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Der Linux Desktop am Tropf einer einzigen Firma Teil II

Open Source und freie Software hört sich in der Theorie immer ganz toll an. Der kreative Schwarm schafft Software und teilt sie mir der Gemeinschaft. In der Realität stehen dahinter meistens Firmen mit knallharten Geschäftsinteressen. Bei Linux auf dem Desktop vor allem eine Firma: Red Hat.

Exakt diese Firma hat vergangene Woche quasi CentOS den Stecker gezogen. Alles was man dazu wissen muss, kann man bei Michael Kofler nachlesen. Die Übernahme von CentOS durch Red Hat war betriebswirtschaftlich schon immer Unsinn. Ich hatte mich ja schon beim Kauf Red Hats durch IBM gefragt, was wohl die Auswirkungen sein würden (siehe: Kommentar: IBM übernimmt Red Hat - Auswirkungen auf Linux). Ich mutmaße mal: Die Ersten sehen wir jetzt.

Das kann für Linux insgesamt wirklich gefährlich werden. Kürzlich hatte ich schon mal über die Abhängigkeit der Entwicklung im Bereich X11/Wayland von Red Hat gebloggt (siehe: Der Linux Desktop am Tropf einer einzigen Firma). Nun hat das Hans Petter Jansson interessante Zahlen zu den Beiträgen zu GNOME geteilt. Besonders interessant ist hier die Grafik weit unten im Abschnitt By affiliation. Der Löwenanteil der Commits zu GNOME stammt seit Jahren von Red Hat. Wenig überraschend, wie Jansson selbst schreibt, aber eben auch nicht wegzudiskutieren.

Für andere Projekte liegen solche Zahlen meines Wissens nach nicht vor. GNOME ist allerdings vor allem im Enterprise-Geschäft unangefochten. SLED und RHEL kommen nur mit einem einzigen Desktop und das ist die GNOME Shell und bei Ubuntu gibt es auch nur für die Shell main support.

Eine solch einseitige Abhängigkeit ist nicht ungefährlich. Ich behaupte mal, dass sich das Desktop-Geschäft für Red Hat nicht wirklich lohnt bzw. dieses keinen substanziellen Beitrag zum Umsatz beisteuert. Im besten Fall entwickelt die Firma den Desktop also noch für sich selbst bzw. für seine Entwickler - im schlimmsten Fall könnten die kalten Zahlen sprechen.


Bilder:

Einleitungs- und Beitragsbild von Megan_Rexazin via pixabay

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Tags: Entwicklung, Linux, Red Hat

Ergänzungen zum Artikel

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aoikitsune
Ich bin gespannt was zukünftig mit Fedora passiert. Wäre sehr schade wenn es aufgegeben oder eingeschränkt werden würde. Es ist zwar noch die Spielwiese für die Entwicklung von RHEL, aber wer weiß wie IBM das zukünftig sieht.
Im Bezug auf CentOS wird es im Endeffekt wahrscheinlich nicht so problematisch sein. Es wurde glücklicherweise innerhalb kürzester Zeit bekannt, dass es Kandidaten gibt, die hier einen CentOS Ersatz bereitstellen wollen, dass hätte ich so schnell nicht erwartet.

Eine Option ist Lenix, die andere Rocky Linux. Auf der Startseite von Lenix steht aktuell, dass es so ähnlich zu CentOS 8 sein wird, dass man dort quasi einfach die Repositories austauschen und das System konvertieren können wird. Bei Rocky Linux stelle ich mir das ähnlich vor, habe da aber noch keine Aussage zu gefunden.

Projektseiten (CentOS Ersatz):
https://www.projectlenix.org/
https://rockylinux.org/de/

Knut L. Thier
Nun wo IBM Red Hat und damit den Linux Desktop GNOME gekauft hat und Microsoft mit WSL den Linux Kernel verfügbar macht. Kann das gewollt sein? Canonical wird die Stelle von Red Hat wohl nicht übernehmen und den Linux Desktop retten, sondern mit unter gehen?
Mark
Ist doch ein weiteres Indiz dafür, das Linux auf dem Desktop gescheitert ist. Ausser ein paar Freaks nutzt das doch keiner, jeder mit ein bisschen Sachverstand hat ein vernünftiges Betriebssystem im Einsatz, das bietet nur Apple.
noisefloor
Beim Desktop gibt es grundsätzlich genug Alternativen - Xfce, Mate, LXQt, Budgie und viele kleinere Projekte.
Spannender ist IMHO eher, dass das GTK-Framework genau so an Red Hat hängt, wie gerade für GTK4 im GTK-Blog zu lesen: https://blog.gtk.org/2020/12/17/who-wrote-gtk4/
Wenn Red Hat das Sponsoring für GTK aufgeben sollte, wird es kritisch - weil das ja die Grundlage für viele Desktops und Anwendungen ist. Die Alternative ist Qt, aber da steht auch eine Firma mit geschäftlichen Interessen hinter. AFAIK gibt es doch auch z.Zt. Diskussionen zwischen dem KDE-Projekt und der Firma hinter Qt um die Lizenzbedingungen zur Nutzung von Qt6 in KDE.
Aber vielleicht pusht Microsoft ja dann die WPF für Linux und alle sind gerettet :)
Es bleibt also spannend.

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