Einseitige Berichterstattung bleibt nicht folgenlos. Kleine Artikel werden aufgegriffen, verzerrt und weitergetragen. Bei den Lesern verfestigt sich dann ein schiefes Gesamtbild. Besonders fatal, da es im IT bzw. Open Source-Segment kaum ein Korrektiv mit guter Berichterstattung gibt.

Viele Medien im Open Source-Segment verstehen sich gezielt als Meinungsmedien mit einer Mission. Ein inzwischen eingestelltes Medium trug das schließlich sogar im Namen: Pro-Linux. Das ist soweit nicht verwerflich, denn jeder kann die Plattformen erstellen, betreiben, mit Inhalten bespielen und konsumieren, die er möchte. Problematisch wird es, wenn es überhaupt keine Korrektive mehr gibt.

Vor einigen Tagen veröffentlichte Ferdinand Thommes ein kurzen Artikel „Nachgefragt: Was macht München in Sachen Open Source„. Das ist ja bekanntermaßen ein gleichermaßen heißes wie interessantes Thema. Ich finde es toll, dass Ferdinand Thommes hier nachhakt und versucht Hintergrundinformationen über Nachfragen bei involvierten Menschen im Stadtrat zu bekommen! Darin äußert sich die Stadträtin Judith Greif zur geplanten Open Source-Strategie und zeichnet ein eher pessimistisches Bild. Das eine legitime Sicht der Dinge, aber eben auch nur eine Sicht. Nichts anderes suggeriert der Artikel und daran gibt es nichts zu kritisieren.

Heute veröffentlicht Heise Open einen Artikel mit dem Titel „Nach LiMux-Aus: IT-Referat bremst neuen Open-Source-Kurs Münchens“ in dem sie letztlich nur den Inhalt des Artikels auf Linuxnews wiedergeben, aber ihn durch die Überschrift stärker in den LiMux-Kontext schieben und durch die Schlagzeile einen Drall in Richtung eines blockierenden IT-Referats geben. Sollte jetzt noch Golem eine ähnliche Story bringen, haben vermutlich 90 % der Medienkonsumenten mit Affinität zu den Themen IT und/oder Open Source die gleiche Story gelesen.

Während Ferdinand Thommes in seinem ursprünglichen Beitrag verspricht, am Thema dran zu bleiben und auch eine Stimme des Koalitionspartners SPD einzuholen, scheint man das bei dem ungleich größeren Heise Open nicht für nötig zu halten. Geschweige denn, dass man das IT-Referat um eine Stellungnahme bittet. Es kann immerhin nicht ausgeschlossen werden, dass es sachliche Gründe gibt oder eine andere Perspektive auf die gleiche Sachlage möglich ist.

Eigentlich müsste es genau umgekehrt laufen. Ein mittelgroßes Blog darf natürlich auch mal einen Artikel ohne ausgewogene Stellungnahmen publizieren. Es ist schließlich ein Blog und damit per Definition ein Meinungsmedium. Ich bin der Letzte, der das kritisieren darf. Ein deutlich größeres Nachrichtenmedium wie Heise müsste hier journalistische Qualitätskriterien erfüllen und dazu wenigstens eine Eigenrecherche durchführen und Stellungnahmen der Betroffenen erbitten. Immerhin ist der Leiter des IT-Referats von München nicht schwer zu ermitteln.

Das Problem ist leider, dass es diese seriösen Nachrichtenmedien im IT-Bereich allgemein und vor allem im Open Source-Segment nicht (mehr) gibt. Wenn man z. B. die Berichterstattung zu Open Source im Staatseinsatz – von LiMux bis zum Bundesclient – ansieht, dann stößt man nahezu nur auf Artikel in dieser Art. Wenig neue Fakten werden mit viel Interpretation und Meinung stetig neu angereichert und weiter verarbeitet.

