Standardargumente bei Kritik an Linux und die Folgen dieser Diskussionsunfähigkeit

Die Linux-Community kannte Shitstorms schon bevor es den Begriff gab und Desktopwars sind legendär. Heute hat man diese harten Auseinandersetzungen auf eine neue Stufe gehoben, indem man die Diskussion verweigert. Mit Folgen für die Meinungsbildung.

Wenn man irgendwo (die Betonung liegt auf irgendwo, es muss eben nicht in diesem kleinen Blog passieren) eine Kritik an Linux formuliert, entsteht immer ein ähnlicher Schlagabtausch. Ich werde das hier mal exemplarisch aufschreiben, um bei Bedarf immer wieder darauf verlinken zu können, weil ich es ehrlich gesagt leid bin, dieselben Pseudoargumente immer wieder zu lesen.

Um das Ganze etwas plastischer zu machen, beschreibe ich das an einem konkreten Beispiel. Diese Kritik könnte wie folgt lauten:

Wayland ist unter Linux noch nicht alltagstauglich, weil es insgesamt an Entwicklern fehlt, diese Entwickler sich weiterhin über viele Projekte verteilen, die Parallelentwicklungen betreiben und nicht alle der Migration die gleiche Bedeutung beimessen.

Ich nehme für diesen Blogbeitrag mit Absicht Wayland, weil ich keine Nebendiskussion auslösen möchte und ich Wayland noch für verhältnismäßig wenig umstritten halte. Das kann man aber für jede Entiwcklungsdiskussion der letzten 10 Jahre nachzeichnen – von ext4 bis systemd. Das ist eine im wesentlichen auf Fakten beruhende Kritik. Für Windows könnte man so etwas auch formulieren:

Windows beinhaltet aus Gründen der Abwärtskompatibilität viele alte Bestandteile, die die Entwicklung bremsen. Microsoft wird diese aus Rücksichtnahme auf seine Business-Kunden aber niemals zugunsten des Gesamtfortschritts aufgegeben.

Ich bin mir nicht mal sicher, ob in einer Diskussion zu so einer Windows-Meldung überhaupt nennenswerte Kommentare kämen. Die Schwächen von Windows sind auch seinen Befürwortern bekannt. Kaum jemand glaubt hier für Microsoft argumentativ in die Bresche springen zu müssen. Man weiß schließlich, was man an Windows hat. Bei Linux käme aber sofort Widerspruch, weil für viele in der Community Kritik sofort abgeblockt werden muss. Kritik ist für sie Verrat an der Wahrheit. Weil das je nach Faktenlage schwer ist, kommen Standardargumente zum Einsatz, um die Diskussion auf Nebenschauplätze abzulenken oder abzuwürgen.

10 Standardargumente sind besonders verbreitet:

  1. Linux ist kostenlos. Das kannst du nicht mit ChromeOS vergleichen.
  2. Linux lebt vom Mitmachen, wo ist dein Beitrag? Hast du schon Code zu Wayland beigesteuert?
  3. Keinen Entwickler interessiert, dein Kommentar hier im Forum / Blog / Kommentarbereich.
  4. Man kann Linux-Entwickler halt nicht zwingen, woran sie sich beteiligten, weil die alle ehrenamtlich mitarbeiten. Manche wollen halt lieber für X.org entwickeln.
  5. Du musst Linux doch nicht nutzen. Such dir doch eine Alternative, die dir mehr gefällt.
  6. Linux lebt von seinen Alternativen. Das war schon immer so und ist gut. Du hast dadurch einfach die Wahl zwischen X.org und Wayland.
  7. Du verwendest den Begriff Linux völlig falsch. Linux ist nur der Kernel. Wovon du sprichst ist die Distribution und da müssen wir erst mal definieren ob Wayland so ähnlich wie X11 ist und ob du nicht eigentlich von Android sprichst.
  8. Wayland widerspricht aber der UNIX-Philosophie. Alternativ: Wayland widerspricht dem KISS-Prinzip
  9. Früher konnten Entwickler noch besser entwickeln, deshalb ist X11/X.org heute so gut und Wayland macht alles falsch.
  10. Bei mir gibt es keine Probleme! Alternativ: Ich brauche Wayland nicht.

