Kommentar: Das Ende von LiMux - eine Nachbetrachtung

Bild von TeroVesalainen via pixabay / Lizenz: CC0 Public Domain

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2017 endete endgültig eines der interessantes Projekte im Bereich Open Source: Der Versuch die Verwaltung einer deutschen Großstadt nahezu komplett auf freie Software umzustellen. Das Projekt interessierte die Technikgemeinde aber immer überproportional, verglichen mit der medial greifbaren gesamten deutsche Öffentlichkeit. Während es in den Fachmedien zahllose Artikel gibt, sind in überregionalen Magazinen und Tageszeitungen fast keine Berichte aufzufinden. Diese verzerrte Berichterstattung führte zwangsläufig auch zu einer einseitigen Perspektive auf das Projekt.

Grundsätzlich ist natürlich festzuhalten, dass der Einsatz von Open Source in der Verwaltung begrüßenswert ist und ausgebaut werden sollte. Die Abhängigkeit von einem einzigen Softwareunternehmen ist immer bedenklich. Noch problematischer wird dies, wenn dieses eine Unternehmen sein Geschäftsmodell modifiziert und anfängt in größerem Umfang Daten der Anwender zu erheben. Das ist kein abstraktes Szenario sondern mit dem nahenden Supportende von Windows 7 Realität. Der Einsatz von Windows 10 als Client in Wirtschaft und Verwaltung erfordert größere Anpassungen, auch wenn manche Datenschutzbeauftragte keine allzu großen Bedenken haben.

Hinzu kommt die absehbare Entwicklung hin zu einem noch massiveren Einsatz von Clouddiensten, inklusive des inhärenten Datenabflusses. Vor dieser Entwicklung sollte man sich vorausschauend schützen und nicht erst wenn Desktopclients ohne Onlinezwang endgültig ein Auslaufmodell sind.

Der Einsatz von Open Source ist jedoch auch kein Selbstzweck. Die Software soll der Verwaltung dienen und nicht umgekehrt. Insbesondere dieser Punkt ist in der öffentlichen LiMux Debatte ins Hintertreffen geraten. Das legt auch daran, dass die Erwartungshaltung divergierte.

Die Open Source Gemeinschaft hoffte zumindest implizit von LiMUx zu profitieren. Codeverbesserungen und Neuentwicklungen sollten mittelfristig zurückfließen und durch Nachahmer in der Verwaltung anderer Städte langfristig die Akzeptanz offener Standards in der Verwaltung steigen. Die Idee, dass der professionelle Einsatz Software für die Allgemeinheit verbessern soll ist grundlegend für die Open Source Entwicklung und auch kein wirkliches Problem. Problematisch ist jedoch, dass die Gemeinschaft in der medialen Debatte gerne vergessen hat, wem LiMux primär dienen sollte. Nämlich der Verwaltung Münchens und damit den Bürgern der Stadt.

Hinzu kam immer ein zweiter Punkt. LiMux war ein primär aus Kostengründen gestartetes Projekt. Die Stadt wollte durch den Umstieg auf freie Software Hardware- und Lizenzkosten einsparen. Besonders diesen Punkt befeuerte die Gemeinschaft kräftig und noch heute dominiert er die Kommentarspalten. Die FSFE hat dies schlussendlich als Fehler begriffen, denn freie Software spart kein Geld! Auch Linux braucht moderne Hardware um gut zu funktionieren und will entwickelt werden. Der mediale Fokus auf den 90 Millionen für die nun anstehende Migration zu Windows hilft da nicht im mindesten. Es wird nämlich wieder die Illusion erzeugt, Open Source würde kein Geld kosten.

Diese Entwicklungskosten sind nicht niedriger als die Lizenzgebühren der großen Softwareschmieden, denn mangels eines adäquaten Angebots muss vieles selbst entworfen und angepasst werden. Daran ist LiMux zumindest partiell gescheitert. Weil man nie etwas "von der Stange" einsetzen konnte, dauerten Projekte teilweise ewig und die Verwaltung wurde scheinbar mit Hoffnungen auf die Zukunft vertröstet. Parallelen zum allgemeinen Zustand freier Softwareprojekte drängen sich da geradezu auf.

Der entscheidende Punkt war jedoch: LiMux hat einfach nie problemlos funktioniert! Wenn das Projekt so erfolgreich gewesen wäre und es keine Probleme gegeben hätte, dann wäre es nach 10 Jahren unmöglich gewesen einen harten Bruch zu vollziehen - politische Mehrheiten hätte man dafür nicht zustande gebracht. LiMux hatte aber immer Probleme. Diese lagen nicht unbedingt ausschließlich an der Software oder an der stadteigenen IT aber gegenseitige Schuldzuweisungen lösen Probleme für die Verwaltung nicht. Manchen Entscheidungsträgern in der Kommunalpolitik und Verwaltung erschien ein Ende mit Schrecken schlussendlich reizvoller als der berühmte Schrecken ohne Ende.

