Google ist mehr als eine Suchmaschine. Es ist ein weltumspannender Datenerhebungskonzern mit angeschlossener Suchmaschine und monetarisiert diese Daten gegenwärtig primär über Werbung. Google weiß über nahezu jeden etwas. Außer man macht sich etwas vor.

Zur dieser Kategorie scheinen Golem-Autoren zu gehören, wie der heutige Artikel von Moritz Tremmel zeigt, in dem der Autor behauptet, Google wüsste nichts über ihn. Dieser Artikel ist auf reges Interesse gestoßen und ich wurde heute mehrfach darauf aufmerksam gemacht. Daher eine kleine Einordnung.

Hätte er geschrieben, Google wüsste über ihn weniger als über andere Menschen, dieser Kommentar hier wäre nicht notwendig. Datensparsamkeit ist eine gängige Methode zur digitalen Selbstverteidigung und dazu gibt es zig gute Ratgeber im Internet. Die Gratwanderung zwischen Datensparsamkeit und digitaler Teilhabe ist ein ständiger Balanceakt und befüllt unter anderem dieses Blog seit 2014. Das schlimme ist: Ausweislich seiner Vita weiß Moritz Tremmel das auch oder sollte es zumindest wissen. So etwas verkauft sich nur nicht so gut, also dehnen dehnt man Wahrheit.

Lassen wir den in den Kommentaren bei Golem bereits kritisierten Stil und Tonfall, das geschickte Einstreuen vieler Skandale und Skandälchen, um ein umfassend informierten Gesamteindruck zu erzeugen, mal beiseite und widmen uns den Fakten. Dort begegnet uns ganz viel Bekanntes:

  • Andere Suchmaschine
  • OpenStreetMap anstelle Google Maps
  • Lange kein Smartphone, dann ein Nexus/Pixel-Geräte mit Custom ROM und nun GrapheneOS.
  • Nur Open Source Software auf dem Smartphone.
  • Signal und Threema als Messenger
  • Nextcloud
  • Posteo
  • ublock origin
  • Firefox

Abseits des aufgeblasenen Stils sind das überschaubare Fakten. Kann man hier auf [Mer]Curius und auf vielen anderen Seiten, die sich mit Datenschutz und Privatsphäre im digitalen Raum befassen, so oder so ähnlich nachlesen. Nur würde niemand mit Ahnung behaupten, dass Google deshalb nichts über ihn weiß.

Denn naturgemäß können wir nur aktiven Datenschutz betreiben. Nicht jedoch passiven Datenschutz. Es gibt den Spruch „Die größte Gefahr für deine Privatsphäre ist dein 6-Jähriges Kind.“ Und da steckt viel Wahres drin. Denn niemand bewegt sich im luftleeren Raum, sondern Daten entstehen durch die (soziale) Interaktion im digitalen Raum.

Vereinfacht gesagt: Du gibst deine Mobilfunknummer weiter und dein Kontakt ist vielleicht nicht so Datenschutz-bewusst wie du. Er speichert dich unter „Vorname Nachname“ ein und synchronisiert über Apples iCloud oder Google. WhatsApp und somit Facebook bekommt deine Nummer samt Namen natürlich auch noch frei Haus geliefert.

Und schon gibt es einen digitalen Datensatz. Mit dem lässt sich eine Webseite finden und diese enthält eine rudimentäre Vita. Daten der großen Datenhändler reichern dein Profil an. Kein Deutscher kommt ohne Schufa aus und daneben gibt es noch viele andere Unternehmen mit ähnlichen Geschäftsfeldern. Schon mal in einem Unternehmen beworben, das die Bewerbungen über einen Dienstleister verwalten lies. Datenleck oder vielleicht nahm es der Dienstleister nicht so genau. Vor dem Inkrafttreten der DSGVO war im Datenschutz noch viel Wilder Westen. Die Gesetze und Aufsichtsbehörden waren geduldig. Und machen wir uns nichts vor: Diese Daten sind noch da. Also noch mehr Daten für das Profil.

Deinen WLAN-Namen kennt Google sowieso und wer sagt dir, dass ublock im permanenten Wettrüsten zwischen Trackingdiensten und Schutzsoftware immer einen Schritt voraus ist. Der ein oder andere Tracker wird vielleicht erst nach 12 oder 24 Stunden erkannt. Noch mehr Daten für dein „Google-Profil“.

