Telegram ist derzeit in aller Munde. Hauptsächlich weil der Dienst als primäres Kommunikationsmedium für zahlreiche extremistische und verschwörungsideologische Gruppierungen dient. Manche glauben da an Zufall, aber das Vorhandensein mancher Funktionen erleichtert dies.

Die Funktionen in Netzwerken und Diensten sind keine Zufälle oder basieren auf spontanen Eingebungen einzelner Entwickler, sondern erfüllen einen Zweck. Manche Funktionen sind harmlos, hinter anderen stecken manipulierende Absichten.

Ein Thema waren solche Funktionen oder das bewusste Nicht-Ergreifen von Maßnahmen in dem, was jüngst als „Facebook Leaks“ bekannt wurde. Facebook wusste demnach von seiner Rolle bei weltweiten Gewaltexzessen – vom Völkermord an den Rohingya bis hin zu Trumps Umsturzfantasien. Unterhalb dieser politischen Ebene richten die Netzwerke auch anderweitig massive gesellschaftliche Schäden an. Wie das Wall Street Journal berichtete (Paywall, Informationen auch bei tagesschau.de) schadet z. B. Instagram ganz besonders jungen Mädchen und wie Leaks aus dem Konzern zeigen wusste Facebook dies. Nicht nur unterließ man jede Maßnahme dagegen, der Facebook-Chef Mark Zuckerberg belog auch noch die Öffentlichkeit darüber.

Telegram hat ein ähnliches Problem. Denn Telegram ist bei Verschwörungsideologen, Extremisten und Hasspredigern aller Couleur nicht deshalb so beliebt, weil der Messenger besonders sicher oder anonym wäre. Ganz im Gegenteil: Telegram ist ein höchst mittelmäßiger Dienst. Wer ein besonders hohes Schutzbedürfnis hat, greift zu Alternativen. Aber darum geht es gar nicht, denn interessant ist Telegram für solche Gruppen wegen seiner Funktionen. Dazu äußerte sich Sascha Lobo in seiner SPIEGEL Kolumne vergangene Woche.

Zusammenfassung: Telegram ist eine Verquickung von Messenger und sozialem Netzwerk. Einige der Funktionen erleichtern besagten Gruppierungen die Verbreitung und sind vermutlich der Grund warum sie nicht WhatsApp, Signal einen anderen Dienst als Hauptmedium nutzen. Als Grundlage für Radikalisierung dienen Kanäle und Gruppen, die in der Regel leicht auffindbar sind. Verlinkung untereinander ermöglichen rasante Wachstumsraten für neue Kanäle. Den dadurch entstehende Rabbit-Hole-Effekt kennt man auch aus dem Empfehlungsmechanismus von YouTube. Begrenzungen der Gruppengröße, der Verlinkungen oder andere limitierende Faktoren kennt das Netzwerk nicht. Massensprachnachrichten senkenden die Zugangsschwelle, weil Sprache intimer und emotionaler funktioniert und die Reaktionsfreudigkeit erhöht. Die offen einsehbare Zahl der Abonnenten eines Kanals und der gerade online anwesenden Nutzer erzeugt ein Gefühl von Größe.

Diese Funktionen sind kein Zufall bzw. spätestens jetzt sollten sie das nicht mehr sein. Hier Limits einzuziehen, was die Möglichkeit, Inhalte in großer Zahl und kurzer Zeit zu teilen betrifft oder die Gruppengrößen zu beschränken, wäre leicht und würde den Dienst für die meisten normalen Nutzer nicht wirklich einschränken. Wenn man das nicht macht, dann legt man entweder die Vermutung nahe, die Dienstbetreiber würden auf diese Zielgruppen wert legen oder sie sind völlig gleichgültig gegenüber den Auswirkungen ihrer Plattform. Denn man kann getrost davon ausgehen, dass die Telegram-Verantwortlichen ähnlich wie der Facebook-Chef oder die YouTube-Entwickler um die Problematik der Funktionen wissen. Entsprechend sind sie auch in der Verantwortung, wenn sie keine Änderungen vornehmen.

Problematisch bei Telegram ist, dass Verschwörungsideologien und Hass inzwischen vermutlich die Existenzgrundlage des Dienstes in Teilen der Welt bildet. Der Ruf ist nach all den Skandalen hochgradig ramponiert, Telegram steht in der Öffentlichkeit inzwischen fast schon synonym für Extremismus. Wenn Telegram durch Einschränkungen diese Gruppen nun in andere Dienste vertreibt – was bleibt dann noch?

