openSUSE Leap 42.1 im Test

openSUSE 42.1 Screenshot

Am 4. November veröffentlichte die openSUSE Community pünktlich zur SUSECon die jüngste Version ihrer stabilen Linux-Distribution. Mit Leap 42.1 steht nun das Ergebnis einer mehr als halbjährigen Planungsphase zum freien Download zur Verfügung.

Das neue Versionsschema weist bereits auf den fundamentalen Bruch mit dem bisherigen Entwicklungsmodell hin. Die stabile Version von openSUSE ist künftig nicht mehr ein eingefrorener und stabilisierter Schnappschuss von Factory, sondern eine auf Langzeitsupport ausgelegte Distribution. Leap und Tumbleweed sind nun die komplementären Veröffentlichungen von openSUSE. Während Tumbleweed als Rolling-Release Distribution konzipiert ist und die fortlaufenden Entwicklungen in der Linux-Communty widerspiegelt, ist Leap auf Stabilität ausgerichtet. Jede Hauptversion von Leap wird ca. 3 Jahre mit Updates versorgt. Die aktuell veröffentlichte Minorversion mindestens 18 Monate lang. Da sich die SLE-Basis in dieser Zeit wenig ändern wird dürften die Upgrades zwischen den Versionen wenig Probleme bereiten.

Die Basis von Leap bilden Pakete aus SUSE Linux Enterprise (SLE), die durch aktuelle Pakete aus dem Tumbleweed-Zweig ergänzt wurden. Diese Ergänzungen mussten jedoch einzeln von openSUSE-Maintainern vorgenommen werden, weshalb keine ungewarteten Pakete über einen Automatismus nach Leap migriert wurden. Insbesondere letzteres war in einigen vergangenen openSUSE-Versionen zum Problem geworden, da sich alles aus Factory zwangsläufig im fertigen Release wiederfand.

Versionsstände und Standardkonfigurationen

Bedingt durch diesen Entwicklungsprozess sind die Versionsstände der Pakete in openSUSE sehr unterschiedlich. In der Basis finden sich durchaus alte Versionen wie z.B. ystemd 210, Xorg 7.6  glibc 2.19. Hingegen sind Kernel 4.1 und Mesa 11.0 recht aktuell, wobei die Entscheidung den aktuellen LTS-Kernel zu verwenden die Grundausrichtung von Leap widerspiegelt. OpenSUSE Leap dürfte sich also trotz SLE-Basis auf aktueller Hardware installieren lassen.

Im Desktopbereich setzt openSUSE weiterhin standardmäßig auf KDE Plasma. Hier vollzieht man nun den Übergang zu Plasma 5, das in der gegenwärtig aktuellen Version 5.4 enthalten ist. Die openSUSE-Entwickler trauen KDE aber scheinbar nicht so ganz über den Weg, denn zusätzlich zu den aktuellen KDE-Applications mit der Version 15.08 liefert openSUSE viele Pakete aus KDE SC 4 aus. Kontact, Gwenview, Dolphin sind jeweils sowohl in der alten, wie auch in der aktuellen Version enthalten. Viele weitere Programme sind upstream noch nicht auf KF 5 konvertiert und liegen deshalb sowieso in der traditionellen KDE4libs-Version vor.

Neben KDE Plasma liefert openSUSE auch viele weitere Desktopumgebungen wie GNOME, MATE, LXDE, LXQt und Xfce aus. Allerdings lassen sich nicht alle direkt bei der Installation auswählen und müssen deshalb teilweise nachinstalliert werden. (Dies fiel insbesondere bei LXQt auf).

Die meisten anderen Desktop-relevanten Programme wie z.B. LibreOffice, Firefox, Chromium etc. werden in den aktuellen Versionen ausgeliefert.

YaST und die SUSE-eigenen Werkzeuge wie z.B. die Paketverwaltung zypper entstammen dem noch nicht veröffentlichten SP1 von SLE 12 und sind somit ebenfalls aktuell.

Durch den Entwicklungsprozess von Leap sind jedoch auch einige Pakete aus der Distribution gefallen. Nicht mehr ausgeliefert wird nun tatsächlich KDE 3.5, das bisher als eine Art untoter Widergänger über die Factory-Migration in jedes openSUSE eingeflossen ist.

Installation

Die Installation dürfte Anwender von openSUSE 13.2 sehr vertraut vorkommen. Die Installationsroutine wurde lediglich in Nuancen geändert. Bei den Dateisystemen setzt openSUSE als einzige große Distribution weiterhin auf Btrfs, ergänzt durch XFS bei der Homepartition – sofern eine solche gewünscht ist. LVM und die LUKS-Verschlüsselung lassen sich mit wenigen Klicks einrichten. OpenSUSE hat hier möglicherweise die einfachste Partitionierungsroutine im Linux-Universum.

Nicht mehr dabei ist GRUB-Legacy, was im Jahr 2015 zu verschmerzen sein dürfte.

Die Paketauswahl ist standardmäßig sehr umfangreich gehalten, allerdings kann die Auswahl der zu installierenden Pakete im Installationsprozess detailliert festgelegt werden. Das sollte man auch definitiv machen, da openSUSE traditionell eine eigenwillige Paketauswahl hat. So wird z.B. auch im Jahr 2015 noch Kopete, anstatt KDE Telepathy vorinstalliert.

