Antwort: LinuxUser – Das muss diese Qualität sein

Aktuell bekomme ich hier einen kleinen Shitstorm ab, weil der Chefredakteur von LinuxUser einen meiner Artikel zur Qualität der IT-Berichterstattung als Anlass für sein Editorial genommen hat und auf Linuxnews ebenfalls darüber berichtet wurde. Eine kleine Antwort.

Zuerst eine kurze Einordnung. Der Artikel in diesem Blog war im Titel als „Kommentar“ gekennzeichnet, was per Definition ein Meinungsbeitrag ist. Der Artikel von Herrn Luther ist ein Editorial, also je nach Zeitschrift das Vorwort oder der Leitartikel einer Zeitschrift, und an den müsste man theoretisch deutlich höhere Maßstäbe anlegen. Theoretisch wohlgemerkt – warum wird sich noch zeigen. Ich möchte nur kurz auf das Editorial selbst eingehen, denn wer auf Kritik an der Berichterstattung sofort mit dem „Lügenpresse“-Vorwurf kommt, einen absurden Vergleich mit Atomenergie zieht und sich damit gewissermaßen bildlich in den Schützengraben begibt, braucht eigentlich keine differenzierte Antwort.

Bemerkenswert ist aber die Schlussformulierung und der Verweis auf die besonderen Sorgfaltspflichten des Journalisten gegenüber dem Blogger. Ein Unterschied, den ich jederzeit befürworte aber der meiner Meinung nach schon lange nicht mehr vorbehaltlos gilt – schon gar nicht im IT-Bereich.

Warum das so ist, kann man an einem früheren Editorial demonstrieren, dass dort auch verlinkt ist. Da die ganze Zeit LiMux als Demonstrationsobjekt dient, bleibe ich diesem treu. Im Editorial zu Ausgabe 04/2017 nimmt der Chefredakteur von LinuxUser Bezug auf die Ereignisse in München.

Ein paar Punkte aus dem Text möchte ich hier gerne selektiv herausgreifen:

Nach Luther ist es die „inkompetente, ignorante und beratungsresistente“ Münchner Stadtverwaltung, die ihre „Unfähigkeit“ bemänteln will. Später im Text fehlt der „politische Wille„, nicht zuletzt weil man „bequem endgebetteten [sic!] städtischen Beamten“ keine Veränderungen zumuten will.

Das muss diese besondere journalistische Sorgfaltspflicht sein. Selbst bei einem Blogger fände ich solche Formulierungen und die Aktivierung dumpfer Stereotype unwürdig, aber wenn man von sich selbst in Anspruch nimmt, Journalismus zu betreiben, gehört das in keinen Artikel. Wo ist hier also der Unterschied zwischen einem privaten Blogger und einem Journalisten?

Ich persönlich würde den Unterschied in fundierten Recherchen sehen, die über das Niveau, das ein normaler Blogger liefern kann, hinausgehen. Wie ist eigentlich die Rückmigration zu Windows gelaufen? Immerhin mussten hier mehr als 10.000 Arbeitsplätze rückmigriert werden. War die Stadtverwaltung da auch inkompetent, ignorant und beratungsresistent? Hat hier das Management auch versagt und bequem endgebettete Beamte haben hier blockiert? Immerhin läuft die Migration bereits seit einiger Zeit. Absolute Fehlanzeige, stattdessen macht man fröhliches Copywriting mit anderen Medien und wundert sich über sinkende Auflagen- und Klickzahlen.

Ich sehe ehrlich gesagt keinen Grund von meiner Pauschalkritik an allgemeinen Niveau der IT-Presse in Deutschland abzurücken – was ja nicht ausschließt, dass es hin und wieder lesenswerte Texte gibt – auf die ich auch gerne in diesem Blog verweise.

7 Kommentare

  1. Rein interessehalber: Wurdest du im Vorfeld informiert, dass du namentlich in dem Editorial erwähnt und kritisiert wirst?

  2. Das argumentative Problem bei der Begründung der Nichtauseinandersetzung mit dem Editorial-Beitrag (als Kritik möchte ich es nicht von vornherein einstufen) ist, dass man es selber nicht besser machen muss, um auf ein (angenommenes) Problem hinzuweisen. Dieser Beitrag (als Reaktion auf den verlinkten Editorial-Beitrag) bestätigt leider meine Befürchtung, dass man aufgrund (wahrgenommener) Defizite der entsprechenden gegenüberliegenden „Barrikadenseite“ leider der Pfad eines halbwegs vernünftigen Diskurses verlassen wurde und dass man lieber damit beschäftigt ist, darzustellen, wie „böse“ die andere Seite vermeintlich ist, und wie „toll“ (oder „standhaft“ oder „differenziert“ oder „insert-your-positive-connoted-word-here“) man eigentlich selber ist.

    • Ich habe mich ganz bewusst nicht direkt auf den Editorial-Beitrag bezogen, weil ich es für sinnfrei halte über Bande mit jemandem zu diskutieren, der mit Totschlagargumenten wie „Lügenpresse“ und dem „Atomenergie-Argument“ um sich wirft.

