE das Linux-Community-Element. Anfangs verspottet und auf einem Niveau mit dem Trinity Desktop gesehen, machte sich MATE zu einem Siegeszug auf, in dessen Folge der Desktop in Fedora, openSUSE 13.2, Debian 7.0 (Backports) und nun auch in Ubuntu 15.04 Einzug hielt.

Die Diskussionen wurden durch diese Entwicklung zunehmend unübersichtlich. Vereinfacht gesagt: Anwender moderner Desktopkonzepte wie GNOME 3 und KDE SC 4 gegen die konservativen Nutzer, sowie alle gegen GNOME 3. Hauptargument bei den Nutzern von LXDE, MATE und Xfce: Die Entwickler haben die Nutzer vergessen und entwickeln nur noch für sich. Die Nutzer wollen keine Veränderungen, sondern das Windows 95-Prinzip.

Der Debian Popularity Contest

Mit diesem Thema wurde sich bereits im ersten Teil der Artikel-Miniserie befasst. Im Kommentar wurde nun darauf hingewiesen, dass nur ein Vergleich über einen größeren Zeitraum wirklich aussagekräftig wäre. Vollkommen richtig! Problematisch bleibt die Datengrundlage. Lediglich Ubuntu und Debian erfassen (freiwillig) die installierten Pakete der Nutzer. Einen Vergleich über einen längeren Zeitraum erlaubt leider nur die Debian-Popcon Seite (sollte dem anders sein, bitte im Kommentarfeld schreiben). Debian ist nicht präsentativ, aber es ist eine der größten Distributionen und hat neben Arch Linux und Gentoo potenziell die erfahrensten Nutzer. Wenn eine Benutzer-Community nicht die vorgekauten Konfigurationen schluckt, die ihnen von den Maintainern vorgegeben werden, dann ist sie bei diesen Projekten zu finden.

Dabei darf natürlich nicht verschwiegen werden, dass Debian GNOME als Standarddesktop ausliefert, aber nur deshalb die mangelnde Verbreitung anderer Desktops zu begründen ist weder bewiesen, noch wahrscheinlich. Vor allem nicht hinsichtlich der Debian-Zielgruppe. Im Grunde genommen ist das nur eine Abwandlung des Linux vs. Windows-Arguments.

Die Erhebung der Daten ist etwas kompliziert, da es keine einheitlich benannten Kernpakete gibt, die über alle Desktopgrenzen hinweg ihre Gültigkeit hätten. Für GNOME, Xfce, MATE und LXDE gibt es s.g. session-Pakete, ohne die der Desktop nicht funktioniert. Bei KDE ist aufgrund der permanenten Umbenennungen seitens der Entwickler und Debian-Maintainer kein solches Session-Paket über viele Jahre verfügbar. Hier muss auf den Loginmanager KDM zurückgegriffen werden. Ein Vergleich mit dem aktuell substanziellen kde-baseapps-bin Paket ergibt aber, dass damit fast alle KDE-Installation erfasst werden können.

debian popcon anzahl

debian popcon prozente

Seit Etablierung der session-Pakete 2007/2008 hat es über die Veröffentlichungen von GNOME 3 und KDE SC 4 hinweg keine gravierenden Verschiebungen der Benutzerzahlen gegeben, weder prozentual, noch in den einzelnen Installationen. Die Zahl der Desktopumgebungen ist zweifelsohne angestiegen und GNOME 3 hat ebenso wie KDE SC 4 Federn gelassen, weil durch die große Anzahl an Alternativen viele Nutzer sich eine besser passende Umgebung gesucht haben. Nichtsdestotrotz sind diese Alternativen im Nischenbereich geblieben und ihre Nutzer können keineswegs behaupten die neue Mehrheit zu repräsentieren.

Tags: Linux, Desktop, Mythen

Ergänzungen zum Artikel

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