Hier muss man sich fragen ob die Entwicklungsmodelle freier Software nicht starke Probleme für den Einsatz in Wirtschaft und Verwaltung bereiten. Die Münchner IT stand jedenfalls über all die Jahre durchgehend vor dem Problem einen zeitgemäßen Linux-Client auszurollen. Weiterhin sollte man akzeptieren, dass öffentliche Verwaltung mehr bedeutet als ein Betriebssystem mit einem Office-Programm auszustatten. So mancher tapfere Streiter in den Kommentarspalten scheint das noch nicht eingesehen zu haben. Wenn man aber Probleme herunterspielt und Stärken alternativer Ökosysteme ausblendet kommt man zu keiner ehrlichen Analyse des Problems. Dazu müssten natürlich auch alle Beteiligten mal die Fakten auf den Tisch legen. LiMux ist leider bereits zu lange in ideologische Grabenkämpfe verstrickt, bei denen sich Argumentationen nicht mehr schlüssig nachvollziehen lassen. Nachdem München das Projekt nun endgültig abgewickelt wäre es dafür an der Zeit. PR in eigener Sache braucht nun keine Partei mehr machen.

Die Abwicklung erfolgte am Schluss natürlich nicht transparent. Eine Beratungsfirma mit engen Verbindungen zu Microsoft, ein Umzug der Deutschlandzentrale von Microsoft, klare Positionierungen des Bürgermeisters, der Versuch Kosten zu verschleiern - all das kann man nicht weg diskutieren.

Die Open Source Community sollte dennoch nicht den Fehler machen - wie es medial gerade teilweise geschieht - und eine arglistige Verschwörung des Weltkonzerns mit beeinflussbaren Politikern zu lasten des Steuerzahlers zu vermuten. Stattdessen braucht es eine ehrliche Analyse warum es nicht möglich ist eine öffentliche Verwaltung komplett auf Linux zu migrieren. Denn dieses Unterfangen scheitert nun nicht zum ersten Mal. Wenn es keine ergebnisoffene Analyse gibt, kann man sich die nächsten Anläufe gleich sparen. Dabei könnte dieser Ansatz in den kommenden Jahren - siehe Cloudzwang und Datenschutz - nötiger denn je werden.

Lars
Topf!
Ein wirklich guter Kommentar zu der ganzen Geschichte.
Auf den Punkt gebracht, informativ und mit Sinn und Verstand.
Chapeau!

iest man in den oben genannten Kommentarspalten leider viel zu selten, aber Idealisten ignorieren sich ja leider in allzu vielen Themen die Realität zu recht.

Thomas-Do
> Stattdessen braucht es eine ehrliche Analyse warum es nicht möglich ist eine öffentliche Verwaltung komplett auf Linux zu migrieren.

Damit stellst Du die Unmöglichkeit als Tatsache hin. Ich würde behaupten, dass es natürlich möglich ist, eine öffentliche Verwaltung komplett auf Linux zu migrieren. Die Frage ist nur, was es dazu braucht. Auch, wenn man kein Verschwörungstheoretiker ist, kann man nicht außer auch lassen, dass auch Lobbyismus immer einer Rolle spielt. Und die Lobbyarbeit der Konzerne ist meist besser als die, der Foss-Gemeinde. Die Motivation der Nutzer zu einer Änderung spielt auch eine Rolle. In einer Windows-dominierten Welt, ist das für viele Meschen nicht einsehbar, warum eine öffentliche Verwaltung einen anderen Weg gehen sollte als sie selbst privat. Das Gleiche gilt für Politiker.
Dazu kommen natürlich auch sachbezogene Probleme, die gelöst werden müssen. Die gibt es aber bei proprietärer Software auch.

Cruiz
Nach all den gescheiterten Projekten nehme ich das bis zum Beweis des Gegenteils einfach mal an und stelle es etwas provokativ als Tatsache hin.

Dass Lobbyismus ein Faktor ist habe ich allerdings nicht unterschlagen. Außerdem betreibt ja auch die Open Source Gemeinde sehr erfolgreich Lobbyismus, wie man an der Presseberichterstattung über LiMux sehen kann.

zephir
@Thomas-Do
natürlich ist es mit entsprechendem Aufwand möglich, aber wohl nicht unter den Rahmenbedingungen, unter denen solche Projekte in der Regel stehen: Beispiel München: 1) Kostensenkung durch Open Source: sehr fraglich, da sehr viel Neuentwicklung erforderlich ist und viel mehr Planung und Koordinierungsaugfwand entsteht. Der Löwenanteil der IT Kosten sind in der Regel, Betrieb, Support und Weiterentwicklung, die Lizenzkosten sind meist nur eine geringer Posten. Weiternutzung alter Hardware für Windows NT (Ernsthaft? auch Anwendungen für Linux brauchen Arbeitsspeicher und Prozessor Leistung (Überraschung). Höher Sicherheit: Auch bei Linux nur durch teuren Support gegeben, eine selbstgebastelte, veraltete und nicht mehr gepflegte Frickellösung ist auch unter Linux nicht sicher. Herstellerunabhänigkeit durch Open Source: kommt nur bedingt zum tragen. Für Windows Software gibt es eine riesigen Markt an Entwicklern, (Fach)Software und alternativen Lösungen von der Stange.

Stilangel
Ausgangslage war doch eine Stadtverwaltung, die durch jahrelange Haushaltskonsolidierung personell ziemlich auf dem Zahnfleisch kroch ( und teilweise immer noch kriecht), ein IT-Dienstleister IT@M, der komplett neu aufgebaut wurde und bei dem viele Stellen jahrelang nicht besetzt werden könnten und lokale dikas, die zumindest im Direktorium vor allem mit den Problemchen der Stadträte beschäftigt waren und so BasisClients mit riesiger Verspätung in den Büros angekommen sind.
Ansonsten stimmt es natürlich alles, was oben steht. Ich hätte mir halt etwas mehr Durchhaltevermögen gewünscht, vor allem beim Einbinden von Fachverfahren, was sicher unter Windows ähnlich schwierig werden wird.

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