Kommentar: Konvergenz als Entwicklerfetisch

Die Veröffentlichung von Windows 8 markierte einen Meilenstein in der Entwicklung von Betriebssystemen, obwohl es zweifelsohne einen kommerziellen Misserfolg für Microsoft darstellte. Als Reaktion auf den boomenden Tablet- und Smartphonemarkt bei gleichzeitig rückläufigen Desktop- und Notebookabsatzzahlen sollten Systeme ab sofort konvergent nutzbar sein und einheitliche Oberflächen vom Smartphone bzw. Tablet bis zum Desktopcomputer bieten.

Seitdem sind zahllose Entwicklungen gescheitert, der Tabletabsatz massiv rückläufig und trotzdem hält sich der Entwicklungsansatz hartnäckig.

Konvergenz als Ansatz hört sich erst einmal sinnvoll an. Eine Programmoberfläche soll so flexibel skalierbar sein, dass sie vom kleinen Smartphone bis zum HiDPI-Desktopmonitor funktioniert. Anstelle unterschiedliche Programme und ggf. sogar unterschiedliche Betriebssysteme einzusetzen soll der Anwender das gleiche Programm nutzen können. Weitergeführt sollten die Systeme automatisch vom Tablet- in den Desktopmodus wechseln können oder - angesichts wachsender Potenz mobiler Hardware - Smartphones per Dockingstation in Desktopsyteme verwandelt werden. Ubuntu Edge übte hier ungemeine Faszination aus, scheiterte dann aber auch fulminant.

Nicht nur Microsoft setzte mit Windows 8 radikal auf diese Entwicklung. Auch im Linux-Umfeld gewann dieser Ansatz Freunde - Unity 8 sollte der erste konvergente Linux-Desktop werden. Doch nicht nur Firmen, auch Communitys entwickelten sich in diese Richtung. KDE bastelt bis heute an Kirigami für (mobile) Oberflächen und Kritiker haben immer der GNOME Shell eine Touchfixierung vorgeworfen (was sich möglicherweise nicht halten lässt, da GNOME 3 gleichzeitig ziemlich tastaturfixiert ist). Produktive Weiterentwicklungen des herkömmlichen Desktops wurden für diesen Ansatz reihenweise zurückgestellt. Knappe Ressourcen kann man nicht in beliebig viele Projekte stecken, Canonical war dafür die letzten Jahre ein gutes Beispiel.

Die Hardwarehersteller sprangen zeitweise ebenfalls auf den Zug auf. Insbesondere im Zeitraum der Windows 8 Veröffentlichung bekamen viele Laptops Touchscreens verpasst und konvergente Geräte wurden in dem Markt gepresst.

Lediglich Apple verweigerte sich dieser Entwicklung. In macOS finden sich zwar inzwischen einige Anleihen aus iOS, aber es blieben grundsätzlich zwei unterschiedliche Systeme, die insbesondere zwei vollkommen unterschiedliche Oberflächen hatten.

Dem geneigten Leser dürfte bei der obigen Aufzählung aufgefallen sein, dass es sich reihenweise im Totgeburten handelt. Windows 8 war ein Flop, Unity 8 erblickte nie das Sonnenlicht, GNOME 3 hat eine ungeahnte Aufsplitterung des Linux-Desktops bewirkt und KDE hat bis heute kein funktionsfähiges mobiles System hervorgebracht. Notebooks haben heute mehrheitlich keinen Touchscreen mehr, obwohl konvergente Geräte sich eine kleine Nische erkämpft haben. Der Absatz im Tabletmarkt ist weiter rückläufig und wird von den mobilen (Smartphone-)Systemen Android und iOS dominiert.

Während Microsoft mit Windows 10 zurückruderte und ein System veröffentlichte, das zwar in Sachen Datenschutz bedenklich ist und mit App Store und rollendem Entwicklungsmodell Windows revolutionierte, sich aber ansonsten eher an einem klassischen Desktopsystem mit optionalem Tabletmodus orientierte, basteln die Linuxentwickler in Projekten wie KDE weiter an ihren konvergenten Träumen.

Dabei beweisen gerade die Vorzeigeprojekte, dass dieses Modell einfach (noch) nicht funktioniert. Der auf Kirigami portierte App Store von KDE "Discover" ist aus Anwendersicht eine Bedienungskatastrophe. Menüs sollen per Wischgeste einfahren, lassen sich mit Tastatur und Maus aber nicht optimal bedienen. Schaltflächen und Optionsmenüs sind kastriert und auf "mobile" getrimmt. Konvergenz bedeutet hier vor allem, dass Desktopnutzer das Nachsehen haben.