Die Schwächen von KDE Plasma 5

Die Installation läuft dann reibungslos durch. Nach dem Neustart findet sich der Anwender im neuen Loginmanager sddm von KDE wieder. Das Design wurde von openSUSE wie gewohnt angepasst und verleiht der Distribution eine recht elegante Erscheinung. Hier ist definitiv eine Verbesserung zur optisch nicht so schön geratenen 13.2 zu verzeichnen.

Plasma 5 ist eine komplette Neuentwicklung, verzichtet aber auf eine revolutionäre Änderung des Benutzungskonzeptes. Das Design wurde jedoch grundlegend überarbeitet und präsentiert sich deutlich reduzierter als das bisherige Oxygen-Design. Bis auf die direkt zu Plasma 5 gehörenden Teile wie der Fenstermanager Kwin oder die Systemeinstellungen sind allerdings nicht viele Programme auf KF5 portiert. Im Gegensatz zu Kubuntu geht openSUSE hier auch kein Wagnis ein und liefert im Zweifel lieber die alte Version aus.

Dadurch ergibt sich leider eine unvermeidliche Duplizierung der zu Grunde liegenden Infrastruktur wie z.B. KWallet, das parallel in Version 4 und 5 läuft. In der Praxis führt dies immer wieder zu Fehlern, ist aber in der Übergangsphase wohl unvermeidbar.

Plasma selbst ist zudem noch hochgradig instabil. Ähnlich wie in der Anfangsphase von KDE SC 4 könnte man glauben, dass der Absturzmanager der Kernbestandteil des Desktops ist. Es bleibt schleierhaft, wie das den Entwicklern entgehen kann.

Diese Probleme sind allerdings nicht openSUSE anzulasten. KDE SC 4 wird seit dem Sommer offiziell nicht mehr von KDE gepflegt und eine Übernahme in Leap hätte den LTS-Charakter der Version hochgradig in Frage gestellt.

Einige Änderungen bei openSUSE hat die Migration auf Plasma 5 jedoch auch gebracht. OpenSUSE verzichtet nun auf Apper. Stattdessen wurde ein PackageKit-basierter Update-Manager implementiert, der sehr reduziert in der Taskleiste auf Updates hinweist und diese installiert. Dies funktioniert im Test reibungslos. Das eigentliche Paketmanagement wurde somit wieder zentral in YaST gebündelt und somit einige Redundanzen entfernt.

Das KDE-Team von openSUSE prüft zur Zeit inwieweit sich neue Versionen von Plasma und Applications als Wartungsupdate nachreichen lassen ohne die Kernbestandtteile Qt5 und KF5 in ihrer Version anzuheben. Sofern dies gelingt sollte sich die Situation im Laufe der Zeit verbessern.

Neues in YaST

Optisch hat sich in YaST nicht so viel getan. Allerdings sind einige neue Module hinzugekommen. Praktisch ist, dass sich systemd-logs nun über ein entsprechendes Modul einsehen lassen. Andere Module wurden verbessert. Snapper legt nun automatisch eine Konfiguration für das root-Verzeichnis an. Diese verzichtet auf Timeline-basierte Snapshots und ist damit deutlich sinnvoller vorkonfiguriert als bei openSUSE 13.2.

In der Paketverwaltung können nun empfohlene Pakete abgewählt werden. Ähnlich wie bei Debian sind dadurch deutlich schlankere Installationen möglich. Diese Option gilt aber nicht systemweit, weshalb eine Anpassung der zentralen zypper-Konfiguration für den dauerhaften Einsatz sinnvoller sein kann.

Persönliches Fazit

OpenSUSE Leap ist ein gelungenes Release. Anwender bisheriger openSUSE-Versionen werden sich schnell heimisch fühlen und der Bruch ist nach außen hin gar nicht so offensichtlich. Die Zusammenstellung aus SLE-Basis und Tumbleweed funktioniert reibungslos. Desktopanwender haben in den relevanten Bereichen aktuelle Programme und die aktuellen Kernel- und Mesa-Versionen garantieren eine Hardwareunterstützung auf dem Stand der Zeit. Die veralteten Basispakete werden Versionsfetischisten ärgern, aber diese sind nicht die Zielgruppe von Leap. OpenSUSE hatte in der Vergangenheit Probleme Maintainer für die Basispakete zu finden und hat dieses Problem nun elegant gelöst. Welcher Anwender ärgert sich schon über Enterprise-Qualität bei der Distributionsbasis.

Mit der Version wurden nun endgültig alte Zöpfe abgeschnitten und die Spaltung in Tumbleweed und Leap spiegelt die Trends in der Linux-Community wider. Zukünftig können sich sowohl die Rolling-Release Fans, als auch die Anhänger von LTS-Distributionen bei openSUSE heimisch fühlen.

Problematisch ist der schlechte Zustand von KDE Plasma 5 und die lediglich halb vollzogene Portierung der Applications. Doch kann man dies nicht openSUSE anlasten. Bereits bei openSUSE 13.2 beschloss man nicht standardmäßig auf Plasma 5 zu setzen. Wie lange sollen die Distributionen KDE denn noch geben um Endanwenderreif zu werden? Dieser Umstand betrifft jedoch nur die KDE-Nutzer unter den openSUSE-Anwendern – ein großer, aber sicherlich nicht dominanter Teil. Die anderen Desktops sind hinreichend stabil und einer LTS-Distribution würdig.

Persönlich werde ich aus eben dem letzten Grund vorerst auf eine Migration verzichten. OpenSUSE 13.2 erhält noch bis 2017 Support und sofern neuere KDE-Versionen wirklich als Wartungsupdates nachgereicht werden, könnte Leap in den nächsten Monaten benutzbar werden.

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