      Ich habe mich daran gestört, dass wie man sich dort auf einen Sockel stellt und von Bloggern abhebt, diesen Anspruch in der Praxis aber nicht erfüllt. Und ehrlich: Ich würde mir wirklich wünschen, dass es einen qualitativen Unterschied zwischen „privaten Bloggern“ und professionellen Journalisten im IT-Bereich geben würde.

      • Den letzten Paragraphen kann ich so unterschreiben. Ich wollte „nur“ auf eine (aus meiner Sicht als unglücklich empfundene) Tendenz hinweisen, die ich bei derartigen Auseinandersetzungen desöfteren als Muster erkannt habe (zumindest fest daran glaube, es erkannt zu haben). Aufgrund des „Fehlverhaltens“ irgendeiner Seite (egal wie dämlich man das jeweilige Verhalten/Argument/Kommunikationsartefakt empfinden mag) seine permanente Reflexion bzgl. des eigenen Standpunktes (vielleicht auch nur temporär) zu unterlassen, halte ich für einen Rückschritt im Bezug auf die Diskurskultur.

        • persönlich lese ich deine Blog sehr gerne und würde ihn sehr vermissen.
          Du legst häufig den Finger in die Wunde und zeigst, wo es hakt. Das braucht es.

          Andererseits würde ich deinen Vorwurf in Richtung IT-Presse sogar noch erweitern und ganz allgemein von einer erschreckenden Qualitätsabnahme bei der Berichterstattung in den gesamten Medien sprechen. Der Spiegel z.B. ist auch nicht mehr, was er mal früher war…

  3. Für mich zeigt dieser Vorgang exemplarisch wie heute Meinugsmache – oder altdeutsch: Propaganda – funktioniert. Dabei spielen die Medien, deren Meinung als „richtig“ gilt, eine grosse Rolle.

    Die „Bloggerszene“ enstand ja auch aus diesem Gefühl heraus, dass es viele Meinungen geben sollte und die Hürde für die öffentliche Meinungsäußerung niedriger sein sollte, als in der „Holz-zeit“. In den letzten Jahren holen sich die damaligen Meinungsführer ihre Herrschaft wieder zurück. Schlimm ist dabei aber das die Meinungsvielfalt, die es in den Holzmedien einstmal gab, heute nicht mehr geduldet wird.

    Ich weiß, wir sind politisch da völlig unterschiedlicher Meinung, aber ich finde jede Meinung, die sich von meiner Unterscheidet wichtig und dieses massive bekämpfen unterschiedlicher Ansichten, macht mir Sorge.

    Aus dem Grund kaufe ich z.b. seit zwei Jahren keine Medien mehr aus dem Heiseverlag und mein Versuch eine Alternative zu finden ist schnell gescheitert, da es auch anderswo keine Neutralität oder Offenheit mehr gibt. Witzigerweise war mein Versuch auch die „LinuxUser“ gewesen und als ich das Editorial las, war das meine letzte Ausgabe. Seitdem (Mai/2020) habe ich keine Computerzeitung mehr auf Papier gekauft. Was mir schwer fiel, da ich solche seit den 80’ern lese (wer kennt noch die 64er) und spätestens seit Mitte der 90’er fast jede Ausgabe der c’t bei mir auf dem Schreibtisch lag.

    Kurz, meiner Ansicht nach erleben wir den Endkampf gegen das Bloggertum und des freien Journalismus und dabei wird eine Rhetorik verwendet, die eher eine dunkle Zukunft erahnen läßt, wo abweichende Meinungen gefährlich sein könnten. Was allein schon dieser – wi cih finde – sehr persönliche Angriff zeigt und die Reaktionen unter dem Editorial zeigen auch mit welcher Vehehemenz heute Journalisten von ihrer absoluten Wahrheit überzeugt sind.

    Ich lese deine Blog gern, weil du oft eine andere Meinung hast und diese auch – zumindest für mich – gut begründest. Ich lese solche Zeitungen nicht mehr, weil sie mittlerweile ein selbstreferenzierte Meinungsblase darstellen, die man nur noch als Quelle für das was als die „Wahrheit“ gilt benutzen kann, um diese dann zu hinterfragen.

    Ich bin gespannt wie lange solche Blogs wie deiner noch zugelassen sind.

Kommentarfunktion ist geschlossen.

Mehr aus dem Blog

Warum man „Face unlock“ mit einem Google Pixel 7 nicht nutzen sollte

Biometrische Entschlüsselung ist ein Thema für sich. Selbst wenn man dem nicht gänzlich ablehnend gegenüber steht, sollte man nicht leichtfertig jede Lösung nutzen. Gesichtserkennung...

iOS und Android können VPN umgehen

VPN ist für Anonymität einfach keine gute Idee. Wer dafür noch weitere Gründe braucht, muss sich nur die aktuellen Berichte über das iPhone-Betriebssystem iOS...

Mastodon – So schnell kann es gehen

Im Frühjahr, als die Kaufabsichten von Elon Musk publik wurden, schrieb ich einen skeptischen Kommentar, was den prognostizierten massenhaften Wechsel zu Mastodon betrifft. Meine...

Vertrauen – Warum Werbung zur Monetarisierung manchmal gut ist

Früher hat man etwas bei Stiftung Warentest gelesen oder einen Ratgeber aus einem angesehenen Verlag gekauft. Vertrauen transportierte die Marke des Verlages. Heute vertrauen...