Windows 11 – Erstaunlich gelungenes Gesamtpaket

Windows ist nach wie vor das wichtigste Desktopbetriebssystem. Wie wenig Aufmerksamkeit die neue Version 11 erhielt, sagt daher auch einiges darüber aus, wie wenig Bedeutung der Desktop- bzw. Notebooksektor noch hat. Dennoch liefert Microsoft ein erstaunlich gelungenes Gesamtkonzept aus.

Windows ist kein System, dem ich in den letzten Jahren viel abgewinnen konnte. Dennoch ist es letztlich für die meisten ein steter Begleiter. Linux oder macOS mag man privat nutzen, aber nur die wenigsten kommen im Arbeitsleben ohne Microsoft Windows aus. Als nun das Upgrade auf Windows 11 anstand, hatte ich ehrlich gesagt keine Erwartungen daran und außer „die Fensterleiste ist nun standardmäßig zentriert“ aus der Berichterstattung auch nichts mitgenommen. Umso erfreulicher war dann das Erlebnis nach abgeschlossener Aktualisierung.

Windows hat mit dem so titulierten Fluent Design eine völlig neue Designsprache erhalten. Dabei handelt es sich natürlich um eine Fortentwicklung bisheriger Prinzipien, aber der Bruch zu Windows 10 ist schon sehr deutlich. Die Icons für viele Bereiche wurden komplett überarbeitet und die Listen und Kontextmenüs deutlich aufgelockert und neu designt. Optisch nähert man sich ein wenig macOS an, ohne jedoch eine billige Kopie zu erstellen.

Erstmals seit Windows 7 hat man nun auch wieder ein weitestgehend konsistentes Design für das komplette Betriebssystem. Von der Shell über zentrale Applikationen wie den Dateiexplorer bis hin zu den Einstellungen.

Dabei handelt es sich keineswegs um rein kosmetische Änderungen, sondern die Bedienelemente wie Menüs und Kontextmenüs wurden deutlich entschlackt, intuitiver und übersichtlicher gestaltet.

Deutlich aufgewertet hat Microsoft den Store, über den sich nun auch herkömmliche Programme installieren lassen. Was die Auswahl betrifft, ist hier sicher noch Luft nach oben, aber für Windows-Nutzer essenzielle Applikationen wie Firefox, Adobe Reader, TeamViewer etc. sind verfügbar. Das gilt ebenso für das neue Office 2021 – auch in der Einmalkauf-Variante. Dadurch ist die Installation und Aktualisierung der Programme viel einfacher und Windows nähert sich hier macOS und Linux an. Eine sehr erfreuliche Entwicklung.

Sachen, die schon unter Windows 10 und seinen Vorgängern gut funktioniert haben, bleiben natürlich erhalten. Was z. B. den Multimonitor-Betrieb betrifft, ist Windows allen Linux-Desktopumgebungen und auch macOS haushoch überlegen. Bei diesen kritischen Funktionen für den Business-Betrieb hat man bei Microsoft immer zugesehen, auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Schließlich sitzen dort die Kunden.

Unter der Haube bleibt Windows 11 deshalb auch weiterhin das alte Windows NT mit seinen über 20 Jahren Entwicklungszeit auf dem Buckel. Tief im Menü vergraben findet man z. B. auch noch die klassischen Systemeinstellungen. Die Neukonzeption unter dem Namen Windows 10X hatte man im Frühjahr endgültig beerdigt. Microsoft hat sich aber sichtlich Mühe gegeben, Windows 11 zu entschlacken, ein konsistentes Äußeres zu verpassen und die schlimmsten Wildwüchse aus Windows 10 zu beseitigen. Ein Blick in die Systemordner auf C: offenbart daher das übliche Dateischema mit all seinen Widersprüchen. Keine Nachteile ohne Vorteile, denn unter Windows 11 werden die meisten alten Programme lauffähig bleiben. Etwas, wovon Linux- und macOS-Nutzer nur träumen können. Puristen und Fans von „cleanen“ Systemen ist das sicherlich ein Graus, aber den normalen Windows-Nutzer dürfte es freuen.

Windows 11 ist definitiv eine positive Überraschung und zeigt, wie man eine Oberfläche gelungen neu gestaltet kann, ohne sich in übertriebenen Reduktionismus zu ergehen. Davon könnte sich beispielsweise KDE einiges abschauen, die sich ja von der Bedienlogik immer eher an Windows als an macOS orientiert haben und wo sich die Entwickler in den letzten Jahren eher in tief verschachtelten Menüs und Einstellungen verlaufen haben.

Leider bleiben die problematischen Entwicklungen von Windows 10 erhalten. Ohne Microsoft-Konto lässt sich Windows 11 für Privatnutzer kaum noch komfortabel betreiben, Telemetriedaten erhebt das System reichlich und nicht völlig abschaltbar und der Schadsoftwaredruck auf Windows bleibt hoch. Für mein Arbeitsgerät ist mir das egal, privat würde ich es eher nicht verwenden.

1 Kommentar

  1. Interessant ist auch, wie harmonisch sich die unterschiedlichen Technologie-Generationen integrieren. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass die Kontextmenüs (größere Schrift, weiches Text-Rendering) mit einem modernen Toolkit neu umgesetzt wurden, während der Win32-Kern des Explorers (härteres Win7-Text-Rendering) durch weiß-getönte Ränder und flaches Design kaschiert ist.

    Bei Gnome müssen wir immer warten, bis das ganze Ökosystem auf die nächste Gtk-Version umgestellt ist, und dann ist es nicht mal stabil.

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