Symbolbild "Smart Home"

Open Source bot mal ein komplett freies alternatives Ökosystem. Dieses Versprechen kann die Gemeinschaft immer weniger bedienen. Kern des immer größer werdenden Problems sind: Mobile, Smart Home und intelligente Assistenzsysteme.

In vielen Artikeln bemängle ich beiläufig die Defizite im Open Source Ökosystem. Gemeint mit „Open Source“ sind in diesem Kontext die Entwickler- und Anwendercommunity, sowie die wenigen Firmen rund um freie Software und die von ihnen (maßgeblich) geschaffenen Produkte. Es geht nicht um freie Kerne wie bei Android oder IoT, eingebettet in ein proprietäres undurchdringbarens Dickicht, denn dann wäre macOS auch Open Source.

Grundsätzlich darf an natürlich fragen warum Defizite in manchen Bereichen überhaupt ein Problem sein sollen. Open Source und proprietäre Produkte harmonieren schließlich leidlich miteinander. Meiner Erfahrung nach verfolgen viele eingefleischte Open Source Nutzer allerdings einen ganzheitlichen Ansatz und möchten proprietäre Produkte so weit wie möglich aus ihrem Umfeld verbannen. Wenn in immer mehr Lebensbereichen nur die Wahl zwischen Verzicht und proprietären Produkten besteht könnte man dazu übergehen gleich auch die letzten Open Source Refugien zu eliminieren.

Defizite und Perspektiven

Smartphones

Android war wie schleichendes Gift! Als Apple 2007 mit dem iPhone die Handy-Welt umkrempelte das Smartphone aus der Business-Ecke holte gab es durchaus verschiedene vielversprechende Ansätze. Die ganze Welt startete quasi bei Null. Alte Ansätze wie Symbian oder Black Berry OS entwerteten sich binnen weniger Monate. Der Markt war offen für neue Player und davon gab es einige. Man erinnere an MeeGo oder PalmOS. Diese scheiterten natürlich nicht allesamt an Android sondern hatten viele weitere Begrenzungen Probleme und Fehlentscheidungen.

Linux am Desktop zeigt jedoch wie genügsam die Community sein kann. Man benötigt nicht jede App, man braucht keine 50% Marktanteil. Die Basis war da, nur sammelten sich die interessierten Open Source Entwickler im Android-Ökosystem. Da war ja irgendwie Open Source und irgendwie Linux. Dort arbeiten sie nun um die Android Restriktionen herum und versuchen krampfhaft den zunehmend proprietären Kurs von Google zu kompensieren. Von einer transparenten und offenen Mitwirkung am Entwicklungsprozess mal ganz zu schweigen. Es erinnert an OpenOffice.org und Oracle. Nur ist die Android-Community zu zerfasert und unorganisiert um den Sprung zu wagen, den damals die Office-Entwickler machten. Der Versuch von Cyanogen scheiterte kläglich, nachdem man sich einem anderen IT-Großkonzern an den Hals geschmissen hatten.

Den Mobile-Zug hat man vollständig verpasst. Ubuntu Touch und Meego sind kaum mehr als Experimentalstudien und kommen trotz des leidenschaftlichen Einsatzes der wenigen Entwickler kaum vom Fleck. Purisms Librem ist vor allem ein Beispiel für ausgezeichnete PR-Arbeit und wie verzweifelt die Community inzwischen ist.

Tablets

Tablets waren mal große Smartphones und mit diesem Konzept wurden viele Millionen Geräte verkauft. Die Absatzzahlen gehen nun aber schon länger zurück und die Firmen reagieren mit einer zunehmenden Professionalisierung der Geräte. Ein Microsoft Surface oder das iPad Pro richten sich nicht an den Sofa-Surfer. Die zugedachten Tätigkeiten werden auch immer weiter ins Produktivitätsumfeld geschoben und mit alternativen Eingabemethoden wie dem Pencil versehen.

Das ist erst einmal für Open Source eine Chance. Auf einer Surface Hardware läuft prinzipiell auch Linux. Während manche Desktops wie die GNOME Shell das Spagat zwischen Tastatur und Maus, sowie einer Finger- und Gestenbedienung ganz passabel meistern, gilt dies für viel Software im Produktivbereich – man denke nur an LibreOffice – überhaupt nicht.

Ganz abgefahren ist der Zug hier aber noch nicht. Das ist schon mal ein Unterschied zu Smartphones.

Smarte Assistenten

Smart Assistenten sind das Megathema der Gegenwart. Amazon, Apple, Google – alle spielen sie mit. Sonderlich smart sind diese Lösungen eigentlich immer noch nicht. Selbst die Produkte der Marktführer sind – um im Begriffsschema zu bleiben – ziemlich „dumm“. Die Tendenz ist aber eindeutig. Waren sie ursprünglich nur in Smartphones und Autos, finden sie sich nun in Lautsprechern und weiteren Produkten. Sie sind Teil der Zukunft.

