Datenschutz-Albtraum Wohnungssuche

Die Auseinandersetzung um Datenschutz teil sich oft in zwei Bereiche. Hier der digitale Datenschutz, wo es um Tracking und Datenabfluss an große IT-Konzerne geht. Dort der klassische Datenschutz mit Themen wie elektronischer Patientenakte, Schufa, Bonuspunkte-Aktionen usw. Während die digitale Selbstverteidigung hochgehalten wird, geraten viele andere Themen in den toten Winkel und insgesamt belügen wir uns eigentlich alle selbst.

Die letzten Jahre wurden wir darauf konditioniert, die Bedrohung für unseren Datenschutz in staatlichem Handeln und bösen IT-Firmen, vorwiegend mit Sitz in den USA, zu sehen. Digitale Selbstverteidigung bedeutete daher die Reduktion der genutzten Dienste, entgooglete Smartphones, Linux auf dem Rechner, ublock, pi-hole und ein ausgefeiltes Cookie-Management. Dann wird schon alles gut. Datenschutz-Influencer inszenierten sich als Lichtgestalten dessen, was man persönlich so alles erreichen kann, aber diese Inszenierung basiert auf einer bewussten Themensetzung und dem Aussparen problematischer Bereiche. Das mag jetzt ein wenig überspitzt sein und es gibt natürlich ganzheitlich ausgerichtete Portale wie netzpolitik.org aber die Tendenz ist da.

Dabei sind die Gefahren für die eigene Privatsphäre oft so viel nahe liegender: Überwachung im öffentlichen Raum, nicht durch den Staat, sondern durch private Akteure. Damit ist nicht nur Videoüberwachung gemeint, sondern über die gesamte Palette. Elektronische Fahrscheine, GPS in den Autos bei ungeklärtem Eigentum an den anfallenden Daten, immer ausgefeilteres Tracking bei stationären Händlern. Dazu kommen dann neue Dienste im Kontext der Mobilitätswende, bei denen auch viele Daten anfallen. Die Liste der problematischen Baustellen ohne direkten Einfluss des Konsumenten ließe sich unendlich fortsetzen.

Ein ganz besonderes Extrembeispiel möchte ich heute thematisieren: Wohnungssuche.

Der deutsche Wohnungsmarkt ist abgesehen von irgendwelchen abgehängten Regionen extrem angespannt. Das ist inzwischen quasi Allgemeinwissen. Nicht nur in den Problemstädte-Klassikern wie München, Frankfurt am Main, Hamburg oder Berlin, sondern auch westdeutsche mittelgroße Städte haben knappen Wohnraum und zu viele Interessenten. Das hat zu wahrlich absurden Praktiken geführt.

Wohnungsmärkte haben ihre regionalen Eigenheiten. Wer schon häufiger die Region gewechselt hat, kennt das. In manchen Städten ist Ebay Kleinanzeigen die Anzeigenbörse der Wahl, woanders ist es irgendein lokales Anzeigenblättchen und oft ist der Platzhirsch Immoscout24 Mittel der Wahl. Je angespannter der Wohnungsmarkt, desto schlimmer die etablierten Praktiken, aber die Tendenz ist überall gleich.

Vermieter wollen sich dabei natürlich vor schwarzen Schafen schützen. Mietnomaden oder einfach säumige Mieter sind ein Ärgernis. Oft ist die Immobilie über Kredit finanziert und ausbleibende Mieteinnahmen bringen das finanziell sorgsam austarierte Kartenhaus zum Einsturz. Räumungsklagen & Co dauern ewig und entsprechend groß ist die Sorge, an den Falschen zu geraten. Das ist auch absolut nachvollziehbar. Der Schutz vor solchen unliebsamen Mietern besteht in Daten, Daten, Daten. Arbeitsverträge, Gehaltsnachweise, Steuerbescheide, Schufa-Auskünfte, Vorvermieter-Referenzen – alles am besten schon vorab übermittelt, um überhaupt einen Besichtigungstermin zu bekommen. Der durchschnittliche deutsche Wohnungssuchende streut bei einem solchen Vorgang vermutlich schon mehr sensible Daten als der sorgloseste Internetbürger jedes Jahr an Google & Co übermittelt. Diese Daten gehen überwiegend an Privatpersonen, die im besten Fall damit sensibel umgehen, aber wer weiß das schon. Wer bei diesem Spiel nicht mitspielt, der bekommt keine Wohnung.

Ein richtiges Geschäft mit den Daten hat Immoscout24 entwickelt, wie die SZ bereits 2016 berichtete. Besser geworden ist in den letzten 6 Jahren da vermutlich wenig. Mehr oder minder freiwillig stellen hier jedes Jahr zigtausende Wohnungssuchende sensible (Finanz-)Daten einer Firma im Besitz einer Private Equity Gesellschaft mit Sitz in San Francisco zur Verfügung. Diese Firma verdient ihr Geld zum Teil mit Einnahmen aus sogenannten Plus-Abonnements, aber – wie so viele andere Unternehmen im Internet – eben nicht nur, sondern auch mit dem Datenschatz, auf dem sie sitzen. Und hier bewegen wir uns noch in einem Bereich, den man zwar geschmacklos finden kann, aber der völlig legal ist. Ein ganz anderes Kaliber sind Betrüger, die sich die Verzweiflung der Wohnungssuchenden auf manchen Wohnungsmärkten zunutze machen und meist straflos bleiben. Die Portalbetreiber versuchen das zwar zu verhindern, aber wer kann schon wirklich gut gemachten Betrug erkennen. Bei Kontaktaufnahme durch Interessenten dreht sich dann das Datenkarussell.

Ändern kann der Einzelne an diesen Praktiken gar nichts. Ebenso wie bei der Überwachung im öffentlichen Raum, intelligenten Systemen in modernen Autos etc. ist Verzicht hier keine Lösung. Denn wer kann schon darauf verzichten zu wohnen? Analoges Leben und digitale Dienste greifen hier immer stärker ineinander und können eigentlich nicht mehr getrennt betrachtet werden.

Digitale Selbstverteidigung ist ein wichtiges Thema, aber man sollte sich immer vergegenwärtigen, dass die Reichweite dieser Maßnahmen begrenzt ist. Selbst wenn wir Smartphones mit GrapheneOS nutzen oder auf viele Dienste verzichten. Gläserne Konsumenten bleiben wir trotzdem.

4 Kommentare

  1. Ohja, man muss sich völlig nackt machen, um dann zu hören, dass die Wohnung leider weg ist.
    Schonmal versucht einen Kredit bei einer Bank zu bekommen 😉 Datensparsamkeit wird hier ganz klein geschrieben.

  2. Wenn du immer so schlechte Stimmung machst gibt’s nie 2,5k Spenden für dich für einen Copypaste-Blogpost pro Monat 😉

    Weiter so! Wir brauchen keine Privacy-Influencer sondern ehrliche Probleme. Wohnungssuche und Datenhandel sind ein solches Problem. Absoluter Horror!

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