Beim Leser entsteht dadurch ein in sich geschlossenes Nachrichtenbild, das durch jeden weiteren Bericht bestätigt wird: Open Source soll vorangetrieben werden, es gibt tolle Menschen, die das voranbringen wollen und keine schwerwiegenden technischen oder strukturellen Probleme. Folglich muss es zwangsläufig ein Erfolg werden. Garniert mit entsprechenden Pressemitteilungen und Interviews der verantwortlichen Stellen. Das Problem hierbei ist nur, die verantwortlichen Politiker äußern sich verständlicherweise immer dann, wenn sie Erfolge darstellen wollen, wie Jan Philipp Albrecht in der c’t oder um die Probleme anderen anzulasten, wie eben beim eingangs verlinkten Artikel geschehen.

Man kann dazu die Probe aus Exempel machen. Lassen wir die olle Kamelle LiMux beiseite und schauen uns die Open Source-Strategie von Schleswig-Holstein an. Welches größere Medium außerhalb der Open Source-Szene hat das aufgegriffen? Welche Berichte basieren nicht auf Interviews oder Pressemitteilungen der verantwortlichen Stellen oder stammen von Leuten, die bei beteiligten Dienstleistern angestellt sind? Wer hat mal versucht, verschiedene Stimmen einzuholen aus den betroffenen Einrichtungen oder konkrete Projektpläne ermittelt? Viel Spaß bei der Recherche.

Wenn solche Projekte dann nicht vollständig umgesetzt werden können, im Betrieb stecken bleiben oder gar in einem großen Knall enden, ist durch die tendenziöse Berichterstattung die Basis gelegt für Verschwörungserzählungen jedweder Art. Microsoft, Geldkoffer, korrupte und unfähige Politiker, zu wenige oder die falschen Entwickler, unfähige Bürokraten – die Liste der Schuldigen kennen wir schon. Denn woran soll es denn sonst gelegen haben, schließlich war die Sache immer vermeintlich ganz klar und eindeutig. Hat die Berichterstattung schließlich über einen längeren Zeitraum behauptet.

Ich kann daher nur dazu ermutigen, über den sehr engen Tellerrand der IT-/Open Source-Medienwelt hinaus zu blicken und die Inhalte dort mit viel Skepsis zu lesen. Einige Medien dort verstehen sich als gezielte Meinungsmedien mit dem Ziel FOSS populärer zu machen und berichten bewusst und gewollt einseitig (was wie gesagt völlig in Ordnung ist) andere haben einen strukturellen und eher implizit sichtbaren Bias in der Storyauswahl und den Inhalten. Professionelle Korrektive fehlen völlig und wer sich kritisch äußert und auf argumentative Defizite verweist, gilt gerne als Nestbeschmutzer. Frei nach dem Motto: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.

Insbesondere wenn es sich um Inselberichterstattung handelt, die nirgendwo sonst aufgegriffen wird, sollte man daher skeptisch sein, ob das Thema auch objektiv die Relevanz genießt, die ihm innerhalb der Community beigemessen wird und ob da wirklich so viele Ressourcen reinfließen. Das hilft bei der Einordnung und der Bewertung der Fakten. Man kann natürlich im Ergebnis trotzdem für sich zu dem Schluss kommen, dass man Frau Greif folgen möchte und das IT-Referat in München Open Source blockiert.

Nachtrag 02. Februar 2022:

Wie bereits vorhergesehen hat nun auch Golem die Nachricht aufgegriffen.

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

6 Ergänzungen

  1. Die „IT-/Open Source-Medienwelt“ ist doch eine sehr kleine „Blase“. Ja, klar gibt es FOSS-Anhänger, die Open Source gezielt fördern wollen. Aber das ist legitim, wie Du oben selbst schreibst. Für einige IT-Magazine hat der „exotische“ FOSS-Einsatz sicher mehr Nachrichtenwert als der x-te Einsatz von Windows.
    Aber im Allgemeinen wird FOSS in der Öffentlichkeit kaum beachtet. Große Medien, wei SPON propagieren dagegen ganz offen Apple-Produkte. Wegen dieser wenigen FOSS-freunlicher Berichte, muss man sich m.E. keine Sorgen machen. Im Gegensatz zu Dir nehme ich die meisten Anhänger von FOSS in ihrer Einschätzung als durchaus differnziert und abwägend wahr.

