Die letzten 4 Jahre habe ich Linux mehr oder minder von der Seitenlinie betrachtet. Es gab viele Releases, viele Blogposts, vermutlich sind 20 Distributionen dazu gekommen, aber wirklich viel passiert ist eigentlich nicht. Jedenfalls nicht in den von mir genutzten Bereichen.

Wie man hier im Blog lesen konnte, hatte ich Linux natürlich noch im Einsatz. Virtuelle Maschine sind aber eine relativ isolierte Arbeitsumgebung und ansonsten lief das System vor allem auf betreuten Geräten. Da setze ich meist auf LTS Distributionen (siehe: Linux – Eine sichere Basis). Bei solchen Distributionen erwartet man Stabilität und keine Quantensprünge, dementsprechend fand ich die zögerliche Entwicklung vollkommen normal. Bei der Abwehrhaltung einiger Nutzer kam es mir sogar ganz recht, keine Veränderungen sind da gewünscht, Updates ungern gesehene Gäste. Mit meinem neuen Notebook bin ich jetzt aber mit Tumbleweed quasi wieder direkt nach vorne in die Entwicklungskette gegangen (siehe: Erfahrungen mit dem ASUS ZenBook 14 UM425IA). Ich fühle mich ein wenig so, als ob die Zeit stehen geblieben wäre.

Wie schon im Artikel zum Asus Notebook geschrieben, ist die Hardware-Unterstützung der einzige Punkt an dem ich vorbehaltlos einen Fortschritt konstatiere. Kein Vergleich zu 2007 oder auch 2015, wo eine Neuanschaffung ohne vorherige intensive Prüfung unangenehme Überraschungen bringen konnte. Heute kann man sich den Luxus leisten und sagen, dass man NVIDIA wegen der proprietären Treiber nicht mag – vor 13 Jahren war man froh, wenn es überhaupt Treiber gab.

Das Thema Grafik führt leider zur ersten großen Baustelle: Wayland. Ich war zwar darauf vorbereitet, hier kein perfektes System vorzufinden (siehe: Der Linux Desktop am Tropf einer einzigen Firma) aber schon ein wenig schockiert, wie schlimm es um die Benutzbarkeit bestellt ist. Zumindest was KDE Plasma betrifft. Eigentlich wollte ich ja von KDE weg (siehe: Tschüß KDE), nur leider basiert elementary OS immer noch auf 18.04 und das klappt mit meiner Hardware nicht. Die Entwickler von eOS haben übrigens Wayland schon mal offiziell auf „ferne Zukunft“ verschoben. Vielleicht kommt das dann zusammen mit Xfce  – oder Microsofts eigener Linux-Distribution, die sie alle in den Sack steckt. Zurück zu KDE: Die Wayland-Unterstützung ist auch bei ganz aktuellen Versionen bestenfalls im Alpha-Stadium. Mausklicks werden oft nicht erkannt, Programme wie KMail stürzen zuverlässig ab, die Zwischenablage ist ein Glücksspiel. Ausgehend von der bisherigen Entwicklung wird das noch Jahre dauern, bis das stabil läuft.

Im Gegensatz zu Kube ist das aber schon ein Fortschritt. Kontact und Akonadi ist eine katastrophale Fehlentwicklung gewesen. Das hatten auch einige bei KDE erkannt und deshalb wurde 2016 Kube ins Leben gerufen. Man wollte aus den Fehlern lernen und KDE mit einer zeitgemäßen Groupware-Lösung versorgen. Einige KDEPIM-Entwickler entschieden sich aber erst einmal an der Kontact/Akonadi-Konstruktion weiter zu arbeiten. Was ein Glück, denn ohne sie hätte KDE gar nichts. Kube ist der BER des KDE-Projekts, leider nur ohne finale Einweihungsparty. Nach Jahren der Entwicklung hat man einen rudimentären E-Mail Client, einen Kalender und kriegt so einmal pro Jahr eine kleine Veröffentlichung hin. Prognose: Da kommt nichts mehr.