Open Source Entwicklercommunity sind oft noch schwerfälliger als internationale Großkonzerne. Haben diese Gemeinschaften sich in mühsamen Abstimmungsprozessen auf den Weg gemacht, führt kein Weg mehr zurück. Niemand zieht mehr die Notbremse bevor das Ding nicht endgültig in eine Sackgasse manövriert wurde.

Das Ende der Konvergenzansätze bei Canonical und Microsoft sollten ein Weckruf sein. Lasst die mobilen Experimente sein und widmet euch der Weiterentwicklung des Desktops. Ansonsten könnte die Ankündigung der Desktop sei tot, sich zu einer selbst erfüllenden Prophezeiung entwickeln - jedenfalls für die Projekte, die sich seit Jahren in Richtung konvergenz bewegen.

Kommentare

Lyra

Wieso machst du ein zurückrudern von MS an Windows 10 fest? UWP Apps von Windows 10 können nicht auf Windows 8 ausgeführt werden, wurden aber nicht eingestampft. Das Konzept gibt es auch mit Windows 10 noch genau so wie mobile Windows 10 Geräte. Außerdem wurde von MS Seite her immer mehr Anwendungen als UWP Anwendungen umgeschrieben zum Beispiel gibt es nun ein Programm und eine App für den Remotedesktopzugriff.

Zu dem sind die Grundlagen bei der Programmierung durchaus auch für Desktopanwendung sinnvoll. Die UI soll sich an den Platz anpassen den sie hat. Es ist egal ob es ein Laptop mit GPS oder ein Handy ist, deine Anwendung soll so modular sein, dass es nur interessiert welche Funktionalitäten dir zu Verfügung stehen und nicht ob das ein Handy, Laptop, Tablett, Auto,... ist.

Bis der Ansatz wirklich vollständig stribt wird es zumindest noch sehr lange dauern. Die Vorteile, wenn es ideal läuft (keine Umgewöhnung der User, Einsparungen bei der Entwicklung weil nur noch 1x entwickelt werden muss, usw. ) sind denke ich so groß, dass es immer wieder versucht werden wird, auch wenn es extrem schwierig gute Anwendungen zu schreiben die "überall" laufen.

Cruiz

Die Theorie ist mir durchaus klar und ich finde das theoretisch nicht mal eine schlechte Idee. Ich habe nur bisher noch eine konvergente Oberfläche gesehen, die wirklich gut funktioniert. Vollkommen unabhängig vom Betriebssystem.

Microsoft hält zwar theoretisch noch an dem Ansatz fest - da hast du recht - aber aufgrund sinkender Tabletverkäufe und einem minimalen Marktanteil im Smartphonebereich ist Windows wieder quasi ein Desktop-only Betriebssystem. Das schlägt sich auch in der Entwicklung wieder. Siehe Win32-Programme im App Store etc.

Ingolf Schäfer

Microsoft produziert tatsächlich auch solche konvergenten Geräte selbst und die verkaufen sich gegen den Markt gut: Surface Book, Surface Pro usw. Ich sehe die an der Uni ziemlich viel, aber klar es haben momentan mehr Leute da ein Apple Gerät. Aber die Tablet Verkäufe von Apple sind im freien Fall...

Cruiz

Meines Wissens nach (eine Recherche ergab eben nichts gegenteiliges) hat Microsoft immer noch keine Verkaufszahlen für die Surface-Reihe bekannt gegeben. Lediglich prozentuale Steigerungen sind bekannt (und das heißt ja erstmal nichts).

Im Alltag begegne ich auch immer mal wieder Leuten mit einem Surface, aber das ist nichts was über die oben erwähnte Nische hinaus geht.

Lyra

Ich bin als Crossplatform-Mobile-Entwicklerin ein wenig geschädigt was das Thema angeht. Allerdings ist gerade im Firmenumfeld Windows gerade wegen der Konvergenz nicht zu unterschätzen. Nur für Windows Phone würde kaum jemand entwickeln. UWP-Apps laufen aber auf jedem Windows 10 System.
Die Zahlen unserer App sind nicht vergleichbar mit dem kompletten Markt, da es nur um Firmenkunden geht und die "klassische" Desktop-Anwendung seit über 18 Jahren nur für Windows existiert. Allerdings stehen die Windowsstore zahlen, den Android und iOS Zahlen nichts nach, sind eher je nach Interpretation sogar vorne (Jeder Appstore gibt andere Daten an, darum ist es nicht so leicht diese zu vergleichen) und das würde ich nun wirklich nicht auf die Windows Phones schieben, dazu hätte ich selbst unsere Test-Lumias schon viel zu oft am liebsten gegen die Wand geschmissen. ^^

Was die Hardware angeht, es gibt die Surfaces, es gibt aber auch immer wieder neue Geräte die gerade damit werben. Da wir bei Windows waren, ist da zum Beispiel das "HP Elite x3" zu nennen.

