Android ist keine Alternative, schon gar nicht mit integrierten Google-Diensten. Es bleibt daher nur das Ausweichen auf eine Custom ROM ohne Google-Dienste mit freier Software. Das Prozedere ist im Jahr 2020 nicht einfacher als im Jahr 2014 – eher ist sogar das Gegenteil der Fall. Das Grundproblem ist, dass die Custom ROM Community nie ihren Modder-Wurzeln entwachsen ist.

Rahmenbedingungen

Parallel zu meinem iPhone hatte ich seit Langem ein Android Gerät mit einer AOSP-ROM und F-Droid. Leider ist mein bisheriges Huawei Smartphone endgültig aus der Liste der unterstützten Geräte gefallen (was angesichts der beschränkten Hardware verständlich ist) und ließ sich nicht mehr sicher betreiben. Die Suche nach einer Alternative gestaltete sich etwas schwierig (siehe: In eigener Sache: Android Smartphone mit Custom ROM). Im Jahresrückblick hatte ich schon erwähnt, dass ich zwischen einem Google Pixel 5 und einem Samsung Galaxy S10 schwanke (siehe: Wasser predigen, Wein trinken? – Mein Nutzungsverhalten 2020). Dank eines sehr guten Gebraucht-Angebots für ein Galaxy S10 fiel die Wahl auf Letzteres.

Das Samsung Galaxy S10 hatte ich nach viel Recherche ausgesucht. Erstens passen die Rahmendaten, da die Hardware kaum größer als mein iPhone SE 2020 ist und das für mich die ideale Größe darstellt, zweitens sind die Spezifikationen immer noch ansehnlich. Zudem macht Samsung die Entsperrung des Bootloaders sehr leicht. Eine Schaltfläche in den Entwickleroptionen umlegen, einmal in den Download-Mode wechseln und das war es schon. Abgesehen von Google selbst machen kaum Anbieter es den Kunden hier so einfach. Zudem steht mit heimdall eine gute Lösung für den Flashvorgang unter Linux zur Verfügung. Zu guter Letzt hilft natürlich alles nichts, wenn die Community das Gerät nicht unterstützt. Hier lohnt sich immer ein Blick in die passenden Foren auf XDA Developers. Samsungs ehemalige Flaggschiffe werden meist sehr gut unterstützt, weil die in hohen Stückzahlen abgesetzt wurden und somit in der Community viele Abnehmer fanden.

Keine offiziellen Kanäle

Die Rahmenbedingungen sind also nahe am Optimum dessen was man an Hardware für eine Custom ROM haben kann. Leider ist die Community in den letzten Jahren immer mehr zerfasert. LineageOS ist so ein bisschen das Debian der Custom ROM Welt. Dutzende ROMs basieren darauf, aber das Kernprojekt bekommt kaum offizielle Releases für die einzelnen Geräte hin. Die Projektkommunikation ist kaum existent, die Ankündigungen veraltet und völlig intransparent, was gerade aktuelle Versionen für welche Geräte sind. Andere Projekte wie crDroid veröffentlichen zwar offizielle Releases aus Basis von LineageOS aber mit vollkommen veralteten Sicherheitsständen. Das hier als Beispiel dienende Samsung Galaxy S10 bekommt nur crDroid 6.10 mit Patch Level aus dem Sommer. Man muss deshalb in den Themen auf XDA Devlopers nach passenden ROMs aktuellen suchen.

Das ganze Vorgehen erinnert mich an Tauschbörsen der frühen 2000er Jahre und ist eigentlich unzumutbar. Man muss sich die Ironie des Vorgangs einfach mal vergegenwärtigen, dass man für mehr Sicherheit des Smartphones in einem Forum einen Link anklickt, der zu irgendeinem Filehoster führt, wo man ein Betriebssystem herunterlädt und auf das Smartphone flasht. Basis für die Wahl ist Renommee eines ROM Entwicklers mit irgendeinem Pseudonym.

Flashvorgang mit Tücken

Selbst wenn man also seine Custom ROM gefunden hat und gut unterstützte Hardware sein Eigen nennt, ist der Flashvorgang nicht trivial. Wie gesagt: Ich nutze seit 2014 Android Geräte mit Custom ROMs. HTC Desire, Nexus 4, zuletzt Huawei. Einfacher ist es nicht geworden, so viel ist klar. Am Anfang muss man ein, zwei ROMs durch testen, weil sich manches super lesende Projekt in echt ziemlich „hacky“ anfühlt. Leider kann man bei Samsung Geräten nicht einfach von einer höheren Version zurück zu einer niedrigeren Version. Irgendwelche Inkompatibilitätschecks machen einem da einen Strich durch die Rechnung.

Kurzum: Irgendwann war mein Gerät das, was die Szene „soft bricked“ nennt. Das bedeutet, das Gerät startet nicht mehr, ich komme allerdings noch in den Download-Mode und kann das noch irgendwie retten (anders als bei „hard bricked“). Eine virtuelle Maschine mit Windows musste her, eine Software namens Odin und eine aus mehr oder minder dubiosen Quellen bezogene Stock ROM. Damit konnte das Smartphone wieder auf den Ausgangslevel zurückgesetzt und anschließend erneut eine ROM geflasht werden.

Letztlich hat es geklappt und ich habe eine sehr gute ROM auf dem Gerät. Ich behaupte aber mal, dass 60% der Anwender, die sich per zutrauen würden, so etwas zu machen und 99% der Besitzer eines Smartphones irgendwo auf dem Weg ein nicht mehr benutzbares Gerät gehabt hätten. Denn ohne mich hier selbst rühmen zu wollen, aber ich habe über 6 Jahre Erfahrung mit Custom ROMs. Recovery, Baseband, Radio, Bootloader, Custom ROM, Stock ROM – alles bekannte Begriffe und die gängigen Problemlösungen. Nach bald 15 Jahren mit Linux hat man zudem keine Scheu vor der Kommandozeile.

Schlussfolgerung

Das Kernproblem sind meiner Meinung nach nicht die Hardwarehersteller. Samsung lässt einen immerhin den Bootloader öffnen und man kann sich zur Rettung auch irgendwie die offizielle ROM besorgen. Das Problem ist meiner Meinung nach wirklich die Community. Linux ist auch nicht immer trivial (gewesen) und es gibt Hürden bei der Installation. Um Linux hat sich aber eine professionelle Community mit professionell geführten Projekten, tollen Wikis und viel Expertise versammelt. Niemand stellt eine Linux-Distribution mit Downloadlink in einem Forum vor und supportet dann im Thema.

Die Custom ROM Szene ist einfach nie ihren Modder-Wurzeln entwachsen. Vielversprechende Projekte wie CyanogenOS haben sich verspekuliert und andere wie LineageOS siechen eher vor sich hin.

Custom ROMs sind daher meiner Meinung nach (um ein schlimmes Wort aus der Politik zu verwenden) nicht mehr als eine Brückentechnologie. Man kann damit irgendwie arbeiten, wenn man partout kein iPhone haben möchte, aber die wirkliche Lösung kann nur in offen unterstützter Hardware und wirklich freien Systemen liegen.

Gerrit
Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

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