Kürzlich berichtete ich über die litauischen Vorwürfe gegenüber Xiaomi und empfahl, Produkte chinesischer Hersteller zu vermeiden. Das tat ich nicht zum ersten Mal, aber scheinbar fällt das inzwischen mehr auf. Darum werde ich ausnahmsweise mal die Technik ein wenig „politisieren“.

Wir leben in keiner perfekten Welt

In einer perfekten Welt haben wir offene Hardware, quelloffene Firmware, quelloffene Betriebssysteme und quelloffene Programme. Vertrauen in irgendwelche Hersteller ist nicht notwendig, weil man alles prüfen kann. Vertrauen muss man daher allenfalls noch in die Prüfer haben, von denen es aber unendlich viele geben kann.

Die Welt ist aber nicht perfekt. Offene Hardware gibt es in vielen Bereichen gar nicht und in den anderen auch nur ganz beschränkt. Die gleiche Situation ist bei der Firmware der Fall. Selbst Linux auf dem Desktop basiert bei den meisten Distributionen auf unfreien „Blobs“, von Smartphones etc. mal ganz zu schweigen. In der echten Welt müssen wir Abwägungsentscheidungen treffen. Welche Hardware erwirbt man, welche Möglichkeiten zur Prüfung und Anpassung hat man, welchen Herstellern vertraut man.

Vertrauen ist eine individuelle Entscheidung. Vertrauen kann man auch nur beschränkt objektivieren. Natürlich liest man sich ein, aber das geschriebene Wort ist geduldig und ohne transparente Prüfung nicht viel wert. Solche Prüfungen wie in Litauen oder demnächst durch das BSI kann man in seine Entscheidung einbeziehen, aber da nie alle Geräte aller Hersteller geprüft werden, taugen sie nicht als objektiver Vergleich aller Optionen.

Ob ich einem Hersteller vertraue, hängt massiv von dem Land ab, in dem dieser sitzt. Das liegt ganz einfach daran, dass keine Firma selbst einfach so Vertrauen verdient, denn in einem kapitalistischen Wirtschaftsmodell versuchen alle Firmen ihre Umsätze und Gewinne zu steigern. Dazu ist den meisten Firmen jedes Mittel recht. Ohne einen gesetzlichen Rahmen würde vermutlich jede Firma irgendwann unser Vertrauen missbrauchen. An die Moral von Angestellten braucht man nicht appellieren. Es gibt immer genug Uni-Absolventen ohne Rückgrat und Moral, die im Zweifelsfall auch die schlimmsten Funktionen umsetzen oder schlicht von der Firma – aus welchen Gründen auch immer – abhängig sind.

Gesetze eines Landes muss aber jede Firma respektieren. Sie können sie durch Lobbyarbeit beeinflussen, aber das tun die NGOs auch. Keine Firma kann sich ihre Gesetze vollständig selbst schreiben. Nicht mal die deutsche Autoindustrie, um ein Extrembeispiel zu nennen. Die für Datenschutz und Privatsphäre so wichtige DSGVO gilt für europäische Firmen und die Strafen können heftig sein. Firmen versuchen dies mit einem Ausweichen in den Zuständigkeitsbereich der irischen Datenschutzaufsicht zu umgehen, aber auch die muss ab und zu mal tätig werden und wenn man die Firmenzentrale in z. B. Deutschland hat, greift sowieso die strengere deutsche Datenschutzaufsicht.

Wenn eine Firma Gesetze nicht respektiert, bleibt mir als Kunde letztlich der Rechtsweg. Nicht, dass ich eine besondere Neigung verspüre, diesen gehen zu wollen, aber die Möglichkeit besteht und wirkt disziplinierend auf die Firmen und alleine diese Option schützt schon meine Rechte.

Deshalb gilt bei mir beim Kauf von Hardware oder Dienstleistungen, das ich grundsätzlich deutsche oder europäische Produkte bevorzuge.

Also nur noch Gigaset Smartphones?

Leider sind weder Deutschland noch Europa in den letzten Jahren zu super IT-Standorten mit tollen Produkten und wegweisenden Entwicklungen in dem Bereich geworden. Wer nur deutsche oder europäische Produkte nutzen möchte, schaut da schnell in die Röhre.

Bleibt also nur der Rückgriff auf internationale Hersteller. Hier sagen dann manche, dass es keinen Unterschied mehr macht. Das sehe ich nicht so.

Wir haben im wesentlichen zwei Firmengruppen. Solche Firmen mit Standort in oder enger Anbindung an die USA und zahlreiche aufstrebende Hersteller aus China. Sollte ich hier irgendwas übersehen haben, gerne kommentieren.

Natürlich ist die Außenpolitik der USA nichts für Quäker. Zahllose Kriege, Guantanamo, Folterskandale, gezielte Exekutionen mittels Drohnenangriffe in vielen Orten der Welt. Ich glaube damit habe ich alle Schlagworte, die so in den Kommentaren kommen werden. Die Außenpolitik ist nur nicht relevant für die Bewertung von Hardware. Ich beziehe in eine fiktive Entscheidung für den Kauf eines Tuxedo-Notebooks auch nicht den deutschen Mali-Einsatz ein.

Relevanter sind da schon der Grad an Freiheit einer Gesellschaft und geheimdienstliche Überwachungsprogramme. Um gleich mal ein paar Kommentare vorwegzunehmen. Natürlich sind mir Snowdens Leaks bekannt. PRISM, CLOUD Act, NSA, Five Eyes usw. usf. Kann man alles bei Wikipedia wunderbar aufbereitet nachlesen. Ja, natürlich müssen sich die Hersteller unter Umständen dem Willen des Staates beugen und manche Maßnahme riecht nach staatlicher Einflussnahme aber in die Überwachungsprogramme rutscht man auch, wenn man Smartphones aus dem Kongo kaufen würde.