Sprich Mainstream: Definitiv nicht. Tot aber meiner Meinung nach auch eher nicht.

Cruiz

Ich habe nicht "tot" gesagt, sondern Nische. ;-) Spezielle Business-Anwendungsfälle fallen für mich darunter.

Wenn Firmen wie Microsoft oder andere Firmen (wie dein Arbeitgeber) dafür entwickeln und Profit machen - umso besser.

Im Open Source Bereich - sprich beim Linux-Desktop - muss man sich aber mal fragen wo die Anwendungsfälle sind und wer das wirklich einsetzt. Hier kommt immer das Argument, dass jeder Entwickler freiwillig arbeitet und machen kann was er will. Prinzipiell richtig, aber bei KDE sieht man das ehemalige Plasma-Entwickler verstärkt an den Themen "mobile" und "konvergenz" arbeiten. Bei Unity war das auch so. Seitdem Canonical an Unity 8 schraubte, vegetierte Unity 7 vor sich hin.

Hier kommt es also zu einer Verschiebung zulasten des Desktops und damit der Desktopanwender. Also jenes Bereiches wo der Löwenanteil der Linux-Nutzer zu Hause ist. (Wenn wir jetzt mal die riesige Serversparte außen vor lassen, weil das echt nicht zum Thema gehört).

Lyra

Es kommt darauf an, was für dich ein Linux-Benutzer ist. Android ist im Kern auch ein Linux-System, welches gar nicht mal so wenig User hat. Da kann man einige Argumente drüber austauschen warum oder auch warum nicht ;)

Auf der anderen Seite: Bedeutet es wirklich einen schaden für den Desktop-User? Wenn ich einen Laptop habe, welcher übers mobile Netz online gehen kann, schadet es mir, dass eine Anwendung getaktete Verbindungen berücksichtigt? Oder bringt es mir einen Nachteil, wenn meine Anwendungen responsiver sind und ich die Fenster kleiner machen kann und/oder ich kleinere Monitore genau so gut verwenden kann wie 4k Monitore? Habe ich einen Nachteil wenn ich einen alten PC habe und sich die Entwickler jetzt wegen Handys doch wieder mehr Gedanken um Speicherverbrauch und Performance machen?
Für meinen 3 Monate alten Tower, den ich zum Zocken habe, ist das definitiv egal, aber ich würde nicht sagen, dass so was generell nur zu lasten des Desktops geht.

Aus Entwicklersicht: Das Feld ist ziemlich schwer. Neben ziemlich vielen Fehlern die man dabei machen kann, kann man sehr viel lernen. Was neben den Aspekt was nützliches/"gutes" zu tun, zumindest für mich schon eine große Motivation ist, auch in meiner Freizeit zu programmieren.

chris_blues

Naja, Anwendungen usw auf alle Bildschirmgrößen zu bringen macht oftmals nur bedingt Sinn. Das sieht man auch an Webseiten. Mit nem Tablet surfen mag ja noch gehen, aber auf nem Telefon wird einem ja übel! Geht überhaupt nicht. Jedes Mal wenn ichs wieder versuche fluche ich nur noch.
Und bei Anwendungen wirds sogar noch schlimmer. Wenn man arbeiten will, dann will man ganz sicher nicht ständig das Bild hin und her schieben.
Ich jedenfalls glaube da nicht dran. Man stelle sich mal Gimp auf nem Telefon vor. Oder einen Texteditor. :-x

Lyra

Ich denke, es kommt drauf an was man wieso an einem Tablett/Handy machen will/muss. Bin ich Zuhause käme ich nie auf die Idee mir Videos oder Spiele auf meinem Handy anzutun. Wenn ich unterwegs bin, finde ich es aber ziemlich praktisch, dass es geht und freue mich, wenn zB. die Seite des fremden Verkehrsverbundes auch für mobil angepasst ist.

