Die Linux-Community, ihre Eigenheiten und komischen Ausprägungen beschäftigen mich schon länger. Das dürfte für viele Leser hier nichts Neues sein. Momentan frage ich mich aber, ob das Problem nicht sehr spezifisch die deutschsprachige Linux-Community betrifft?

Meine Beobachtung zu den Unterschieden bei Wikipedia hatte ich kürzlich schon mal hier dargelegt. Nun bin ich aufgrund eines anderen Themas auf die systemd-Artikel bei Wikipedia gestoßen. Schauen wir uns mal drei Artikel an, deren Sprache ich beherrsche:

Die Unterschiede sind eklatant. Das ist keineswegs ein „Wikipedia-Phänomen“, denn diese Artikel schreiben Prinzip-bedingt Autoren mit Affinität zum Thema Linux bzw. Mitglieder einer weiter gefassten „Linux-Community“.

Der englischsprachige Artikel ist sehr umfassend, was vermutlich an der größeren Autoren- und Leserschaft liegt. Es geht um Geschichte, technisches Design, die zugehörigen Komponenten, die Verbreitung unter den verschiedenen Linux-Distributionen und ganz am Schluss kommt die Rezeption bzw. Kritik an systemd, sowie alternative Implementierungen. Die spanischsprachige Wikipedia orientiert sich an der englischsprachigen Wikipedia, hat aber einen längeren Teil mit Anleitungscharakter und nur einen kurzen Kritikteil.

Bei der deutschen Wikipedia geht es ganz kurz um Geschichte und Funktion und dann auf knapp 7000 Zeichen um die Kritik an systemd. Dazu ist die Auswahl der Meldungen verglichen mit der englischsprachigen Version höchst tendenziös, da immer nur die Kritik und selten die Entscheidungen und Problemlösungen thematisiert werden. Repliken auf diese Kritik (Lennart Poetterings „The biggest Myths“), die in der englischsprachigen Wikipedia erwähnt werden, finden in der deutschsprachigen Wikipedia keinen Widerhall.

Der englischsprachige Leser hat am Ende der Lektüre einen guten Überblick über Geschichte, Design, Funktionen und Kritik an systemd. Dem deutschsprachigen Leser bleibt der Eindruck, eine katastrophale Technologie hätte sich irgendwie durchgesetzt.

Läuft da was falsch bei der deutschsprachigen Linux-Community? Ist das ein spezifisches Wikipedia-Problem? Mich würden da auch Meinungen bzw. Kommentare von Lesern interessieren, die vielleicht auch in anderssprachigen Linux-Communitys unterwegs sind.

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

11 Ergänzungen

  1. Diese Tendenz zur Schwarzmalerei in der deutschen Linux-Community fällt mir auch seit längerem auf. Neue Entwicklungen werden grundsätzlich als „Bloat“, gegen die Unix-Philosophie usw. abgelehnt. Man könnte fast meinen, dass die Linux-Community in Deutschland zu großen Teilen aus dem IT-Äquivalent der Taliban besteht.

    Ein paar Dinge sind mir in den letzten Tagen und Wochen bei diversen Diskussionen im Heise-Forum aufgefallen (Achtung Polemik):

    1. Moderne Entwicklungen im Linux-Umfeld sind per se Mist und Sch**ße, da nur Bloat und/oder sie gegen das Unix-Prinzip verstoßen. Der Maßstab für eine gute Linux-Distribution ist die Lauffähigkeit auf einem P3 mit 256MB RAM. Wenn eine Distribution darauf nicht läuft, taugt sie nichts.
    2. Moderne Desktops sind ebenfalls sch**ße, außer KDE, da das aus Deutschland stammt. Da moderne Desktops mehr als 256MB RAM belegen, sind sie auf jeden Fall der größte Mist.
    3. Neue Formen der Softwareverteilung (Flatpak, Snap, usw.) gehören verboten. In den Paketquellen ist doch alles drin und wer braucht schon neue Software (Die eh Bloat ist).
    4. Wer nicht „vim“ benutzt hat sowieso verloren. Nano oder andere Texteditoren sind nur was für Weicheier und auf jeden Fall Bloat.
    5. Python gehört verboten. Die Bash ist der Maßstab aller Dinge beim Skripten. Wer damit keine fehlerfreien langen Programme schreiben kann, sollte besser im Bett bleiben und die Welt nicht mit seiner Präsenz belästigen.
    6. Ubuntu ist der Teufel. Wer das benutzt, macht noch in die Windeln. Nur Newbies, vollkommene Hirnis und/oder Weicheier benutzen Ubuntu.

    Die Liste könnte ich jetzt noch um ein paar Punkte erweitern, aber Gerrit hat schon sehr viele Dinge in seinen Artikeln benannt (systemd, TPM, usw.).

    • War das ernst gemeint?

      Unterschätze niemals die schlechten Englischkenntnisse der Deutschen und dies insbesondere vor dem Hintergrund der inzwischen relativ alten Linux-Community. Wer soll die deutschsprachige Community sein? Eben alles im digitalen Raum vom dt. Arch Linux-Forum bis ubuntuusers, sowie die vielen deutschsprachigen Konferenzen in Nicht-Corona-Zeiten.

