Firmen benötigen kein „zweites Leben“ mit Linux

Heise bringt mal wieder eine Serie zum Umstieg auf Linux. Dieses mal für Unternehmen im Angesicht der Windows 11-Migration. Das geht völlig am Thema vorbei. Wir brauchen dringend eine andere Diskussion über den Linux-Umstieg und nicht immer die gleichen aufgewärmten Geschichten.

Bei Heise können interessierte Menschen aktuell eine Serie „Zweites Leben mit Linux“ lesen. Bisher sind zwei Teile erschienen:

  1. Zweites Leben mit Linux: Wie Unternehmen alte Windows-Rechner retten können​
  2. Zweites Leben mit Linux: Die besten Distributionen für Unternehmen

Inhaltlich sind die Beiträge ganz interessant und legen mal den Fokus auf die wirklich zentralen Distributionen. Das Lesen beider Artikel bringt daher schon einem Mehrwert. Für sich genommen und ohne das übergestülpte Thema. Denn hier gehen sie total an der Zielgruppe bzw. am Thema vorbei. Das bemängeln sogar viele Kommentatoren im von mir sonst so oft gescholtenen Kommentarbereich von Heise.

Die Grundannahme ist, dass der auslaufende Support für Windows 10 und anstehende Umstieg auf Windows 11 irgendwie mit Kosten für Firmen verbunden ist, die diese vermeiden müssen und können, wenn sie auf Linux umsteigen. Dahinter steht ein völlig veraltetes Bild von IT-Beschaffung und wieder mal das leidige Kostenargument.

Hardware wird über mehrere Jahre abgeschrieben. Die hier suggerierte völlig veraltete Hardware ist somit bereits komplett abgeschrieben. Angesichts der Leistungsanforderungen von Windows 11 ist die betroffene Hardware realistischerweise sogar weit darüber hinaus genutzt worden. Die meisten Firmen haben Beschaffungszyklen, bei denen Hardware turnusgemäß ausgewechselt wird – spätestens nach Ende von Gewährleistung und Support. Die Zeiten, bei denen ein neues Betriebssystem die Auswechslung des kompletten „Fuhrparks“ erforderte, sind doch spätestens seit Anfang der 2000-Jahre vorbei.

Die Kosten für Hardware und Lizenzen sind zudem sehr gering. Wir reden hier von dreistelligen Investitionsbeträgen pro Gerät, wenn keine besonderen Anforderungen beispielsweise im IT- oder Multimediabereich vorliegen. Eine Behörde oder Firma, die hierfür keine Mittel in der mehrjährigen Finanzplanung hat, dürfte andere Probleme haben.

Zumal Hardwarekosten nicht das Hauptproblem bei den meisten Firmen sind, sondern Lohnkosten. Alte Hardware macht Mitarbeiter unproduktiver, weil diese langsamer arbeiten müssen, als es möglich wäre. Alte Hardware verursacht also ganz direkt Kosten an anderer Stelle im Budget. Die meisten Firmen wissen das und stellen deshalb Hardware mit den passenden Leistungskennzahlen passend zu den Aufgaben der Mitarbeiter zur Verfügung.

Am meisten stört mich aber, dass wieder das Kostenargument für Linux in den Vordergrund geschoben wird. Das ist kontraproduktiv und schadet der Verbreitung von Linux und sollte langsam auch dem Letzten klar sein. Die Einführung von Linux kostet auf kurze Sicht sogar mehr Geld, als sie spart. Erstens, weil viele der in den Artikel dargestellten Distributionen kostenpflichtig sind, zweitens weil bei den kostenlosen Distributionen der FOSS-Gedanke eigentlich eine Partizipation der Firmen voraussetzen, die deshalb wiederum Entwicklerkapazitäten bereitstellen müssten. Dazu kommen dann weitere Kosten, weil zusätzliche IT-Kapazität auch ohne Beteiligung an Open Source-Projekten vonnöten wäre, wenn man die genutzten Systeme diversifiziert und die IT-Abteilung neben Windows plötzlich auch Linux auf dem Desktop unterstützen soll.

Bei all diesen Überlegungen ist man noch nicht mal in den Bereich der Anwendungen vorgedrungen und hat hier Chancen und Risiken abgewogen.

