Firefox Quantum - Abstieg trotz Quantensprung?

Bild von tuku via Pixabay / Lizenz: CC0 Creative Commons

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Mozilla hat vergangene Woche Firefox 57 "Quantum" freigegeben. In dieser Version fließen die verschiedenen Projekte der vergangenen Jahre zusammen und man hat viele alte Zöpfe abgeschnitten um Firefox fit für die Zukunft zu machen. Mozilla steht dabei unter großem Druck. Die Marktanteile am Desktop sind rückläufig und auf den mobilen Plattformen hat man nie richtig Fuß fassen können. Die aktiven Installationen hat diesen Sommer der ehemalige Technik-Chef von Mozilla unter die Lupe genommen.

Nach vielen tendenziell negativen Schlagzeilen in den vergangenen Jahren wollte man bei Mozilla nochmal richtig auftrumpfen. Da man das Versionssystem bereits vor einigen Jahren in die Beliebigkeit überführt hat ergänzte man die Veröffentlichung um einen Codenamen, der das Ausmaß des Bruchs deutlich machen sollte. Hinsichtlich der Öffentlichkeitsarbeit ein voller Erfolg. Nicht nur die Technikmedien berichteten ausführlich, sondern alle großen Medien in Deutschland. Die Meinungen waren durchweg positiv, auch wenn mancher Anwender alte Addons vermisst.

Firefox Quantum - Technisch ein Erfolg

Technisch gesehen ist Quantum ein voller Erfolg, daran kann man kaum rütteln. Der Browser ist nicht nur in irgendwelchen Benchmarks schneller, sondern den Geschwindigkeitsschub bemerkt der Anwender ganz real. Mit dem neuen Design grenzt man sich positiv von der Konkurrenz ab, bleibt aber dennoch als Firefox wiedererkennbar. Eine Gratwanderung die nicht jeder Software gelingt. Die Einstellungsmöglichkeiten sind relativ umfangreich, weshalb der Anwender alte lieb gewonnene Funktionen wie z.B. eine separate Suchleiste auf Wunsch zurückholen kann.

Die Entscheidung das alte Addonsystem komplett zu streichen, trifft zwar manchen Anwender hart, war aber unvermeidbar und durch den langen Vorlauf sind viele wichtige Addons bereits auf das neue System portiert.

Das volle Ausmaß der Neuerungen kann man dem Blog von Sören Hentzschel entnehmen.

Einfach "Gut" reicht nicht

Es ist jedoch eine Illusion, dass Qualität oder eine überzeugende Oberfläche ausschlaggebend auf dem Browsermarkt sind. Konkurrenten wie Safari oder Edge profitieren von ihrer engen Verzahnung mit den Betriebssystemen macOS und Windows 10. So lange sie nicht zu viel falsch machen gibt es für den Anwender erst einmal wenig Gründe zu wechseln. Chrome profitiert wiederum von Googles enormer Werbemarktmacht und hat sich auf dem Desktop inzwischen fest etabliert.

Im mobilen Segment haben Safari und Chrome durch ihre Verzahnung mit den dominierenden Betriebssystemen iOS und Android den Markt unter sich weitestgehend aufgeteilt. In den App Stores buhlen zudem dutzende Anbieter alternativer Browser um Aufmerksamkeit, wodurch Firefox nur noch einer von vielen ist.

Mozilla hat zwar gemessen an anderen Open Source Projekten umfangreiche finanzielle Mittel, diese stammen aber zu einem Gutteil aus Verträgen mit Anbietern von Suchmaschinen, die sich dadurch eine Platzierung in Firefox erkaufen. Sinkende Marktanteile werden hier langfristig zu sinkenden Einnahmen führen.

Wo liegt der Mehrwert?

Mozilla sollte sich daher dringend die Frage stellen, warum Desktop- und Mobilsystemanwender Firefox installieren und nutzen sollen. Ein funktionsfähiges Tor zum Internet bieten auch die vorinstallierten Browser und die Zahl derer, die Firefox quasi automatisch aus Gewohnheit auf jedes neue System herunterladen sinkt kontinuierlich. Firefox muss einen Mehrwert gegenüber den Konkurrenten von Apple, Googe und Microsoft bieten.

