Ubuntu – Eine Distribution sucht ein System

Symbolbild "Ubuntu"

Linux erfindet sich gerade neu. Nicht optisch oder durch große strukturelle Änderungen am Desktop, sondern unter der Oberfläche. Erst kam systemd, nun schränken viele Distributionen den Root-Zugriff massiv ein und setzen stattdessen auf PolicyKit und langsam aber sicher löst Wayland das alte X11 ab. Besonders sichtbar sind zudem die neuen Formate für Apps, die den klassischen Dualismus aus RPM und DEB durcheinander bringen.

Besonders chaotisch verläuft dieser Prozess bei Ubuntu. Nachdem Canonical letztes Jahr seine Eigenentwicklungen Unity 8 und MIR auf das Abstellgleis geschoben hat, ist sowieso unklar, wie genau der Plan auf dem Desktop aussieht und wie viele Ressourcen Canonical noch bereit ist zu investieren. Ein Blick auf die Homepage zeigt, dass der Desktop alles andere als im Fokus steht.

Zudem ist Ubuntu strukturell bedingt eine chaotische Distribution. Canonical entwickelt hinter verschlossenen Türen die Hauptvariante Ubuntu und die Derivate entwickeln ihre jeweilige Variante losgelöst von den anderen Projekten. Wenn man sich die Mailinglisten so anschaut, verläuft die Kommunikation da alles andere als optimal. Die einzelnen Projekte referenzieren sich auf den Internetauftritten nicht mal unbedingt gegenseitig.

Canonical scheint momentan mit den neuen Snaps auf dem Desktop zu experimentieren. Testweise lieferte man deshalb für die Hauptvariante mit GNOME einige Programme in 18.04 als Snap aus. Ein Experiment, das man bei den Ubuntu MATE-Entwicklern auch versucht. Sollten die Tests nicht vollkommen scheitern könnte dies die Zukunft der Programm-Installation aus dem Linux-Desktop liegen. Insbesondere Drittabieter wie Spotify haben diesen Weg bereits aufgegriffen.

Andere Projekte wie Kubuntu wissen noch nicht mal, ob sie eine LTS oder eine Rolling Release Distribution sein wollen. Wenn man sich diese Diskussion so anschaut, kann man erhebliche Zweifel daran entwickeln, dass die Kubuntu-Entwickler das Ubuntu-Entwicklungssystem noch unterstützen. Anstatt die bestehenden LTS-Varianten mit Elan zu pflegen und neue Bugfix-Versionen über das Updatesystem zu verteilen, beschäftigt man sich mit einem PPA-Monster, über das man zukünftig sogar das Toolkit aktualisieren will. Kubuntu bewegt sich damit eher in eine Richtung wie KDE neon und behandelt die Ubuntu Veröffentlichungen als Snapshots der eigenen Entwicklung.

Lubuntu und Xubuntu sind davon gar nicht betroffen. Ersteres versucht seit Jahren LXQT zu implementieren und letzteres braucht für jedes Release letztlich nur ein neues Wallpaper, da sich kaum was tut.

Wenn man sich diese Entwicklung so ansieht, fragt man sich, ob Ubuntu und die offiziellen Derivate überhaupt noch eine Distribution sind. Abgesehen von Ubuntu-Minimal und Standard als Unterbau teilt man nicht mehr viel und diesen Unterbau haben Mint oder KDE neon auch.

Im Grunde genommen ist diese Entwicklung nicht gänzlich neu. Ubuntu war durch die Einbeziehung von Derivaten schon immer ein unübersichtliches System. Andere Distributionen haben ihre Projekte aber zwischenzeitlich deutlich gestrafft und eine fokussierte Idee entwickelt, welche Zielgruppen ihre Distribution ansprechen möchte. Die Ubuntu-Familie möchte scheinbar alles gleichzeitig abdecken.


Bilder:

Einleitungs- und Beitragsbild von guaxipo via pixabay

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