Vielleicht sind die Programme noch viel schlimmer als gedacht oder die Firmen kooperieren noch enger mit den Geheimdiensten, als wir wissen. Nur gibt es in den USA Meinungs- und Redefreiheit, es gibt transparente Verfahren und die Möglichkeit vor US-Gerichte zu ziehen. Natürlich wird jetzt irgendwer hier das Beispiel Lavabit bringen und die ominösen „national security letters„. Doch woher wissen wir das alles? Weil Ladar Levison klagte, zumindest teilweise Recht bekam und Akteneinsicht nehmen durfte. Die waren dann auch noch nur oberflächlich geschwärzt.

Man darf, soll und kann (was nicht zu unterschätzen ist!) diese Überwachungsprogramme jederzeit kritisieren. Man sollte aber nicht den alten Fehler der westdeutschen Linken wiederholen und aus dumpfen Antiamerikanismus die Gegner der USA als „die Guten“ verklären. Wo früher Ho-Ho-Ho-Minh skandiert und Mao-Bibeln hochgehalten wurden, relativieren heute viele die Unrechtsstaaten in Russland und China und adaptieren die chinesische Propaganda vom historischen Recht Chinas an irgendetwas.

Womit wir bei China wären. Dort hätte kein Gericht irgendeinem Betreiber eines E-Mails Dienstes in der Auseinandersetzung mit dem Staat Recht gegeben oder Akteneinsicht gewährt und chinesische Nutzer können die Überwachungsprogramme ihrer Regierung auch nicht bei Wikipedia nachlesen. Selbst superreiche IT-Unternehmer verschwinden wochenlang von der Bildfläche, wenn sie ihre Meinung sagen. Die Konzerne werden anschließend zerschlagen und der Macht der herrschenden Partei ungeordnet. Was wäre wohl bei einem Fall analog zu Apple vs. FBI dort passiert?

Nebenbei baut China stetig weiter an einem Überwachungsstaat, der seinesgleichen sucht. Die große chinesische Firewall (größte Zensurbehörde der Welt), Social Credit System usw. usf. Das sind die relevanten Bereiche, die uns auch in chinesischer Technik begegnen. Der Vollständigkeit halber und weil wir oben Guantanamo und Kriege hatten, hier der Fairness halber gleich noch eine kleine Ergänzung der sonstigen chinesischen „Innenpolitik“: Ermordung Millionen eigener Bürger in Kulturrevolution und großem Sprung nach vorn, Internierungslager für Uiguren mit faktischem kulturellen Genozid, Tibet, Stützung Nordkoreas. Was vergessen?

Deshalb vertraue ich keinen chinesischen Herstellern. Sie sind nicht unabhängig genug vom Staat, die Informationen sind nicht transparent und vertrauenswürdig genug und chinesische Hersteller unterstützen zwangsläufig aktiv Unterdrückung, Zensur und Überwachung in ihrem Heimatmarkt, denn ansonsten gäbe es sie gar nicht.

Natürlich gibt es noch andere Diktaturen auf der Welt, aber die meisten sind wirtschaftlich nicht so erfolgreich, im IT-Sektor nicht relevant und deshalb kein Thema für dieses Blog. Lediglich Russland ist eine partielle Ausnahme, weshalb ich das im Zusammenhang mit Jolla / SailfishOS bereits thematisiert hatte. Die Reichweite russischer Unternehmungen ist aber sehr beschränkt, weshalb das nicht weiter herausgehoben werden muss.

Zusammengefasst

Ob ich ein Objekt der weltweiten amerikanischen Massenüberwachung werde, kann ich mir leider nicht aussuchen. Ich weiß nicht mal, ob die Hütte in den Alpen da noch reichen würde, um dem zu entkommen. Ob ich meine Daten in die chinesischen Systeme einspeisen möchte, kann ich mir noch aussuchen. Das chinesische politische Modell erzeugt bei mir jedenfalls keinen Wunsch dieses System freiwillig zu stützen. Und sei es auch nur durch den Kauf eines Smartphones.

Mir ist klar, dass es in Deutschland genug Anhänger autoritärer oder diktatorischer Systeme gibt. Putin-Verklärer gibt es zahlreiche und während der Corona-Pandemie hat man ein erschreckendes Faible für die vermeintliche Effizienz von Diktaturen und Quasi-Dikaturen bei vielen Kommentatoren feststellen dürfen.

Ich teile dieses Faible nicht und sehe den Aufstieg Chinas extrem kritisch. Noch mehr verabscheue ich Kommentatoren, die als Bürger eines Rechtsstaats, geschützt durch in der Verfassung verankerte Menschenrechte und im Besitz einer vollumfänglichen Meinungsfreiheit behaupten, man dürfte dieses oder jenes nicht mehr sagen, von vermeintlicher Zensur fabulieren und die Zustände in Diktaturen nicht so schlimm finden. Das wird sich auch immer wieder in meinen Blogartikeln wiederfinden. Wem das nicht passt, wer gerne in einem China-gleichen System leben und das befördern möchte, wer gerne grundlos seine Daten nach China übermitteln möchte, der muss dann halt andere Blogs abonnieren.

Privatsphäre und Datenschutz sind damit sowieso nicht zu vereinbaren.

Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

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