  2. Guten Morgen,

    du solltest aber auch bedenken, das bei Heise mittlerweile 75%+ der Artikel in die Rubrick
    „Clickbait“ fallen. Angefangen mit den Überschriften, oftmals dann im Text weitergeführt.
    Es geht m.E. mittlerweile hauptsächlich darum, die Forenten zu reizen/anzustacheln.
    Die Artikel haben einen Kommentarzähler –> viel Feind viel Ehr!
    Ganz übel bei „Telepolis“.
    Wirklich informative und/oder lehrreiche Artikel sind mittlerweile Mangelware…

    Gruß

    • Danke für den Hinweis. Herr Luther hätte anstelle von Schnappatmung lieber lesen sollen. Ich habe nirgendwo dich (bzw. Linuxnews) sondern Heise Online (und im Nachgang Golem) kritisiert. Das hat Lau dann hinten in seinem Editorial auch begriffen, wo es dann darum gehst, dass du auch für LinuxUser arbeitest, aber seinen Aufhänger mit meiner angeblichen Kritik an Linuxnews hatte er da wohl schon geschrieben. Korrektur liest dort wohl niemand. Der Bezug zu LinuxUser erschließt sich mir sowieso nicht ganz, weil ich programmatisch einseitig konzipierte Spartenmagazine anfänglich gleich ausgenommen hatte. Phantomschmerzen wegen Nicht-Erwähnung? Der „Lügenpresse“-Vorwurf ist wohlfeil, aber etwas schnell gezückt, wenn man den Vorwurf von einseitiger und verkürzter Berichterstattung bekommt.

      Ansonsten gibt er genau die hier kritisierten Binsenweisheiten wieder (Gesamtbild freier Software in der Verwaltung nur gut, Bestnoten LiMux) und verwechselt ein technisches Einstellungsdatum mit einem politischen Beschluss. Kurzum, ich sehe das Editorial ehrlich gesagt eher als weiteren Beleg für meinen obigen Artikel, denn als Widerlegung.

      Die Ironie, dass ausgerechnet am Ende eines solchen Editorials die besonderen Sorgfaltspflichten kommen, hat mir wenigstens einen heiteren Moment am Abend beschert.

  3. Unglaublich, dass es selbst heute immer noch Menschen gibt, die dem seit Jahrzehnten gepredigtem Dogma hinterher laufen. “ …Wir hatten immer MS, also bleiben wir dabei. Wenn wir jetzt umstellen, kennt sich keiner mehr aus und wir müssen alle alles neu lernen … „. das dies auch beim Wechsel innerhalb des MS Konzern passiert (OS, Office, office365) wird zur Seite geschoben. Linux im Allgemeinen und das OS im speziellen kann genauso aussehen und sich verhalten wie ein MS Gegenstück, interessiert aber nicht. Der jahrzehntelange und einseitige Lobbyismus hat seine Wirkung nicht verfehlt. Man denke auch an Steve Ballmer mit seiner Aussage als Krebsgeschwür über Linux.

    Es gab einmal (~10Jahre her) einen Test in einer größeren Firma in der USA. Einem Teil der Mitarbeiter hat man gesagt: „Sie bekommen neuen PC’s und ein neues MS Betriebssystem, welches noch nicht in der Öffentlichkeit verfügbar ist zum Testen. Einer anderen Gruppen hat man gesagt, sie bekäme neue Linux Arbeitsplätze.
    Nach 4 Wochen hat man die beiden Gruppen vergleichen. Die Mitarbeiter an den Linux Rechnern waren zu 75% unzufrieden und kamen laut eigenen Angaben mit dem Linux nicht zurecht. Die Windows Fraktion hatte zwar auch ihr Probleme, allerdings war die Unzufriedenheit deutlich geringer.
    Und die Crux an der Sache: Beide Gruppen haben Linux bekommen … Willkommen in der neun Welt.

    Genauso läuft es mit der Berichtersattung. Es sind althergebrachte Meinungen. Jeder weiss doch, dass man seine eigene und überzeugte Meinung nur schwer ändert, auch wenn „Fakten“ dafür sprechen.
    Dies ist aber der richtige Weg. Einen Schritt zurück treten und das ganze Bild betrachten. Das ganz große, globale Bild. ist übrigens wie mit der Erderwärmung… aber das ist ein anderes Thema.

    BFO

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