Diese Standardargumente kann man angepasst in jede Diskussion schmeißen und ich bin mir sicher, dass die meisten Leser einiges davon wieder erkennen. Vermutlich könnte man über Jahre jede Diskussion auf jeder Linux-Plattform mit diesen 10 Bausteinen bestreiten. Manche dieser Argumente haben verwandte Vorläufer-Argumente aus anderen Kontexten wie „Dann geh dich nach drüben!“, manche sind für sich genommen nicht falsch, sondern nur ihre Verwendung erzeugt fatale Mechanismen und manche Argumente werden gerne wiederholt, sind aber einfach nicht richtig.

Kann uns das nicht egal sein? Nein! Niemand steht morgens auf und sagt: Wayland finde ich blöd. Wir bilden uns unsere Meinung über neue Entwicklungen in einem diskursiven Prozess. Einige experimentieren mit den neuen Werkzeugen und schildern ihre Eindrücke, andere argumentieren eher theoretisch und manche folgen dem Prozess lediglich und bilden sich ihre Ansicht passiv.

Dabei ist es durchaus wichtig festzuhalten, dass dieser Prozess sich nicht nur auf die Entwickler beschränkt, sondern der diskursive Meinungsbildungsprozess zwischen Entwickler- und Anwendergemeinschaft insgesamt entsteht. Die Linux-Geschichte ist voll von guten und weniger guten Entwicklungen, die sich nicht durchsetzen konnten, weil die Anwender sich der Entwicklung verweigerten. Die beste Idee, fehlerfrei umgesetzt, kann nicht erfolgreich sein, wenn die Mehrheit konsequent dagegen ist. Dadurch entstehen dann Dynamiken, die sich nicht rational erklären lassen. Zum Beispiel ist es inzwischen egal was Mozilla mit Firefox macht, die Mehrheit ist immer dagegen und das schlägt sich in den Nutzungszahlen wider.

Am Ende entsteht eine Mehrheitsmeinung, der sich die meisten anschließen und abweichende Minderheitsmeinungen, die entweder verworfen werden, langfristig doch noch Einzug halten, oder in einer Spaltung münden.

Wenn der diskursive Prozess gestört ist, weil keine Diskussion mehr möglich ist, da jede Argumentation mit Standardargumenten entführt oder mit Falschinformationen abgelenkt wird, hat das Auswirkungen auf die Bereitschaft, diese neuen Entwicklungen zu adaptieren, weil die meisten nicht wissen, wie sie die Entwicklung einordnen sollen.. So entstehen dann fiktive Aussagen wie: „Wayland habe ich noch nicht getestet, aber ich habe gelesen, dass es UNIX-Prinzipien bricht, weil die Netzwerktranspararenz nicht mehr besteht und das finde ich blöd. Außerdem ist X.org toll, weil damals konnten die noch effizient entwickeln.

6 Kommentare

  1. Ich kann die Kritik von Gerrit nur unterstreichen. Obgleich ich Linux aufgeschlossen gegenüberstehe und es ein paar Jahre lang ausprobiert habe, bin ich kürzlich frustriert zu Windows zurückgekehrt. Bei Linux gab es auf diversen Distros nervtötende Fehler oder Defizite im Handling, die ich meiner persönlichen Erfahrung nach von Windows so nicht kenne. Das heißt nicht, dass ich Windows liebe. Eher im Gegenteil. Gerrit legt den Finger genau in die Wunde, denn ich empfinde das, was einem nach Kritik an Linux begegnet, ebenfalls oft als Wagenburgmentalität. Konstruktive Kritik ist m.E. im Rahmen einer Fehlerkultur notwendig, um etwas zu verbessern. Meiner Meinung nach steht sich die Linux-Gemeinde dabei oft selbst im Weg.

  2. Danke für Deinen Artikel. Wenngleich ich Deine Argumente teile, so finde ich trotzdem, dass Dein Urteil zur Community zu hart ausfällt.

    Mich nerven die Mauler, Motzer und Besserwisser in vielen IT-Foren auch. Vor allem nervt mich, wieviel Zeit und Energie diejenigen aufwenden, um ihre Meinung in die Welt zu pusten.

    Aber mal ganz ehrlich, die Mauler, Motzer und Besserwisser gibt es woanders auch – schon mal bei beispielsweise Zeit-Online bei irgendwelchen Artikeln die Kommentare gelesen? Zumeist ziemlich freakig, vielfach einfach nur unerträglich. Was definitiv in unserer Zeit fehlt (und das nicht nur in der Linux Community), das ist eine wertschätzende Diskussionskultur. Denn abgesehen davon sind unterschiedliche Meinungen und deren Debatte schon sehr wichtig.