Bleiben die Betreiber von Diensten im vollen Bewusstsein der Probleme aber untätig, dürfen sie sich nicht wundern, wenn Staaten regulierend eingreifen. Kein Staat muss untätig dabei zusehen, wenn über eine Plattform Mordpläne an Ministerpräsidenten geschmiedet werden und die Betreiber völlig untätig bleiben. Das hat man in Deutschland mit dem NetzDG erlebt und in den USA mit den fortgesetzten Regulierungsdebatten rund um Facebook & Co.

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

25 Ergänzungen

  1. Telefone müssen verboten werden. Man kann sich über Telefone zum Attentat verabreden.
    Ich persönlich nutze Telegram als WhatsApp-Ersatz. Bisher hat mich dort noch niemand mit Terrorismus behelligt.

    • Du verwechselst Hardware mit Dienst.

      Um ein anderes Beispiel zu bemühen:
      Häuser müssen nicht verboten werden, nur weil darin konspiriert werden könnte. Wenn ich als Kneipenbesitzer aber wissentlich einen konspirativen Kreis Mordpläne in meiner Kneipe schmieden lasse, habe ich auch ein Problem.

      • „Wissentlich“ ist schwierig. Wenn es stimmt, dass Telegram Ende-zu-Ende-Verschlüsselung betreibt, dann „weiß“ Telegram das eben nicht.

        Und deine Lösung sieht wie aus? Verschlüsselung lieber abschalten?

        • Es geht nicht um eine Überwachung der Inhalte. Die Ursachen warum Telegram so anziehend auf Verschwörungsideologen und Extremisten ist, liegen in Funktionen, die Telegram bietet und andere Dienste nicht. Hier könnte man ansetzen, wenn man denn möchte. Ich rekapituliere in einem Kommentar nicht noch mal, was im Artikel bereits geschrieben steht.

        • E2E-verschlüsselt oder nicht ist doch ziemlich unerheblich, wenn es hier um Gruppen mit teilweise 200 000 Mitgliedern geht. Da kann ja jeder den es interessiert, einfach mal teilnehmen und sich informieren (z.B. Telegram selbst oder die Polizei).
          Ich bin sehr für absolute Vertraulichkeit von privaten Nachrichten, aber bei solchen Massenphänomenen, die auch noch verstärkende Funktionen bieten, sollte der Staat nicht tatenlos zusehen.

  2. Telegram ist aber wegen genau diesen Funktionen und den gut funktionierenden Stickersystem auch bei anderen Gruppierungen wie zum Beispiel den Furries (Wikipedia: Furry) oder den Bronies (My Little Pony Fans) sehr beliebt.
    Die in diesen Artikel vorgeschlagene Limitierungen von Funktionen, wie beispielsweise der unbegrenzten Gruppengröße, würde damit auch die Nutzer abseits von extremistischen Szenen treffen.

    Telegram ist also nicht ein auf extremistische Inhalte ausgerichteter Dienst, wie es der Artikel hier suggeriert.

    • Telegram wird wegen dieser Funktionen auch gerne bei Freunden von Kryptowährungen genutzt … sind wir nun auch alle Verbrecher? – OK, in den Augen der Zentralbanken sicher …

      Was für eine Existenzgrundlage eigentlich? Telegram ist kostenlos …

      Versuche ich mit der Brechstange irgendwas in irgendwas zu interpretieren, ist das übrigens auch nicht weit von einer Verschwörungstheorie entfernt.

      • Na schon mit formulierter Meinung in den Artikel rein gegangen und dann nicht mehr richtig gelesen?

        Eure genannten Gruppen benötigen sicherlich nicht alle als problematisch identifizierten Funktionen. Niemand fordert die Abschaltung oder Zensur von Telegram. Aber ein verantwortungsvoller Betreiber kann seine angebotenen Funktionen hinterfragen und überlegen, wem sie eigentlich dienlich sind und ob sich die Gesamtzielgruppe in die richtige Richtung bewegt. YouTube hat deshalb z. B. kürzlich den Dislike-Button abgeschaltet. Funktionen fallen nicht vom Himmel.

