In der IT dominiert wie in vielen anderen Bereichen die englische Sprache. Wie so oft werden viele Begriffe unglücklich eingedeutscht und bekommen dann eine andere Bedeutung. Eines davon ist das Wort „Produktiv“. Warum wir es nicht verwenden sollten – jedenfalls nicht so, wie es aktuell oft passiert.

Im Englischen teilt die Kategorisierung in Developement, Testing, Staging und Production den unterschiedlichen Entwicklungszustand eines Systems. Aus dem letzten Punkt hat man in der deutschsprachigen Entwicklung das Produktionssystem gemacht. Das ist nicht schön, aber das sind sprachliche Adaptionen ja öfter nicht. Weil man dann gerne noch verkürzt ist aus der Floskel „Das ist nun reif für das Produktionssystem“ ein „Lass das produktiv nutzen“ geworden. Darauf wurde dann bald ein „Nicht auf Produktiv-Maschinen einsetzen„. Ich erzähle hier wahrlich nichts Neues. Leider haben manche dann angefangen das Wort auf sich zu beziehen: „Das ist mein Daily Driver, damit arbeite ich produktiv„.

Das Adjektiv „produktiv“ hat aber eine ganz andere Bedeutung. Der Duden sagt zur Wortbedeutung: „viel (konkrete Ergebnisse) hervorbringend; ergiebig“ Die Absurdität erschließt sich bei der Rückübersetzung, denn dann landet man nicht wieder bei production. Durch diese Bedeutungsverschiebung redet man nicht mehr von einem Systemeinsatz, sondern von klassifiziert seine eigene Tätigkeit: „Damit kann man nicht produktiv arbeiten.“ oder „Ich arbeite produktiv, da kann ich so ein System nicht nutzen.“

Das beinhaltet automatisch eine Überhöhung der eigenen Tätigkeit über die Tätigkeit anderer Menschen. Denn wenn man selbst produktiv arbeitet, was tun dann andere? Unproduktiv arbeiten? Gar nicht arbeiten? Warum arbeitet jemand produktiver am System als jemand anderes und wer legt das eigentlich fest? Was sind die Kriterien, ab wann jemand produktiv arbeitet? Wenn er damit Geld verdient? Wenn er besonders effizient ist? Womit dann eigentlich im Vergleich? Wenn ich Medienwissenschaftler mit einem Forschungsfokus auf TV-Serien wäre, würde ich viel Zeit am PC Serien schauen und verschlagworten. Wäre ich dann unproduktiver als jemand, der lange Codezeilen für ein Programm tippt, das vielleicht niemals Marktreife erlangt? Ist jemand, der an einem veralteten System einen überflüssigen Arbeitsschritt besonders schnell ausführt, produktiv oder unproduktiv? Was sagt es über den Menschen, der sich selbst als besonders produktiv bezeichnet?

Ich hoffe, das Problem der dem Wort „produktiv“ und der damit einhergehenden Wertung ist hinreichend deutlich geworden. Denkt mal über die Verwendung des Adjektivs „produktiv“ nach und lasst es vielleicht im Zweifel einfach weg.

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

3 Ergänzungen

  1. Junge, das wäre jetzt eigentlich eher so’n Thema für tuxtproject.de gewesen. Und das schön in einem einzigen Satz =D

    Na, so ein thematischer Ausflug sei dir aber auch gestattet. Die Reflektion beim Eindeutschen von englischsprachigen Begriffe bleibt mir auch zu oft auf der Strecke. Nur weil „Home Office“ schön international für die Teleheimarbeit verstanden wird, hätte man vielleicht nochmal Wikipedia befragen sollen, bevor man „Home Schooling“ hierzulande flächendeckend produktiv (Pun intended.) für das Telelernen ausrollt.

    Schönes Wochenende, Gerrit!

    • Warum braucht man das überhaupt? Es gibt Testsysteme und es gibt Systeme für den Einsatz. Was damit jemand macht, ist vollkommen unerheblich. Selbst wenn jemand „nur“ damit im Internet surfen möchte, will er ein lauffähiges System. Selbst wenn er dann überhaupt nicht „produktiv“ ist.

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