Föderierte Systeme sind in einigen Kreisen gerade sehr angesagt. Das Konzept ist nicht neu, hat aber mit Matrix (Element), Mastodon und anderen Instanzen des Fediverse inzwischen neue prominente Vertreter. Hinsichtlich Datenschutz und digitaler Privatsphäre haben diese Systeme aber strukturelle Probleme.

Föderiert vs. Zentral

Föderierte Systeme sind das Gegenteil von zentralisierten Systemen, die von ihren Kritikern auch gerne als „Walled Gardens“ bezeichnet werden. Zentralisierte Systeme werden so bezeichnet, da in ihrem Kern eine zentral verwaltete Serverinfrastruktur steht, über welche die beteiligten Clients miteinander kommunizieren. Das System nutzen nahezu alle proprietären Dienste, aber auch freie Systeme wie Signal.

Föderierte Systeme bestehen dagegen aus einem Netz unabhängiger Server, auf denen dieselbe bzw. eine kompatible Software läuft, die miteinander kommunizieren und gewissermaßen ein Netz bilden. Das System kennt eigentlich jeder Anwender, da die E-Mail so funktioniert. Praktisch gesagt: Während man von WhatsApp zu Signal keine Nachricht schreiben kann, geht das von GoogleMail zu Posteo natürlich schon. Im Messenger-Bereich ist es auch nichts wirklich neues, denn XMPP („Jabber“) funktioniert ebenfalls nach diesem System.

Ein föderiertes System ist beim Aspekt der Unabhängigkeit vom zentralen Anbieter unschlagbar. Es wird deshalb vor allem von Befürwortern der digitalen Souveränität gerne hervorgehoben. Bei zentralisierten Systemen wie z. B. Signal hängt alles vom zentralen Betreiber ab. Schaltet Signal seine Server ab, ist das Kommunikationsnetz Signal Geschichte. Die Serversoftware ist zwar quelloffen, aber ein neuer Betreiber könnte nicht automatisch an die Stelle des ehemaligen zentralen Betreibers treten.

Risiken offener Protokolle

Ein grundlegendes Risiko dieser offenen Protokolle zeigt schon ein Blick auf die Geschichte von XMPP. Ist die Entwicklung noch jung, gibt es meist nur einige wenige Clients und eine Serversoftware. Die Zahl der Betreiber und Nutzer ist ebenso noch recht gering. Neue Funktionen und Änderungen am Protokoll werden schnell verteilt und erreichen schnell alle beteiligten Anwender.

Mit der Zeit differenzieren sich die Softwarelösungen aber immer mehr aus. Genau das finden die Befürworter solcher Systeme ja auch gut. Änderungen und sinnvolle Weiterentwicklungen brauchen immer mehr Zeit, um alle Beteiligten zu erreichen. Es wird immer mehr zurückhängende Instanzen geben und Inkompatibilitäten im Netzwerk.

Ein Beispiel dafür ist die Einführung von OMEMO bei XMPP, die bis heute nicht alle Clients erreicht hat. Ein anderes Beispiel ist die klassische E-Mail, wo immer noch nicht alle Server standardmäßig Transportverschlüsselung anbieten. Kunden von Posteo konnten vor einigen Jahren einstellen, dass eine E-Mail nicht verschickt wurde, wenn die Gegenseite keine Transportverschlüsselung gewährleistete. Das waren insbesondere in der Anfangszeit ganz schön viele, ist mit der Zeit aber natürlich weniger geworden.

Systembedingte Probleme

Die Zeit kann aber nicht alle Probleme lösen. Einige Schwierigkeiten sind systemimmanent und können nicht sinnvoll überwunden werden. Sobald man Matrix nutzt, ist man Teil des föderierten Netzwerkes. Die einzelnen Instanzen müssen miteinander Daten austauschen können, da man ansonsten nur mit anderen Anwendern des Servers kommunizieren könnte, auf dem man selbst registriert ist.

Während man bei einem zentralisierten Anbieter wie Signal nur einem Anbieter vertrauen muss, bedarf der Einsatz von Matrix Vertrauen in alle Anbieter von Matrix-Serverinfrastruktur. Das ist umso gefährlicher, weil Metadaten-Vermeidung strukturell bei verteilten Infrastrukturen aufgrund der Einbeziehung vieler Server und Clients schwierig ist.

Ein paar praktische Beispiele: Alle an einer Kommunikation beteiligten Matrix-Server speichern beispielsweise theoretisch unbegrenzt die komplette Kommunikation. Umso bedenklicher, da einige Clients des heterogenen Ökosystems (siehe Nachteile solcher Netzwerke oben) wie KDEs NeoChat nicht mal Verschlüsselung beherrschen. Gleichwohl würde das sowieso nur die Inhalte und nicht die Metadaten schützen. Man kann Nachrichten zwar löschen, aber technisch handelt es sich dabei lediglich um eine Art „Löschwunsch“ an andere Server, ob diese das auch umsetzen, entzieht sich der Kontrolle.

Der Homeserver, auf dem man sein Konto angelegt hat, speichert zudem noch deutlich mehr: Kontaktliste, Mitgliedschaften in Gruppenchats, Nachrichtenverläufe usw. Diesem Betreiber muss man extrem vertrauen. Allerdings hat man hier wenigstens ein wenig Steuerungsmöglichkeit.

Nicht das Ende der Probleme

Dabei handelt es sich noch nicht mal um das Ende der Fahnenstange. Es gab im Gegensatz zu Signal oder Threema keinen Audit der kompletten Infrastruktur, sondern nur 2016 der E2E-Verschlüsselungslösung. Die Implementierung von E2E-Verschlüsselung in den Clients steht noch auf einem ganz anderen Papier. Oft ist ja nicht die Verschlüsselung das Problem, sondern die Umsetzung im Client. Ein Problem das vor allem bei so heterogenen Ökosystemen natürlich zum Problem wird, weil man nicht weiß was die anderen Beteiligten für Software nutzen.

Die Finanz- und Entwicklungsstruktur der zentralen Bausteine sind auch kein Beispiel für Transparenz. Matrix bzw. Element (ehm. Riot) wird primär von der New Vector Ltd. entwickelt. Eine Firma, die nicht gerade die transparenteste Finanzsituation hat. Hier ist man gegenüber Signal oder auch Telegram nicht im Vorteil.

Alles schlecht? Nein, aber die falsche Außendarstellung

Sind föderierte Kommunikationssysteme im Allgemeinen und Matrix im Speziellen deshalb schlecht? Nein! Zumindest wenn man die richtige Perspektive wählt und keine falschen Erwartungen weckt.

Zentrale Systeme haben Nachteile, weil man sich abhängig von einem Betreiber macht. Im Hinblick auf eine digitale Souveränität des Individuums, kleiner Gruppen, Firmen oder gar Staaten können föderale Systeme einen Ausweg bieten. Je nach Anforderungen und Wünschen ist das ein interessantes Angebot.

Das hat aber alles nichts – wirklich gar nichts – mit Datenschutz und digitaler Privatsphäre zu tun! Wer bei dieser langen Liste von Defiziten und Problemen zum aktuellen Zeitpunkt Matrix als Privatsphären- und Datenschutz-freundliche Alternative zu Signal oder Threema bewirbt, hat ganz gewaltige Scheuklappen auf. Ich finde es erschreckend wie viele Kommentatoren sich hier vom Begriff der digitalen Souveränität und dem Open Source-Charakter blenden lassen.

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