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Bild von geralt via pixabay / Lizenz: CC0 Public Domain

Nabelschau und Phantomschmerzen - die Linux Community auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit?

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Jüngst hat man bei der SUSE Linux GmbH die Weichen für SUSE Linux Enterprise 15 gestellt. Die Pressemitteilungen führten naturgemäß schnell zu einer Debatte über openSUSE, so auch bei Pro-Linux, schließlich haben nur die wenigsten Linux-Anwender die Enterprise-Version im Einsatz. Soweit keine Überraschung. Erstaunlicher ist jedoch, dass ein Gutteil der Linux-Nutzer gedanklich irgendwo an der Wende zum 21. Jahrhundert stecken geblieben scheint.

Nach einigen konstruktiven Kommentare gaben wieder die alten Argumente über YaST, Stabilität und "früher war alles besser". Während anfänglich noch Vergleiche mit openSUSE 11 gezogen wurden (immerhin noch von 2008), rutschte die Debatte später in Richtung SuSE 8 ab - das war so ungefähr 2002.

Natürlich kann man das jetzt als reine "Trollerei" abtun. Es entspricht aber subjektiv dem Trend in den Kommentarspalten allgemein. Die Diskussionen gleiten immer in irgendwelche vergangenen Ereignisse und Versionen ab. Zwar findet man dieses Phänomen auch in anderen Betriebssystemankündigungen, wo "früher alles besser" war, aber nirgendwo wird das exzessiv betrieben wie bei Linux. Zukunftsthemen erhalten wenig Beachtung, lieber befasst man sich mit Nabelschau und vergangenen "Verlusten". Während andere Hersteller die Kunden mit Abomodellen und geschlossenen Systemen an sich binden, diskutiert die Linux-Szene immer noch leidenschaftlich, ob eine Verfügbarkeit vorinstallierter Linux-Systeme den Durchbruch bringen könnte.

Subjektiv steigt das Durchschnittsalter der Linux-Anwender (und Entwickler). Während zum Höhepunkt des Ubuntu-Hypes Schüler und Studenten ihre ersten Gehversuche mit Linux machen, wächst die Gemeinschaft heute kaum noch und viele Anwender nutzen Linux bereits seit Jahr(zehnt)en. Der letzte größere Schwung Umsteiger kam mit dem Supportende von XP und Anwendern, die ihre veralteten Rechner weiter betreiben wollten. Das könnte man mit Konsolidierung beschreiben und gut finden, aber das führt halt auch zu Folgeproblemen.

Denn die Linux-Anwenderschaft im Consumerbereich ist in weiten Teilen inzwischen strukturkonservativ. Das sieht man an den Entwicklungen auf dem Desktop, aber auch in der Adaption und Integration moderner Technologien durch die Gemeinschaft. Kürzlich konnte man im Debianforum einen Einblick in die Ansichten zu Smartphones bekommen. Seit der Erfindung des Desktops sind so ziemlich alle Trends an der Linux-Welt vorbei gegangen. Integration und Interaktion mit Smartphones oder ähnlichem spielt in der Öffentlichkeit keine Rolle, selbst Cloudtechnologien hat keine Distribution vorinstalliert. KDEConnect hat mal gezeigt was gehen könnte, ist damit aber allein auf weiter Flur. Dafür diskutiert man leidenschaftlich in IRC-Programmen und über andere Kommunikationskanäle wie XMPP, die vor allem durch Anciennität glänzen und für Neueinsteiger ein Mysterium bleiben. Natürlich kann man hier nachinstallieren und selbst einrichten, aber die Standardprogramme und -assistenten prägen die Außendarstellung.

Die letzten großen Experimente haben KDE und GNOME um die Jahre 2008-2010 herum versucht, das Communityecho war verheerend und seitdem fährt man auf Sicht. Große Würfe oder Zukunftspläne sind absolute Fehlanzeige. Das Scheitern von Unity 8 in diesem Jahr mit seinem Konvergenzansatz beendete zeitgleich den einzigen aktuellen Versuch mit den technischen Entwicklungen Schritt zu halten. Die zaghaften Ansätze von KDE irgendwann mal im mobilen Segment Fuß zu fassen, sind auch eher eine aufholende Entwicklung. Einer der bekanntesten Vertreter freier Software - die Document Foundation/LibreOffice - führt nun 10 Jahre nach Microsoft eine kontextbezogene Werkzeugleiste ein - Wahnsinn!