Am Beispiel der smarten Assistenten zeigt sich ein Problem in der Open Source Entwicklung. Geldmangel und Organisationsmangel. Einen smarten Assistent entwickelt kein Entwickler nebenbei in seiner Freizeit, hier reicht auch keine kleine Entwicklergruppe. Solche Organisationsformen sind aber Nukleus fast alles Open Source Projekte – bis hin zum Linux Kernel. Diese Lücke füllte zumindest ansatzweise eines der wenigen echten Open Source Unternehmen – Mozilla – mit Common Voice und Deep Speech. Zwei Projekte in den Kinderschuhen aber mit Perspektive. Jedenfalls hatten sie diese bis Mozilla aus Geldnot vor kurzem den Stecker zog. Unklar sind die Auswirkungen auf die einzige wirkliche freie AI Mycroft.

Zukunftsträchtige Unterfangen hängen oft von einigen Firmen ab, wenn diese sich zurückziehwen war es das. Das ist auf dem Desktop mit Red Hat so, am Browser mit Mozilla und eben auch bei exotischeren Projekten wie Spracherkennung. Ironie: Auch hier hängt es letztlich an Google. Nun sagt man immer, dass kein Parasit den Wirt zerfrisst von dem er lebt – aber auch das bleibt abzuwarten.

Smart Home

Smarte Assistenten und ein smartes Zuhause sind zwei Seiten der gleichen Medaille bzw. greifen oft ineinander. Genau wie bei den Assistenten spielt nahezu jede infrage kommende Firma mit. Neben Startups sind das auch etablierte Marken wie – das zwischenzeitlich ausgegliederte – Philips Hue oder gar IKEA. Als Schaltzentralen etablieren sich zunehmend Sachen wie Apples HomeKit oder Googles Home-Lösung. Die proprietären Anbieter versuchen mit zweifelhaften Maßnahmen ihre Standards für allgemeingültig zu erklären.

Open Source hat hier openHAB zu bieten. Das viel mehr als nichts, aber wie so oft ist die Einarbeitungszeit immens. Die Berichte zeigen die Möglichkeiten, aber auch den Arbeitsaufwand. Die damit gesteuerten Endgeräte sind allerdings nahezu immer proprietär. Trotzdem ist hier noch ein wenig Potenzial für die zukünftige Entwicklung enthalten.

Vernetzte Geräte

Vernetzte Geräte sind irgendwie Teil des Smart Home, aber ich möchte sie hier dennoch separat ansprechen. Ein verbreitetes Beispiel sind kabellose Multiroom-Lautsprecher. Bekannte Marken sind hier SONOS, BOSE und Teufel. Was eint sie alle? Es sind letztlich proprietäre Systeme und man ist für den langfristigen Betrieb auf den guten Willen der Hersteller angewiesen. Wenn man auf diese Systeme verzichten möchte bleiben einem ggf. noch die integrierten Protokolle von Apple– allerdings ist auch dieses nicht offen.

Bei Open Source sind hier leider nur Leerstellen. Miracast ist weitestgehend Theorie geblieben. Multiroom bedeutet bei Open Source immer noch ein zentrales raspberry oder einen Server und dann Kabel ziehen.

Viele weitere Leerstellen

Die Liste lässt sich beliebig fortführen, weil immer mehr Bereiche unsere Lebens digitalisiert werden. Offene und transparente Steuersysteme für Autos und andere Mobilitätssysteme? Smart-TVs und Smartwatches? Die ganzen aufkommenden Dienste wie das Mobile Payment? Streaming? Alles nicht mal angedacht, von Dienstleistern ohne DRM und freien Protokollen nichts in Sicht

Fazit

Abseits des eigentlichen Desktops und Notebooks spielt Open Source höchstens die Rolle eines Zulieferers. Man darf halt den Firmen den Kernel oder ein paar Protokolle liefern, aber freie Systeme gibt es nicht. Ausgehend von einem fiktiven Startdatum 2007 – also kurz bevor Smartphones das Licht der Welt erblickten, aber Linux schon quasi massentauglich war – ist das ein erheblicher Rückschritt aus Anwendersicht.

Dafür gibt es viele Gründe und man sollte sich hüten Schuldige zu benennen. Entwickler arbeiten woran sie Spaß haben und die zunehmende Komplexität des digitalen Umfelds als Herausforderung für die Open Source Entwicklungsstrukturen haben schon vor Jahren Entwickler erkannt.

Nur sollte man meiner Meinung nach die vielschichtigen Defizite und wenigen Perspektiven im Blick behalten, wenn mal wieder irgendeine Initiative Open Source auf irgendwelchen Staats-Desktops fordert oder Schulen mit Linux versorgen möchte. Angesichts der Gesamtentwicklung erscheint mir das gelegentlich als Zombiedebatte.


Bilder:
Einleitungsbild und Beitragsbild von von Pixaline via pixabay

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

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