Sicherheit war schon früher ein Schlagwort unter dem Firefox vermarktet wurde und auch jetzt wirbt man auf der Downloadseite sehr prominent im Abschnitt "Schön privat" mit den erweiterten Sicherheitsfunktionen. Hier liegt die große Chance von Firefox, weil man eben im Gegensatz zu konkurrierenden Browsern nicht die Erhebung und Vermarktung von Nutzerdaten als Geschäftsmodell betreibt.

Mit dem integrierten Trackingschutz und - seit Quantum - auch leicht zugängigen Einstellungen in diesem Bereich geht man in diese Richtung. Die Integration von Funktionen aus dem Tor Browser Bundle zeigt, dass Teile der Firefox-Entwickler diesen Pfad beschreiten möchten. In der Tor-Abspaltung liegen sowieso viele bereits ausgereifte Funktionen bereit, die man verhältnismäßig schnell in den Hauptzweig überführen könnte. Mit Firefox Klar hat man zudem in diesem Sinne ein experimentelles Produkt für Mobilsysteme gestartet.

Parallel konterkariert man diese Entwicklungsschritte durch gegenläufige Entscheidungen. Dazu zählen:

Diese widersprüchliche Entwicklung fällt schwer zu erklären. Arbeiten hier unterschiedliche Abteilungen in unterschiedliche Richtungen? Kann im Hintergrund jeder Entwickler machen was er will? Hat Mozilla eventuell gar keine übergreifende Strategie? Dient die Datenschutzstrategie nur PR-Zwecken?

Natürlich ist eine datenschutzfreundliche Strategie nicht die einzige Möglichkeit für Mozilla sich aus der aktuellen Misere zu befreien. Man kann auch das Internet oder den Browser neu erfinden oder andere Alleinstellungsmerkmale gegenüber den Mitbewerbern entwickeln. Bisher kam da nur nicht viel und das Motto "Datenschutz und Sicherheit" dürfte aus oben genannten Gründen leicht und glaubwürdig zur Verfügung stehen.

Einfach einen guten Browser abzuliefern reicht nur nicht mehr. Auf allen gängigen Betriebssystemen stehen vorinstalliert gute Browser zur Verfügung. Warum sollte man da zu Firefox greifen? Da hilft auch kein technischer Quantensprung.

Schlonke
Ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber den Systembrowsern hat Firefox ausgerechnet mobil: Man kann über Addons Adblocker installieren. Deshalb ist er mein Standardbrowser auf Android, obwohl ihn gerade dort kaum jemand nutzt.
Cruiz
Safari unter iOS verfügt auch über Inhalteblocker. Unter Android hat Chrome inzwischen doch eine integrierte Lösung oder ist die noch Beta?
Schlonke
Der Chrome-Blocker ist meines Wissens beta, aber ganz davon abgesehen auch nie als echter Werbeblocker gedacht gewesen. Das ist ein Werkzeug, um Googles-Werbenetzwerk zu stärken, nicht, um Werbung allgemein zu blocken. Bei Firefox kann ich auf Android Ublock installieren und Ruhe ist.

Für Safari auf iOS gab es auch lange keine anständigen Adblocker. Wenn das inzwischen nicht mehr so ist, gilt das Gesagte nur für Android.

thom_raindog
Grade den Thread auf GitHub zu GoogleAnalytics gelesen. Was ein PR-Albtraum. Da muss man sich wirklich Sorgen machen.

Wenn man dann hier:
https://www.mozilla.org/de/privacy/websites/
noch unter "Cookies" auf "Mehr erfahren" klickt, sieht man, dass offenbar auch Optimizely, ShareProgress und Yahoo Ad Manager im Spiel sind. Das ist ne Menge "Third Party", ohne das man das besonders einfach erkennen könnte...

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