Dein Smartphone bewegt sich im öffentlichen Raum. Bluetooth darfst du gar nicht aktivieren, WLAN auch nicht. Machst du es doch, lässt sich dein Standort verfolgen. Funkzellenabfragen lassen wir mal außen vor, weil das hoffentlich nur der Staat kann.

Geräte von Dritten oder deinem Arbeitgeber kannst du natürlich überhaupt nicht benutzen, weil die Konfiguration in der Regel nicht streng genug ist und zumindest Teile deiner Aktivitäten verraten können. Ein weiteres interessantes Puzzlestück für deine digitale Kartei.

Google könnte sicher mehr über dich wissen und Schutzmaßnahmen helfen dir dabei, aber jeder digitale Bürger hat im übertragenen Sinne eine Kartei bei Google. Wer etwas anderes behauptet, ist nicht seriös.

Was man in einem gewissen Maße steuern kann, ist, wie umfangreich der Datensatz ist und was sich alles darin befindet. Aber ganz genau werden wir auch das nie wissen.

Wer hat keine Kartei? Vielleicht meine Oma – aber selbst da wäre ich mir nicht sicher. Sie hat keinen PC und noch nie einen benutzt, sie hat kein Smartphone, keine Mail-Adresse und benutzt das Internet nicht. Absolute digitale Abstinenz schützt einen in gewissem Maße. Aber ob das erstrebenswert ist?

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

5 Ergänzungen

  1. Google weiß wahnsinnig viel über mich. Und wahnsinnig viel nicht.
    Ich benutze für mein Business eine Gmail-Adresse, privat eine Posteo-Adresse. Ich füttere den Google-Algorithmus täglich mit dem Chrome-Browser für die Arbeit und überhaupt nicht über meinen super-abgesicherten Firefox-Browser, den ich privat nutze. Mein Arbeitshandy trackt mich, solange es an ist. Mein privates ist stumm.

    Google hat ein sehr klares Bild von mir. Aber es ist sehr einseitig und im Grunde auch ziemlich falsch.

  2. Gerrit, auch über deine Oma wird Google so einiges wissen ganz ohne ihre aktive Teilnahme am digitalen Leben. Sie steht in verschiedenen Datenbanken. Einwohnermeldeamt, Krankenkasse, Rentenkasse, Abos, …
    Google hat vielleicht kein Bewegungsprofil von ihr und Unteraktionsdaten mit anderen werden auch deutlich dünner sein, aber seit aller Telefonverkehr über VOIP läuft, …
    Digitaler Fernseher, Settopbox, … usw.

      • Nicht unbegrūndete Vermutungen.
        Mir ging es aber gar nicht darum, dass Google die Daten aktiv angreift, versucht die Datenbanken und -sammlungen gezielt auszulesen.
        Viele Daten werden immer noch unverschlüsselt ausgetauscht und verknüpft. Stichworte: email und Gmail, unzureichend geschūtzte Datenbestände, solls ja immer noch geben, gab’s jedenfalls in der Vergangenheit.
        Verwaltungsdaten, die in der Klaut bearbeitet werden und dazu ja auch dort entschlūsselt sein müssen, …
        Google komt an eine Menge Daten mittels Drive-by-Hoarding über seine Dienste.
        Chrome-basierte Browser sind ja des Nutzers liebstes Kind. Jeder Tastenanschlag wird übertragen, nicht erst beim Drūcken der Eingabetaste.
        Obwohl ich das weiß, ist es mir schon passiert, dass ich aus Unachtsamkeit ein Kennwort in die Browserzeile geschrieben habe. Dumm gelaufen.
        Da kommt so einiges an Verwertbaren zusammen.
        Dokumente, PDFs, die in Chrome zum Lesen, etc. geöffnet werden.
        Die Liste ist doch endlos.
        Liefern wir Nutzer alle ungefragt gratis Freihaus.

        • Dir ist der besondere Schutzstatus von Gesundheitsdaten hoffentlich ein Begriff. Also dein ganzes Buzzword-Bingo mag vielleicht für Privatanwender zutreffen, aber sich nicht für die Akteure, die du oben genannt hast.

          Bei aller Kritik an den Praktiken von Google, aber wenn man in paranoide Vermutungen verfällt, hilft das niemandem, weil man damit jedwede Schutzmaßnahme lächerlich macht.

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