Um die digitale Privatsphäre ist es schlecht bestellt. Auf kleine Fortschritte folgen meist viele Rückschritte. Doch wie wäre die Lösung? An dieser Frage scheiden sich die Geister und man sollte berücksichtigen, was zwischen den Zeilen mitschwingt.

Um den Datenschutz im Internet und die digitale Privatsphäre ist es schlecht bestellt. Die Aussage würde in Deutschland wohl nahezu jeder unterschreiben. Die einen stört es mehr, die anderen weniger, manche denken, sie haben nichts zu verbergen oder machen sich weniger Gedanken. Aber kaum jemand würde sich ernsthaft hinstellen und sagen: Alles perfekt!

Doch in der Frage der Lösungen scheiden sich die Geister. Das wird nur selten offen kommuniziert. Es ist der alte Widerspruch zwischen einer Reform des Systems und einem revolutionären Bruch.

Diejenigen auf der Reform-Seite glauben, dass man mit Gesetzen und einem Wandel der Unternehmenskulturen eine grundlegende Verbesserung erreichen kann. Sie sehen in Vorhaben, wie sie beispielsweise Apple zahlreich umsetzt, den Weg in eine Datenschutz-freundlichere Zukunft. Für Reformer kann auch ein Saulus zum Paulus werden, wenn er sein Geschäftsmodell umstellt. Staatliche Leitplanken und die Erkenntnis, dass immer größere Datenberge nicht zu mehr Gewinnen führen, sollten hier Besserung bringen.

Radikale Revolutionäre lehnen die Struktur des Internets, der digitalen Dienste und die dort agierenden Firmen, wie wir es aktuell vorfinden, radikal ab. Die meisten Revolutionäre halten die gegenwärtige zentrale Dienste-Struktur und App-Ökonomie für ein Grundübel, ohne deren Überwindung keine nachhaltige Privatsphäre möglich ist. Oftmals schwingt eine gehörige Portion Kapitalismuskritik mit (die Ironie wenn hoch bezahlte Informatiker Kapitalismuskritik üben lassen wir hier mal beiseite).

Ein kleines Beispiel dazu: Man konnte diesen Gegensatz sehr schön in den Artikeln rund um Signal in den letzten Wochen lesen. Signal ist ein erfolgreicher (der erfolgreichste?) sicherer Messenger. Er ist aber strukturell gewissermaßen ein Klon erfolgreicher proprietärer Messenger. Es nimmt was gut ist am bisherigen System und ersetzt die problematischen Bestandteile. Zentral konzipiert, mit einer geschlossenen Entwicklergruppe und ggf. wäre irgendwann sogar eine Kapitalisierung des Geschäftsmodells denkbar. Dummerweise (aus Sicht der Revolutionäre) war Signal aber immer sehr gut, sehr sicher und vor allem sehr erfolgreich. Vermutlich hat die App auch viele alten Diensten wie XMPP & Co Benutzer weggenommen. Aber die Fakten sprachen für die App und viele Revolutionäre mussten zähneknirschend Empfehlungen für Signal aussprechen.

Nach der Episode um den zeitweilig nicht verfügbaren Quellcode des Serverparts schießen sich manche nun mit komischen Argumenten auf Signal ein und verstärken die Empfehlungen für dezentrale, wirklich freie Alternativen. Der Revolutionär lässt gewissermaßen die Maske des Reformers fallen. Dies ist nur ein kleines Beispiel, aber es soll verdeutlichen wie sich der Unterschied in den Ansätzen in realen Empfehlungen und Perspektiven auswirkt.

Beide Seiten haben ihre Argumente. Ich persönliche stehe eher bei den Reformern, weil mir reale Erfolge wichtiger als die reine Lehre sind. Plakativ gesagt: Mit Debian würden wir meiner Meinung nach heute mit Linux heute noch da stehen, wo wir 2005 standen, Ubuntu hat uns dahin gebracht wo wir heute sind. Ich akzeptiere aber auch revolutionärere Ansätze, zumal solche in abgeschwächter Form manchmal als Reform zurückkommen. Ohne die Aufmerksamkeit für Datenschutz und digitale Privatsphäre, den viele Aktivisten ertrommelt haben, hätte Apple das schließlich kaum als Geschäftsmodell erkannt.

Wichtig ist, diese grundlegenden Annahmen zu berücksichtigen, wenn man sich zu den Themen Datenschutz und digitale Privatsphäre informiert. Sie prägen Empfehlungen, Sichtweisen und manchmal auch Bewertungen. Das ist menschlich, denn bei Konzepten, denen man wohlwollend gegenübersteht, drückt man lieber mal ein Auge zu und beim Gegenteil versucht man jedes Problem zu finden.

Gerrit
Moin, meine Name ist Gerrit und ich betreibe diesen Blog seit 2014. Der Schutz der digitalen Identität, die einen immer größeren Raum unseres Ichs einnimmt ist mir ein Herzensanliegen, das ich versuche tagtäglich im Spannungsfeld digitaler Teilhabe und Sicherheit umzusetzen. Die Tipps, Anleitungen, Kommentare und Gedanken hier entspringen den alltäglichen Erfahrungen.

3 Ergänzungen

  1. Ich finde ganz wichtig, dass das „wir können ja eh nichts tun“ nicht zum Gegenteil führt. Beispiel: Wir sind ja eh alle gläsern, daraus folgt, lass uns nicht neutral sein, sondern alles das nutzen, was uns Gläsern macht.

    Zweite Ergänzung: In der Zeit gab es (leider) einen Artikel, der Emmanzipation und Digitalisierung in einen Topf wirft. Das war kein Aprillscherz. Männer seien für alles schlechte in der digitalen Welt da und habens verkackt, jetzt müssen Frauen ran und Gemeinwohl-Ansätze im Digitalen einführen. Klassisches Beispiel für ein Thema, bei dem das Geschlecht herausgelassen werden sollte. Ich könnte ja auch sagen, alle schwarzhaarigen habens verkackt.

    Die Freie software bewegung erwähnt dieser Artikel leider nie oder all die Menschen (egal, ob M oder W) die für Datenschutz, Dezentralisierung usw. kämpfen.

  2. „(die Ironie wenn hoch bezahlte Informatiker Kapitalismuskritik üben..)“
    Was soll das den?
    Muss ich jetzt Krankenpfleger oder Harz-4 Empfänger sein um den Kapitalismus zu kritisieren?

    • Nein, aber ein bisschen Reflexion würde manchen gut tun.

      Viele postulieren gerne eine große Veränderung des Systems, aber reflektieren nicht inwiefern sie davon profitieren. Oder alternativ entwirft man nur Pläne für jene Bereiche, die einen nicht selbst betreffen.

      Ohne die enormen Margen im IT Bereich und die Zugkraft der großen Konzerne wären die aktuellen Gehälter eher unwahrscheinlich.

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