Anstelle immer wieder diese leidige Diskussion aufzuwärmen, bei der ein Linux-Umstieg immer nur über das Kostenargument propagiert wird, brauchen wir hier endlich mal eine ehrliche Kampagne. „Public money, public code“ ist eine solche Kampagne für den öffentlichen Dienst und hat inzwischen Einzug in viele politische Sonntagsreden und sogar Koalitionsverträge gefunden. Für die Privatwirtschaft gibt es das bisher nicht. Es muss aber Vorteile abseits von Kostenargumenten geben und diese müssen wirkliche Mehrwerte bieten. Wenn es diese nicht gibt, dann hat Windows zu recht seinen Platz in den deutschen Büros.

Kurzum: Nette Artikel, aber völlig am Thema vorbei. Hoffentlich brauchte man einfach einen Aufhänger für eine Serie und hat da ein bisschen daneben gegriffen und das entspricht nicht dem Firmenbild von Heise. Ansonsten können sie dort ihre Business-IT-Kompetenz endgültig einpacken. Genau so wie die Firmen, die wegen der Investitionskosten für Windows 11 auf Linux umsteigen müssen.

10 Kommentare

  1. Was bei den Personalkosten noch dazu kommt ist: Datenmigration. Angenommen, man will in der Firma wirklich lebensverlängernde Maßnahmen an Hardware betreiben und packt Linux auf eine alte Win 10 Kiste. Die Daten des Nutzers des Rechners müssen trotzdem migriert werden. Kostet Zeit und damit Geld. Und macht auch nur Sinn, wenn man die Daten (Dateiformate) auch vernünftig unter Linux nutzen kann.
    Was bei so Sachen auch gerne außer acht gelassen wird: es gibt nun mal viel Software, die nur unter Win läuft. Das ERP-System, dass wir in der Firma nutzen, in der ich arbeite, hat keine Linux Clients. Plus ich nutze lokal noch ein CAD-Programm (bzw. genau genommen eine 3D Freiformmodelierer), den gibt es nur für Win (und MacOS) plus ein Programm für thermische Berechnungen, das nur unter Win läuft.

    Klar kann man sicherlich alter Rechner mit Linux noch nutzen, z.B. als einfaches Kiosksystem im Empfangsbereich oder als Infoterminal für Mitarbeiter o.ä. Bei regulär genutzten Arbeitsplatzrechner sehe ich das auch als eher schwierig an.

    • Deshalb habe ich den ganzen Bereich Anwenderprogramme bewusst außen vor gelassen. Das reicht ja für 10 eigene Artikel. 😉

      Kiosksysteme etc. laufen oft schon mit Linux. Es ist ja nicht so, dass die Stärken von Linux in solchen Bereichen nicht seit vielen Jahren bekannt wären und gerne genutzt würden. Linux-hassende-Admins in Firmen gibt es nur noch in der Fantasie irgendwelcher Linux-Fanboys.

  2. Ein Grund, warum Firmen auch nach wie vor mit z.B. Windows 7 arbeiten in diesem Zusammenhang und auch nicht (vielleicht sogar „niemals“ auf Linux umstellen können: wenn man Geräte (z.B. analytische Geräte wie HPLC/UPLC-UV/MS/MS-MS/HR-MS, …) mit der Geröteherstellersoftware betreibt – da gibt es mitunter keine Alternativen (weder beim OS noch mitunter in der Version des OS).
    Gerade im regulatorischem Umfeld wäre eine software-seitige Änderung mit einem Mehraufwand verbunden, der sich mitunter „gewaschen“ hat. Zudem werden solche Systeme meist nur in einem geschlossenen Umfeld betrieben, gut abgeschottet vom Internet, woraus sich auch kein Bedarf eines Software (und somit OS-)Updates ergibt.

    Hier wäre es extrem wirkungsvoll, wenn sich die Programmierer der Steuerungs- und Auswertesoftware weg von Microsoft und hin zu einem offenen OS bewegen würden, zumal z.B. Linux in der Lage ist, ein mitunter jahrzehntelang stabiles OS-Umfeld zu bieten (in der Form von Snaps, AppImages, … welche auch „veraltete“ Libs für die Software in einem gekapseltem Umfeld zur Verfügung stellen).
    Wobei: da die Auswertesoftware in der Regel lediglich ein funktionierendes Lizenz-System erfordert – und keine Hardwarespezifische Zugriffe erfordert, wäre da auch eine virtuelle Umgebung ausreichend, wenn man „die Zeit einfrieren“ will.