Versuche offene Standards in der Verwaltung zu etablieren oder gar hier vermehrt Open Source Software einzusetzen und dadurch der Entwicklung einen Schub zu verleihen, sind zuletzt mit LiMux krachend gescheitert. Die FSFE fragt sich zumindest mal, ob man die Schuld nicht immer bei Microsofts Lobbyarbeit suchen sollte. Das ist immerhin ein Anfang.

Nach der NSA-Affäre 2013 gab es vereinzelte Versuche das Open Source-Segment als datenschutzfreundliche, sichere Alternative zu den kompromittierten proprietären Systemen zu positionieren. Diese verhallten jedoch in den Tiefen der Diskussionsplattformen und erscheinen heute nur noch schemenhaft wenn PR-Meldungen obligatorisch von "privacy" schreiben.

Die Außendarstellung der Linux-Community erinnert manchmal an den Wahlkampf der Grünen 1990 (ja, auch das ist schon lange her). "Alle reden von Deutschland, wir reden vom Wetter" lautete der damalige Slogan. Die Grünen verpassten den Einzug in den Bundestag. Frei adaptiert könnte man für Linux sagen "Alle reden von der Zukunft, wir reden vom Desktop". Nur ist Linux schon unter 5%, die absolute Bedeutungslosigkeit ist nicht so weit entfernt.

Nichts davon ist repräsentativ, Zahlen hat auch keine Distribution und die Internetcommunitys sind nicht deckungsgleich mit der Gesamtheit der Anwender, aber Außendarstellung und Entwicklung des Linux-Desktops sind besorgniserregend.

Linux ist für die moderne Welt unfassbar wichtig. IoT, der Android-Boom - ohne Linux alles undenkbar. Linux - reduziert auf den Kernel und Basis-Werkzeuge - wird daher auch nicht verschwinden. Im professionellen Segment sind Linux-Firmen streckenweise dominant und tonangebend bei der Entwicklung neuer Technologien. Dahinter stecken aber Firmen und nicht die freie Gemeinschaft, die Linux so lange geprägt hat. Diese Gemeinschaft hat noch nicht mal den Sprung in den mobilen Bereich geschafft, geschweige den Fragen der vernetzten Zukunft oder Mobilität. Selbst klassische Linux-Communitys und die - auch nicht mehr neue - Android-Gemeinschaft trennen Welten, Zusammenarbeit kann man quasi nirgendwo beobachten.

Natürlich kann man den Standpunkt vertreten, dass dies alles bedeutungslos ist und man mit dem Ist-Zustand vollkommen zufrieden ist. Dieser Ist-Zustand gerät jedoch dann in Gefahr, wenn er von einigen wenigen Finanziers abhängt. Wer außer RedHat und mit deutlichen Abstrichen SUSE und Canonical investieren denn noch in den Linux-Desktop? Sobald diese Firmen das Interesse verlieren und sich stärker den Zukunftsthemen zuwenden (machen sie bereits jetzt, der Desktop läuft nur noch so nebenbei) ist es schnell dunkel im Linux-Segment. Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, dass das aktuelle Niveau von Hobbyentwicklern gehalten werden kann.

Das ist kein unrealistisches Szenario und sollte einem Sorgen machen. Ohne die Open Source-Gemeinschaft, die nirgendwo so geballt auftritt wie bei Linux, sind wir noch abhängiger von einigen wenigen großen IT-Monopolisten, die sich zwar freiheitlich geben, aber keine Freiheit zulassen. Die zerfaserte Linux-Gemeinschaft sollte sich mit Zukunftsthemen beschäftigen und die Anwender sollten das unterstützen, indem sie nicht Kommentarspalten damit füllen, ob - überspitzt gesagt - seit der Erfindung von Rad und Feuer ein falscher Weg eingeschlagen wurde.

Tags: Linux, Desktop, Zukunft

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