Eine mit viel weniger Tamtam angekündigte Entwicklung ist aber inzwischen einfach nur toll: KDEconnect. Idee, Stabilität und Funktionsumfang mit der man sein Android in den KDE Desktop integriert, ist schlicht toll. Das ist sogar noch mal besser als die Integration des iPhones in den macOS-Workflow. Hat sich GNOME natürlich prompt geschnappt und ebenfalls umgesetzt.

KDE macht ansonsten sehr den Eindruck, im Wartungsmodus zu sein. Bei Plasma hat man die Benutzerführung verschlimmbessert und augenscheinlich viel in die Stabilität gesteckt. Insbesondere das UX-Design ist nun aber vor allem anders, jedoch kaum besser als vor 4 Jahren. Selbst nach einer Woche finde ich die Art Kontrollleisten zu modifizieren und Plasmoide zu platzieren, nicht sonderlich selbsterklärend. Fenster öffnen sich zudem immer noch an den unmöglichsten Orten und immer in der falschen Größe. Nahezu jedes Dialogfenster muss erst einmal in der Größe angepasst werden, bevor man den Inhalt (be)greifen kann. Allerdings immer noch besser als bei KeePassXC, wo die Einstellungen immer noch inline im Programm aufgerufen werden. Die Entwickler scheinen ihre Benutzer wirklich zu hassen!

Das trifft auch auf viele Programme im Umfeld zu. Konversation, Dolphin, Akregator – es ist, als ob man eine Zeitkapsel findet. Die Programme funktionieren, aber sie haben kaum Weiterentwicklung erfahren. Wenigstens findet man sich dadurch schnell zurecht.

Was man bei solchen Dinosauriern wie KMyMoney nicht sagen kann. Das Programm begreift man nur nach Handbuchlektüre oder wenn man es – wie ich – schon immer benutzt hat und deshalb das komplexe Gegeneinanderspiel Zusammenspiel von aqbanking und KMyMoney begreift. Ich hatte mit der Idee geliebäugelt Moneyplex zu kaufen aber das Design schreckt schon ab und außerdem funktioniert KMyMoney – wenn man es erst mal zum laufen gebracht hat.

Aber hey, wenigstens gibt es einen neuen Mediaplayer. Heißt jetzt Elisa. Da könnte man bei KDE jetzt seit der katastrophalen Neuentwicklung von Amarok beim Wechsel auf KDE4 einen ganzen Stammbaum zeichnen. Juk, Cantata, Clementine, Strawberry – hab ich was vergessen? Elisa ist hübsch – stürzt nur leider ab wenn man zu viel scrollt. Naja dann höre ich halt nur die Alben in der ersten Zeile.

LibreOffice stürzt wenigstens nicht ab. Es ist aber beeindruckend, wie schwerfällig diese Suite auf brandneuer und relativ potenter Hardware läuft. Und das wo es doch bei jedem Release heißt man hätte jetzt endlich die Codebasis erneuert. Vielleicht sollte man in einen Mac Pro mit 28 Kernen investieren, um das flüssig auszuführen? Aber wenigstens gibt es nun eine semi-native Qt5-Oberfläche und mit drei konkurrierenden Benutzungskonzepten macht man doch irgendwie jeden unglücklich. Macht aber nichts, wusste ich vorher und 99,95 € in eine Softmaker Office 2021 Professional Lizenz sind gut investiertes Geld.

Wo wir schon beim Geld sind. Ich finde es unglaublich faszinierend wie schlecht das Angebot guter Scanner-Software mit OCR-Texterkennung ist. Und zwar weil Open Source mit z. B. Tesseract hier eine wirklich tolle Lösung hat, die in proprietärer Software super Ergebnisse liefert. Bei Linux bleibt da nur gscan2pdf und die Ergebnisse sind wirklich mau. Zum Glück kann man hier Vuescan nehmen

Alles in allem bin ich aber ganz zufrieden. Nach nicht einmal 2000 Jahren der Pflege, äh einer Woche der Einrichtung ist meine Linux-Arbeitsumgebung wieder voll funktionsfähig.


Bilder:

Einleitungs- und Beitragsbild von ar130405 via Pixabay 

Gerrit
Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

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