        Und ja:
        Wenn ein Betreiber oder Anbieter alles ignoriert und einfach weiter macht, muss er sich nicht wundern, wenn der Staat irgendwann regulierend eingreift. Es ist nämlich eine ziemliche Leistung die langsam mahlenden demokratischen Mühlen dazu zu bringen, wirklich irgendwas zu tun. Normalerweise sind agile Privatunternehmen schneller. Genau so bei Monopolbildung oder Missbrauch von Marktmacht, um mal andere Bereiche zu nennen, wo nicht immer sofort „Zensur“ gerufen wird. Das ist Grundlagenwissen Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts.

        • Eine Antwort gleich mit einer Unterstellung zu beginnen, macht es nicht besser. Aber der ganze Beitrag lebt ja von Unterstellungen, von daher ist es auch wieder in Ordnung.

  3. So ein Quark. Verbredet man’s nicht bei Telegram, verabredet man’s beim Spaziergang im Wald.
    Spaziergänge verbieten, weil sie zu viele Optionen bieten?
    Verbieten, kontrollieren und dann selbst für seine eigene Propaganda nutzen. So träumen sich das viele Staaten und Ideologen ohne zu merken, was sie da eigentlich tun. Im Dienste des Guten.

    • Du gehst mit mehreren Gruppen von zigtausenden Menschen im Wald spazieren und kannst denen Videos vorspielen, sowie Sprachnachrichten verbreiten die du gleichzeitig allen zeigen kannst? In denen aber nur du als Spaziergangsleiter und vor dir erwählte sprechen dürfen, während alle anderen nur Zustimmung durch Anwesenheit bzw. als Echokammer artikulieren können. Oder besser noch, in pseudofreien Gruppen alle gegenteiligten Meinungen von dir zensiert werden, wodurch für alle Teilnehmer das Gefühl einer logischen Einheitsmeinung entsteht. Während eures Spaziergangs bekommt ihr dann noch anderes Material reingespielt, das von anderen Spaziergängern kommt und gleich entsprechend vorinterpretiert und geteilt wird? Wow! Wo ist dieser Wald?

          • Weil jeder das so nutzen darf, wenn er will. Ist ja kein Zwang, solchen Channels zu folgen. Und auch kein eingebauter Überredungsmechanismus. Solche Forderungen unterstellen immer ein „die User sind zu dumm, um sich ihre Information selber rauszusuchen“. Ich habe auch einige Feeds auf Telegram abonniert und bin darüber glücklich dort die Information zu bekommen, die ich bekommen möchte. Andere Menschen holen sich Information, die ich bescheuert finde. Aber ich möchte es ihnen nicht verbieten.

            • Du machst meiner Meinung nach den Fehler deine Intelligenz bzw. die anderer Menschen zu hoch einzuschätzen, vor allem wenn es darum geht sich Funktionen zu entziehen, die auf manipulative Art und Weise die menschlichen Verhaltensweisen austricksen. Das passiert auf einer ganz anderen Ebene. Das kennen wir aus dem Alltag von der Gestaltung von Cookiebannern oder dem Empfehlungsalgorithmus von YouTube, aber es funktioniert halt auch bei sozialen Netzwerken/Messenger-Diensten wie Telegram. Das ist, wenn du es so bezeichnen willst, ein eingebauter „Überredungsmechanismus“.

                • Warum die Flucht in Plattitüden? Ich mach es noch mal kurz und griffig für dich:

                  Unterschwellige Manipulation unter Ausnutzungs wiss. ermittelter Verhaltensweisen funktioniert auch bei hochintelligenten Menschen.

                  Soziale Netzwerke, Werbung und auch Telegram bedienen sich solcher Muster, um die Leute im Netz zu halten. Was ist, wenn solche Methoden dabei helfen, Menschen in verschwörungsideologische Netzwerke gleiten zu lassen?

  4. Ich finde eine Plattform sollte so frei wie möglich sein und auch Zensur frei. Es sollte auch nicht die Aufgabe des Plattform Betreiber sein die Gesetzte und Rechte des jeweiligen Landes umzusetzen, was hier in diesem Land als Freiheit und Recht gilt, kann in einem anderen Land unter Strafe stehen.
    Man sollte auch die Geschichte von Telegram kennen und woher der Erfinder kommt und warum er nicht mit Staaten kooperiert. Sonst stünde längst Telegram dem russischen Geheimdienst unter und alle Daten würde dahin abfließen.
    Privat benutze wir das in der Familie und im Freundeskreis als WhatsApp, IRC und Matrix Ersatz und das über mehrere Länder verteilt.