      • Also in Programmierforen, wo englisch ja noch viel wichtiger ist, weil das halt bei der Doku zur Programmiersprache $FOO DIE lingua franca ist, sehe ich gerade bei Einsteigern die Schwelle, englisch zu lesen, hoch ist. In sofern sehe ich deutschsprachige Seiten der deutschsprachigen Linux-Community schon als sehr relevant an. Weswegen sich IMHO z.B. auch so Sachen wie wiki.ubuntuusers.de über Distributionsgrenzen hinweg großer Beliebtheit erfreuen.

  2. Bei aller berechtigten Kritik – die ich größtenteils teile – darf man sich nicht zu sehr – aufgrund einer scheinbaren / vermeintlichen Ähnlichkeit zu einem bereits getätigten Nicht-Argument des Mitdiskutierenden – in die „bequeme“ Position zurückziehen, sich mit dem Argumentteil der Aussage nicht zu beschäftigen. Ebenso ist leider – bei Diskussionen mit so vielen wiederholten Glaubenssätzen – die Gefahr für den eigenen Standpunkt ziemlich groß, unbewusst ein „Strohmann-Argument“ anzuwenden.

  3. IMHO ist das wenn eher ein deutsches Problem, Sachen eher negativ zu sehen. Oder es hat sich beim deutschen Wikipedia-Artikel nie jemand gefunden, den auf den aktuellen Stand zu bringen. Die kritische Einstellung gegenüber systemd war ja früher durchaus ausgeprägt. Früher = bevor quasi alle Linux-Distros auf systemd gewechselt sind.
    Speziell für den systemd Artikel halte ich das aber auch für ziemlich egal, weil (hoffentlich) niemand seine Linux-Distro aufgrund des deutschsprachigen Wikipediaartikels zum init-System auswählt 😉
    Wobei ich mal vermuten würden, dass sich das bei anderen Themen (z.B. snap? Flatpak?) ähnlich verhalten könnte.

    • Hallo Gerrit. Wieder mal ein toller Artikel als Diskussionsbetrag. Ich fände es toll, wenn du auch auf Mastodon unterwegs wärst, um unkompliziert direkt mit dir in Kontakt zu treten. Sachliche Linux-Kenner mit berechtiger Kritik gibt es dort meiner Meinung noch zu wenig. Du wärst eine echte Bereicherung.

      • Den Aufruf zu Mastodon kann ich nur unterstützen. So bin ich heute wieder auf dieser Seite gelandet, nachdem der alte Feed, der noch in meinem Reader war, seit längerem nicht mehr funktionierte.

  4. Ich denke, das es weniger ein Problem der Linux-Community, sondern mehr eins der Wikipedia ist. Es ist auffallend, dass zu vielen Themen die englischen Wiki-Artikel wesentlich umfangreicher und informativer sind.

    Woran liegt es? Ich denke, dass der Fisch vom Kopf her stinkt. Da wäre zum einen der Umgangston, wie man mit Autoren umgeht. Fürchterlich! So manche Fachperson schreibt schon lange nicht mehr für die Wikipedia, weil man sich das nicht antun will. Zum anderen die Entscheidungen, was in der Wikipedia stehen darf und was nicht. Die vor vielen Jahren angestoßene Relevanz-Debatte des CCC hat doch im Prinzip nichts gebracht, es läuft immer noch wie eh und je.

    Und dann gibt es noch Moderatoren und Admins, die in Wiki-Artikeln ihre eigenen Ansichten durchdrücken. Teilweise mit gesellschaftlicher und politischer Brisanz. Beispielsweise der Wiki-Mod „TheRandomIP“, der als „Sichter“ zwar anscheinend einen relativ niedrigen Rang hat, aber vor der Bundestagswahl sehr aktiv war. So war er dafür verantwortlich, dass per Schnelllöschung der Artikel zum Verein „Nuklearia e.V.“ verschwand und hat zudem den Artikel über Annalena Baerbock von unliebsamen Details „sauber“ gehalten.

  5. Wikipedia ist ein Mitmach Projekt.

    Ich seh das teilweise ähnlich wie Mike (gerade wenn es um politische Themen geht, ist die Wikipedia weit von ihrem vermeintlichen Ideal des „neutralen Standpunkt“ entfernt) , aber bei Fachthemen ist es eine Frage der Mitarbeit von aussen. Da spielt sicher auch die „comunity“ eine Rolle. Aber wenn die Stimmen des Ausgleichs fehlen, sind gerne die Ideologen diejenigen die solche Artikel dominieren. Aber es kann auch sein, wenn Informationen fehlen, dass die Autoren es vielleicht nicht besser Wissen.

    Der Artikel ist zu 53% von einem Autor – was eher viel ist – und dieser hat wohl auch viel zu dem beigetragen was du hier schreibst. Der Artikel sah vorher so aus: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Systemd&oldid=155468547

    Aber so wie ich das sehe, ist er kein reiner Linux- oder Computerautor und hat seit 2019 auch dort nichts mehr geschrieben. Daher ist deine These vermutlich nicht richtig. Da hat halt ein Wikipediaautor, der über das thema gestolpert ist versucht den artikel auf seinen Kenntnissstand zu erweitern. Das dort viel fehlt sollte Ansporn sein, diesen zu ergänzen.

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