Anderes Beispiel: Beim Essen gehen sehe ich auch immer mehr Bedienungen, die die Bestellung an Handys oder Tabletts aufnehmen. Natürlich könnte ich mit einer Tastatur und ggf über Shortcuts die Bestellung schneller aufnehmen, die immer zum Tisch zu tragen ist aber eher nicht möglich. Habe ich jetzt eine konvergente Anwendung, dann kann ich die gleiche Anwendung auch an der Bar oder bei der Kasse nutzten, wo ein größerer Monitor kein Problem ist, ohne das die Bedienung eine andere Schulung braucht.

Sprich: Für alle Anwendungen wird es nie Sinn ergeben, komplett sinnlos ist es deswegen aber auch nicht ;)

abbc

Das der Tablet Markt schwächelt könnte auch daran liegen, das hier nicht so oft ein Gerät gekauft werden muss. Den ewigen Wachstum gibt es nicht und Tablet sowie Smartphone Markt ist schlichtweg übersättigt.

Was Konvergenz anbelangt, ist das Feld viel schwieriger als es den Anschein hat. Heute geht man eher dazu über das die Anwendung einfach funktionieren muss, aber nicht überall gleich aussehen. Anders schafft man es wohl nicht.

abbc

Kann sein. Smartphones empfinde ich auch praktischer als Tablett. Nur noch meine Frau benutzt ein Tablett, das ich mir mal gekauft hatte. Ich habe bis vor kurzem auch mit einem iPad geliebäugelt. Ich denke aber das ich mir lieber ein iPhone n Plus holen werden. Diese Dinger sind groß genug um als Tablet durchzugehen :)

Fridolin

Ob konvergente Geräte nur eine zeitweise Erscheinung waren oder eine wachsende/stagnierende/schrumpfende hochpreisige Nische belegen, dafür müsste man nochmal Statistiken betrachten.
Zitat:
Notebooks haben heute mehrheitlich keinen Touchscreen mehr
Notebooks hatten niemals mehrheitlich Touchscreens, was natürlich die Aussage korrekt macht, aber nicht die Argumentation. Sicher ist, dass die Vielfalt der Formfaktoren verschwunden ist, und fast durchweg das 360°-Umklappen übernommen wurde (sogar nun auch im Billigsegment, z.B. Medion).

Zitat:
Produktive Weiterentwicklungen des herkömmlichen Desktops wurden für diesen Ansatz reihenweise zurückgestellt.
Möglicherweise lässt sich das auf schon vorhandene Spaltungen im freie Softwareökosystem zurückführen. Produktivität schließt moderne Hardware, Eingabemethoden und Nutzungsgewohnheiten (unterwegs) nicht aus, wird sogar dadurch erhöht (Touch ist komfortabler z.B. zum präzisen Zeichnen oder wenn keine Maus oder Mausablagefläche vorhanden). Für mobile/konvergente Pläne wurden die klassischen Toolkits (Gtk+, Qt) als so ungeeignet beurteilt, dass eine Fragmentierung neuer Lösungen entstanden ist (Ubuntu UI Toolkit, (Gtk+3), Kirigami), die mit jedem Projekttot niemandem mehr nutzen. Dazu mussten auch jeweils eigene App-Ökosysteme her, da solche Apps jeweils in der anderen Umgebung fremd aussehen.
Sinnvoller wäre, wenn alle an einem Strang ziehen, frühzeitig bestehende Toolkits und Programme zu modernisieren, und Modernisierungsversuche nicht zu torpedieren. Freie Software hat nicht die Ressourcen, dauernd von Null anzufangen und dann zu scheitern.

Man darf auch den Desktop nicht alleine betrachten. Dass der Desktopmarkt zurückgeht, wird nicht dazu führen, dass es Microsoft in ein paar Jahren nicht mehr gibt. Große Unternehmen können durch ihre Bekanntheit ein enormes Moment erzeugen, und es sich leisten von Null anfangen (siehe Android) und 2–3 Jahre später ein großes Ökosystem etablieren.

Was ist für freie Software also die Alternative zu Konvergenz, um auch in 5, 10 Jahren auf futuristischen Geräten relevant zu bleiben? Wie Apple für jeden Formfaktor ein eigenes System & Appökosystem zu unterhalten? Oder sich auf einem klassischen Desktop verbarrikadieren (wie die Gnome2 Forks)?
Was Canonical uns gezeigt hat, ist, dass Konvergenz durch Neuentwicklung, Alleingang und eigenes Branding (welches andere Projekte von der Mitentwicklung/verwendung abschreckt) nicht die Antwort ist.

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