  5. Ich habe den Eindruck, dass die selbe Funktionsweise Protestbewegungen gegen Diktaturen begünstigt, wie auch Protestbewegungen gegen phantasierte Diktaturen. Mein Eindruck: will man systematisch Verschwörungstheorien bekämpfen, bekämpft man automatisch Freiheitsbewegungen in totalitären Systemen mit.

  6. Dienste wie Telegram haben eine Reihe von Funktionalitäten. Unterschiedliche Gruppen von Menschen bevorzugen diese in unterschiedlicher Weise. Was Du nun vorschlägst ist, Funktionalitäten, die besonders von unerwünschten Gruppen bevorzugt werden, abzuschaffen. Damit trifft man aber auch andere Gruppen, wenn auch vielleicht nicht in gleichem Umfang.
    Das ist eine sehr moralische Herangehensweise. Weil etwas oft zu unerwünschten oder sogar strafbaren Handlungen benutzt wird, sollte es abgeschaft werden. Diese Argumentation gibt es u.a. auch bezgl. TOR, Kryptowährungen und Bargeld.
    Ich persönlich bevorzuge eine liberale Gesellschaft in der alle „Wekzeuge“ zugelassen werden, solange es eine legitime Verwendung dafür gibt. Verfolgt werden dort nur die Straftaten selber. Prävention erfolgt dabei nicht durch Verbote, sondern positive Anreize.

    • Du machst es dir zu leicht, wenn du dich auf den Standpunkt stellst, dass Funktionen quasi gottgegeben sind.

      Was ist mit manipulativen YouTube oder Facebook-Algorithmen, die dafür sorgen, dass du immer nur Inhalte passend zu deiner Meinung serviert bekommst, damit du möglichst lange auf der Plattform bleibt, mit dem Effekt, dass du dadurch z. B. in einen Strudel aus Verschwörungserzählungen gezogen werden kannst. Das Beispiel ist bewusst gemein, weil in der netzpolitischen Szene diese Algorithmen ziemlich unisono verurteilt werden. Sind das auch Werkzeuge mit denen eine Gesellschaft dann Leben muss? Wo ist der Unterschied zu den Funktionen von Telegram?

      Außerdem sage ich ja gar nicht, dass Telegram etwas machen muss. Ich sage, wenn sie nichts machen, wenn sie sich deutschen Gesetzen weiter entziehen (unabhängig davon wie ich jetzt persönlich das NetzDG bewerte) könnte der Staat irgendwann auf die Idee kommen und den Vorschlaghammer zücken und Telegram aus Deutschland verbannen. Verlieren dann nicht alle deutlich mehr?

      • Ich sagte nicht, dass Funktionen „gottgegeben sind. Ich schrieb von „zulassen bei legitimer Verwendung“. Manipulative Algorithmen mögen legal sein, wenn sie gezielt manipulativ sind, würde ich sie aber nicht als legitim bezeichnen.
        Die Funktionen von Telegramm müsste man sich im Einzelnen anschauen. Aber an einer ungebrenzten Gruppengröße, kann ich z.B. erst einmal nichts illegitimes finden, auch wenn das unter Umständen unerwünschte Gruppierungen fördern kann.
        Wenn unser Staat den Vorschlaghammer zückt und Telegram aus Deutschland verbannt, würde ich persönlich Telegram keine Träne nachweinen. Aber das würde sicher wieder einen Teil unserer freiheitlichen Gesellschaft zerstören.

  7. Unter deiner letzzen Frage an mich gibt es keinen Antwortbutton.

    Es geht darum, dass weder du noch andere Menschen darüber bestimmen sollten, was wahre oder was richtige Informationen sind, sondern jeder selbst. Du magst das für gefährlich halten, wenn jeder selbst entscheidet und vermeindlich manipuliert worden ist. Ich halte es für gefährlich, wenn wir die Leute von bestimmten ungewünschten Meinungen fernhalten und diese „Verschwörungsideologie“ nennen. In meinem Leben haben sich schon einige Verschwörungsideen, von denen ich auch dachte, dass sie welche sind, als wahr oder anteilig wahr heraus gestellt. Gut, dass manche Menschen da immer wieder drüber geredet haben und ausreichend Menschen erreicht haben.

    • Falls du mal an Fakten für deine Meinungen interessiert sein solltest, empfehle ich dir:
      – Butter, Michael: „Nichts ist wie es scheint“. Über Verschwörungstheorien, 1. Aufl., Berlin 2018.

      Wenn das dir zu wissenschaftlich ist:
      – Lamberty, Pia; Nocun, Katharina: Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen

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