    Dass es in den Linux-Foren und eigentlich generell in IT-Foren heiß her geht, liegt allerdings auch an der Heterogenität all jener, die dort aufeinander prallen: IT-Pros, Geeks, Freaks, Aktivisten und viele, die nur wenig oder keine Ahnung haben und doch mitreden wollen. Linux ist nicht Windows.

    Linux ist kein Produkt, sondern eben eine Community oder ein Universum. Mit einer Vielzahl von Projekten und Menschen, die sich in den vergangenen 30 Jahren in ganz unterschiedlichen Konstellationen – global vernetzt – zusammen getan haben und sehr viele Innovationen produziert haben. Und ohne hitzige Diskussionen geht soetwas vermutlich nicht. Die Free und Open Source Software Community demonstriert, was Schwarmintelligenz (collective Intelligence) ist und hat dies auch schon gezeigt lange bevor es dafür überhaupt einen Begriff gab.

    Persönlich bin ich der Überzeugung, dass vor allem wegen der durchaus erfolgreichen Community-getriebenen Projekte (und da sind die Linux-Distributionen nur so etwas wie die Speerspitzen) agile Projektmanagementansätze gibt. Agilität ist für mich die Professionalisierung von Selbstorganisation. Eigentlich ziemlich genial, oder.

    Zudem hat die Community unzählige hervorragende Software-Produkte an die Oberfläche gespült. Dazu gehören auch verschiedene Linux-Distributionen, die aktuellen Windows-Versionen durchaus das Wasser reichen können.

    Aber es stimmt auch: gerade Falschinformationen und manchmal auch skrupellose Lügen sind wirklich extrem problematisch und derzeit offensichtlich schwer in Mode. Die allermeisten Foren haben ja Forenregeln (Netiquette), doch sind die meist lang und vermutlich eher selten gelesen. Dass es auch kurz und prägnant geht, beweist Manjaro-Linux in seinem Community-Forum bereits im allerersten Satz der Benimm-Regeln:

    „Making it short top violations are trolling, starting a flame-war, harassment/provocations including posts/PM/Public social media, or not ‚Remembering the human‘ aka being hostile or incredibly impolite.“

    Das wird auch so durchgesetzt und finde ich persönlich absolut legitim. Aber genau das brauchen wir woanders auch: Moderator*innen und Community-Manager*innen, die solche Regeln auch durchsetzen, um den Schreihälsen ihre Projektionsfläche ihre nehmen. Dabei geht es selbstverständlich nicht darin, Meinungen zu beschneiden, nur unangemessenen Umgangston und Desinformation.
    Das wird definitiv nicht überall gelingen aber wir sollten alle dazu beitragen – auch in vielen anderen Lebensbereichen.

    Wem mein Text oben zu lang war (tl:dr): Ja, auch ich plädiere auch für eine respektvolle(re) Diskussionskultur, die wir zudem bei jeder Gelegenheit einfordern und durchsetzen sollten… übrigens auch bei so manchem Linux-Guru…

  3. Das Linux-Universum lädt halt per se zum Meckern und Motzen ein, weil man ja in der Tat die Möglichkeit hätte, es anders zu machen, sprich selber (mit-) entwickeln, paketieren, eigene Distro auf machen etc. Geht alles bei Windows, MacOS, iOS und Android nicht. Oder nur sehr sehr eingeschränkt.
    Ist ähnlich wie z.B. beim Fussball – da wissen auch immer viele alles besser. Nur wenn sie auf dem Platz stehen würden, würden es 99% auf keinen Fall besser machen.
    Von daher ist es doch eigentlich gut, dass des Distributionen von Firmen wie z.B. Red Hat, Suse und Canonical gibt, wo kommerzielle Interessen dahinter stehen und wo die Firmen sich dann für Technik $FOO entscheiden. Wäre alles wirklich ohne kommerzielle Interesse und frei und basisdemokratisch, gäbe es heute wahrscheinlich in der Tat immer noch keine Verbreitung von systemd oder „neueren“ Dateisystemen wie BtrFS und ext4 oder den anstehenden Wechsel auf Wayland und Pipewire.

  4. Viele wurden so erzogen:

    „Der klügere gibt nach“

    Das Ergebnis sieht man überall, egal bei was.

    Gruß

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