    Nur um mal Zahlen in den Raum zu werfen: ein System, bestehend aus einem Triple-Quadropol-Massendetektor und einer U(H)PLC als vorgeschaltetem chromatographischen System kostet in der Anschaffung in der Bandbreite von ca. 350.000€, bei „leistungs“stärkeren Time-of-Flight-Detektoren geht es auch mal über die Halbe-Millionen-Grenze – nach oben hin ist bei Spezial-Detektoren noch viel Luft.
    Solche Systeme haben oft eine Laufzeit von weit über die Abschreibungsgrenzen hinaus – und hier sind die PC- und Personalkosten als untergeordnet zu betrachten.

    • Das gibt es leider genau so mit Linux. Ich erinnere mich noch aus meiner Zeit im Gesundheitssektor an namhafte Ultraschallgeräte (die Kosten auch ganz ordentlich und die jährlichen Wartungskosten liegen über dem, was manche Firmen für ihre gesamte PC-Hardware investieren) und da lief ein uraltes Embedded Linux mit zig Anpassungen, das nicht zu aktualisieren war. Linux ist halt leider nicht per se die Lösung. Es kann nur Teil einer Lösung sein.

  3. Wenn die Lizenzen wirklich alle so billig wären, würde in den Datenzentren heute noch Windows laufen. Ganz davon abgesehen, dass diese Aussage das Müll- und Nachhaltigsproblem komplett ausklammert.

    • Dieser Aussage kann ich mich nicht anschließen. Überhaupt nicht, die geht meiner Meinung nach auch völlig am Thema vorbei. In den mir bekannten Datenzentren laufen Großrechner, die kein „zweites Leben“ in irgendeinem Büro bekommen. Das Müll- und Nachhaltigkeitsproblem ist in diesem Zusammenhang auch völlig fehl am Platz. Eine Firma, die wegen Softwareupdates neue Rechner benötigt (wie die unsere beispielsweise) hat keinerlei Verwendung für die alten. Egal ob mit Windows, Linux oder sonstwas drauf. Das kommt erst zum Tragen, wenn man die Rechner für Aufgaben hernimmt, an denen vorher keiner zum Einsatz kam oder man einen defekten Rechner durch einen „wiederbelebten“ ersetzt.
      Viele Grüße, Der_Andi

    • Das ist Äpfel mit Birnen vergleichen. Der Artikel bei Heise (und der Blogeintrag hier) reden von Bürorechnern, nicht Servern. Also letztendlich „consumer hardware“ und Volumenlizenzen von Win 10 (oder 11) Installation. Das ist kostentechnisch eine ganz andere Welt als Serverlizenzen, wo nach CPUs, RAM etc lizenziert wird. Außerdem schwingt da noch der Irrglaube mit das Linux auf dem Server generell nichts kostet. Ja, kann stimmen wenn man alles selber machen kann und will. Stimmt aber überhaupt nicht, wenn man bei Red Hat oder Canonical oder … Lizenzen für professionellen Support von RHEL oder Ubuntu oder … erwirbt.

  4. Volle Zustimmung, das Einsatszenario Linzuxmigration um alte Hardware weiter nutzen zu können ist für Firmen völlig an der Realität vorbei konstruiert.

    Wenn man ohnehin eine Migration zu Linux plant, mag es ein interessanter Pluspunkt sein, das man mache Hardware möglicherweise etwas länger nutzen kann, aber auch da werden wohl die wenigsten Firmen ihre Hardware lange über die Abschreibungsfrist hinaus nutzen wollen. Zumal es ja meist nicht nur das OS ist, das höhere Anforderungen an die Rechnerleistung stellt.

    Aber auf Linux zu migrieren um die Kosten für neue Rechner zu sparen ist ungefähr so sinnvoll wie das Haus abzubrennen weil die Küche neu gestrichen werden muss.

  5. Naja, ich sehe weniger das Problem das man einen alten Firmenrechner noch mit Linux betreiben kann. Das mag wohl ohne große Probleme möglich sein. Bekommst du deine derzeitigen Anwendungen ans laufen?
    Schön das mein Rechner noch mit Linux ohne Probleme läuft aber meine bevorzugten Anwendungen aktuelle Hardware erwarten.

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